Der Ausstopper Schüssels

7. Jänner 2011, 18:02
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In "Zur Zeit" wurde unter dem Titel "Schüssels Erbe - Schwarze Kanzlerschaft dank FPÖ vier Jahre vorüber" ein Jubiläum gefeiert

Endlich ist ruchbar geworden, wer schuld sein muss an den Zuständen in Ungarn. Dank "News". Dort durfte H.-C. Strache dem Publikum seinen Verein als soziale Heimatpartei schönlügen und gestehen: Unsere positive Kultur tragen wir in die Welt hinaus. Und schon ist ein erster Erfolg da! Im persönlichen Einsatz hat er das ja auch in Israel versucht, und ein Besuch der Tea Party steht bevor. "Ich befasse mich genau mit den Inhalten und ziehe meine Schlüsse daraus." Vermutlich ähnliche wie aus seiner Bierdeckelparty in Yad Vashem. Dort erfuhr sein Größenwahn einen deutlichen Schub. Der Zweck war, dass ich den Dialog gesucht habe, eine Vermittlerrolle in dem Konflikt eingenommen habe. So wie zuvor Bruno Kreisky. Es wäre ihm auch glatt gelungen, was den amerikanischen Unterhändlern bisher versagt geblieben ist, wäre er nicht abgelenkt worden. Diesmal aber nicht von der amerikanischen Ostküste: In Israel musste ich der Vernaderung der Sozialistischen Internationalen gegensteuern.

Er hat's schon schwer, resigniert aber auch zu Hause nicht. Strache will die FPÖ in Regierungsämter führen, gibt das Magazin seine politischen Fantasien wieder. An eine absolute Mehrheit glaubt er noch nicht so recht, aber die ÖVP soll sich dennoch keine Hoffnungen machen. Dieselben Fehler machen wir nicht noch einmal. Ich mache nicht den Drittgereihten zum Kanzler.

Dafür gibt es gute Gründe, und die konnte man der aktuellen Ausgabe von "Zur Zeit" entnehmen. Dort wurde unter dem Titel Schüssels Erbe - Schwarze Kanzlerschaft dank FPÖ vier Jahre vorüber ein Jubiläum gefeiert, in einem Stil, der eine blau-schwarze Koalition für die nächsten tausend Jahre ausschließen dürfte: Wenn man der ÖVP eine Idee anvertraut und auf eine gute Lösung hofft, wird ein Problem daraus. Ein typisches Beispiel dafür wäre die Idee Grasser als Finanzminister. Aber der Autor - zum Unterschied von den anderen, namentlich gezeichneten, Beiträgen ist dieser nur mit (Red.) signiert - hat andere Beispiele anvertrauter Ideen, die von der ÖVP zum Problem gemacht wurden, zu bieten. Analysiert man die lange Liste von Fehlleistungen der heimischen ÖVP - gibt's die auch anderswo? -, so sieht man immer wieder, daß diese Partei es genau schafft, aus einer an und für sich guten Idee das Falsche zu machen.

Ein Beispiel für viele: Es war immer schon problematisch, wenn ein Parteiobmann wie Schüssel 1997 einen prominenten deutschen Bundesbanker als "richtige Sau", den dänischen Ministerpräsidenten als "Trottel" und den weißrussischen Staatsführer als "Kümmeltürken" tituliert. Da ist etwas dran. Leider beantwortet (Red.) aber nicht die nun drängende Frage, wer Schüssel diese Ideen anvertraut hat, in der Hoffnung, er werde daraus kein Problem, sondern eine gute Lösung deichseln. Dem verbal so kreativen Bundeskanzler, dessen Kanzlerschaft dank FPÖ vier Jahre vorüber ist, nachdem sie dank FPÖ möglich geworden war, wird auch gleich die kürzlich beschlossene Version eines Transparenzkontos umgehängt - eine Idee, von der ÖVP ihren Lobbies zu Diensten gebracht, mutiert zum politischen Querschläger mit allgemeinem Gefährdungspotential.

Und es kommt schlimmer. Mit dem engen Freund und Amtskollegen Ivo Sanader findet nun Schüssel einen weiteren Weggefährten, für den die Unschuldsvermutung gilt. Und der ist nicht der Einzige, viele der bevorzugten Freunde des früheren ÖVP-Bundeskanzlers haben eine schrille Schräglage. Die ÖVP von den Metastasen der Ära Schüssel zu befreien dürfte offenbar schwieriger sein als Neapel von den Müllhalden. Aber die Justiz hilft.

Und noch ein Retter ist uns erstanden. Daß die FPÖ unter H. C. Strache vor vier Jahren den Ambitionen dieses Herrn auf Verlängerung seiner Bundeskanzlerperiode ein Ende bereitet hat und damit Schüssel ausgestoppt hat, wird so zum demokratiepolitischen und -hygienischen Dienst an der Republik schlechthin. Wer jetzt nicht bereit ist, sich vor dem Ausstopper als dem neuen Pater patriae zu verneigen, der verkennt die Lage. In schwerer Zeit des Umbruchs in Europa werfen auch selbsternannte Napoleone wie Ivo Sanader, Edmund Stoiber oder Wolfgang Schüssel - weil eben Zwerge - lange Schatten in der nieder stehenden Wintersonne und liefern damit unerwünschte späte Größe, die ausschließlich in langer Ausbreitung von Dunkelheit besteht.

Von Straches Team hat diese Dunkelheit längst Besitz ergriffen: Jörg Haider aus Schüssels Leben total wegzuretuschieren könnte Stalin eingefallen sein. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 8./9.1.2011)

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    Schüssel, Haider sowie ein sichtlich "begeisterter" Bundespräsident Klestil im Jahr 2000.

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