"Wird schon nicht so schlimm"

7. Jänner 2011, 18:14
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Online-Betrug leicht gemacht, Barcode-Entwerter fehlten

Wien - ÖBB-Kunden, die ihre Fahrscheine über das Internet gebucht und gekauft haben, wurde der Missbrauch offensichtlich relativ leicht gemacht. Der Grund: Die Zugbegleiter waren nicht flächendeckend mit sogenannten Lesegeräten ausgestattet, um den via Internet ausgestellten Pixelcode, den sich der Fahrgast ausdruckt und mit auf die Reise nimmt, zu entwerten. Laut Fahrgästen hatten nicht einmal alle Schaffner in Fernverkehrszügen auf der Westbahn Zugriff auf modernes Gerät, weshalb sie sich mit der klassischen Zange behalfen und den Barcode wie herkömmliche Fahrkarten abstempelten.

Für findige Fahrgäste war dies natürlich ein gefundenes Fressen. Sie druckten sich den einmal zugeteilten Barcode mehrfach aus und ersparten sich so weitere Ticketkäufe, wie Betroffene dem Standard schilderten.

Hauptgrund für Neuerungen

Missbrauch mit Online-Tickets in großem Stil war, wie die ÖBB seit Tagen versichert, der Hauptgrund dafür, dass die Gültigkeitsdauer kombinierter Hin- und Rückfahrtickets von einem Monat auf zwei Tage eingeschränkt wurde. Sie können seit 12. Dezember überhaupt nur mehr gelöst werden, wenn der Fahrgast das Datum der Rückfahrt auf zwei Tage eingrenzen kann.

Fährt er - aus welchem Grund auch immer - erst am übernächsten Tag, ist das Ticket wertlos und das Geld weg. Er muss einen neuen Fahrschein kaufen. Im Zweifelsfall empfiehlt die Bahn, zwei Einzeltickets zu erwerben, der Preis sei ohnehin der gleiche wie beim Hin- und Rückfahrticket.

Wie hoch die von der Bahn beklagte Missbrauchsrate ist, war am Freitag nicht zu eruieren. Klar ist aber, eine bessere Online-Abwicklung hätte vermutlich auch gereicht, um Missbrauch hintanzuhalten.

Ein Auge zudrücken

Dass Bahnpersonal und Zugbegleiter mit der per Fahrplanwechsel am 12. Dezember eingeführten Neuerung nicht umzugehen wussten, beweist folgendes Beispiel: Als sich eine junge Bahnfahrerin bei einer zwecks Kundenservice beim Ticketautomaten abgestellten ÖBB-Mitarbeiterin beschwerte, empfahl die ÖBB-Assistentin, sie möge einfach das wahrscheinliche Datum eingeben. Auf die Frage des Fahrgasts "Wenn ich das aber dann nicht einhalten kann?", antwortete die ÖBB-Mitarbeiterin: "Wird schon nicht so schlimm sein."

Teuer kann die kurze Gültigkeitsdauer von Fahrkarten bei Fahrten ins Ausland bzw. zurück nach Österreich kommen. Langt zum Beispiel das Schiff wegen Sturms Tage verspätet im Hafen in Kroatien ein, ist der Zug weg - und mit ihm die Vorteilscard-Ermäßigung. Sie wird, wie ein Geschädigter berichtet, von der kroatischen Bahn nicht gewährt. Er habe sich deshalb ein Vollpreisticket kaufen müssen und fühlt sich von den beiden Bahnen um seinen Anspruch geprellt. (ung, DER STANDARD-Printausgabe, 8./9.1.2011)

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