Warum uns die ägyptischen Kopten etwas angehen

7. Jänner 2011, 18:09
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Die Christen sind in den muslimischen Ländern des Nahen Ostens unter Druck und auf dem Rückzug

Kardinal Christoph Schönborn wird am Sonntag an einem Trauergottesdienst für die Opfer des radikalislamistischen Anschlages auf die koptische Kirche in Alexandria teilnehmen. Zu den Heiligen Drei Königen zog er mit Sternsingern in der ersten Wiener Moschee (die einzige mit Minarett) ein. Der Kardinal versucht so, Solidarität mit der uralten christlichen Kirche der (ägyptischen) Kopten mit einer Aufrechterhaltung des guten Verhältnisses zu den heimischen Muslimen zu verbinden.

Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich hat den Anschlag, der zwei dutzend Tote forderte, sofort verurteilt. Noch wichtiger im internationalen Kontext der Auseinandersetzung zwischen Muslimen und Christen ist, dass sowohl die führende (sunnitische) theologische Universität Al Azhar in Kairo als auch die ägyptischen Muslimbrüder den Anschlag verurteilten. Die Muslimbrüder, die historisch radikale Wurzeln und auch aktuell einen radikalen Flügel haben, sind die wichtigste Opposition im autoritären Mubarak-Regime, sehr stark in der Wirtschaft und könnten eines Tages in Ägypten an die Regierung kommen.

Die Christen sind in den muslimischen Ländern des Nahen Ostens unter Druck und auf dem Rückzug. In Europa, das das politisierte Christentum großteils abgeschüttelt oder eingegrenzt hat, wollte man sich lange nicht mit dem Schicksal der nahöstlichen Christen beschäftigen. Aber selbst wenn man dem Christentum skeptisch bis ablehnend gegenübersteht, bleibt die Frage der Menschenrechte - und dazu gehört die freie Religionsausübung -, die den Christen in diesen Regionen vorenthalten werden.

Eine zusätzliche, faszinierende Ebene ist die kulturpolitische. Die Kopten z. B. führen sich auf den Evangelisten Markus (1. Jh. n. Chr.) zurück. Das Christentum selbst ist im Orient entstanden, hat seine ersten größeren Entwicklungsschritte in Ägypten, Syrien, Kleinasien, Armenien gesetzt, war aber stark durch die Begegnung mit der griechischen Philosophie beeinflusst - was übrigens Papst Benedikt XVI. in seiner umstrittenen Regensburger Rede zu folgendem Schluss brachte: "Diese Begegnung (aus biblischem Glauben und griechischem philosophischen Fragen - Anm.), zu der dann noch das Erbe Roms hinzutritt, hat Europa geschaffen und bleibt die Grundlage dessen, was man mit Recht Europa nennen kann."

Das ist der zweite Grund, warum uns die ägyptischen Kopten etwas angehen, ebenso wie die zahlreichen anderen, meist uralten christlichen Denominationen im Nahen Osten, die meist in Bedrängnis sind. Die islamisch-arabische Eroberung nach Mohammed hat Christen (und Juden) Jahrhunderte überleben lassen, wenn auch als nachrangige "Schutzbefohlene".

Seit dem Aufleben des arabischen (und türkischen) Nationalismus und später des islamischen Fundamentalismus hat sich die Situation verschärft. Bis zum Ersten Weltkrieg waren etwa 20 Prozent zwischen Mittelmeer und Mesopotamien Christen, heute vielleicht fünf Prozent. Es liegt in der Verantwortung Europas, für ihre Rechte, so gut es geht, einzutreten. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 8.1.2011)

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