"Pferde diskutieren nicht"

7. Jänner 2011, 17:08
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Auffällige Jugendliche lernen bei Tiertherapien Strategien zur Problemlösung

 Innsbruck - "Was du ausstrahlst, das reflektiert das Pferd", sagt Therapeutin Carina Prantl den Jugendlichen. "Wenn du signalisierst, ich will gar nicht wirklich gehen, dann geht das Pferd auch nicht mit." In Übungen lernt Peter, sich selbst, aber auch die Pferde zu motivieren. Etwa zum Mitgehen. Denn Pferde reagieren nicht auf Worte, sondern auf Körpersprache.

"Pferdeunterstütztes Arbeiten wird eingesetzt, um ein Gegenstück zur verbalisierten Kommunikation zu erhalten", sagt Therapeutin Carina Prantl. "Die Pferde reagieren direkter auf das Verhalten der Jugendlichen." Seit dem Frühjahr 2009 läuft das Kooperationsprojekt der Sozialeinrichtung "Netz" mit Prantls Zentrum für pferdeunterstütztes Lernen. 2010 erhielt es den dritten Preis im Rahmen der Konferenz "Tiere als Therapie" (TAT).

Körpersprache einsetzen

"Wenn Therapie innerhalb der Familie nicht funktioniert oder wenn die Jugendlichen nicht mehr in ihren Familien leben können, dann landen sie bei uns", sagt Sozialarbeiter Marco Uhl vom Verein "Netz". Der Verein bietet ambulant betreutes Wohnen und sozialpädagogische Intensivberatung für 15- bis 18-Jährige mit "sozialen Auffälligkeiten". "Das sind gewalttätige Jugendliche mit Autoritätsproblemen, die stehlen, arbeitslos sind und Drogen nehmen."

In der ersten Zeit, der Abklärungsphase, wollen die Betreuer sehen, wie sich die Jugendlichen verhalten. "Und alle müssen zwei Stunden zu den Pferden", sagt Uhl: "Egal wie sehr sie sich fürchten oder wie sehr sie sich ekeln." Es sei die Angst vor der Ablehnung, sagt Therapeutin Prantl: "Denn die Jugendlichen können die Pferde nicht kontrollieren oder in einem Gespräch manipulieren. Pferde diskutieren nicht." 

Geritten wird nicht

Die zwei Therapiepferde, die Friesenstute Anima und der Norikerwallach Ross, stehen auf der Koppel oder auf dem Übungsplatz beim Höttingerhof in Afling. Gearbeitet wird nach einem pferdeunterstützten Beratungsmodell. Geritten wird nicht, die Pferde sind Interaktionspartner. Und: "Der Jugendliche braucht ein Konzept", fordert Prantl. Denn auch Pferde loten ihre Grenzen aus, sind aufdringlich, fordernd, faul oder ungehorsam.

Bei zu viel Respekt brechen die Pferde das Eis. "Pferde sind neugierig und kommen gleich her, um zu schauen, was da los ist." Und immer wieder erkennen sich die Jugendlichen in den Pferden. Peter etwa findet, "Ross" sei so stur wie er selbst. Die Arbeit mit den Pferden werde danach immer positiv gesehen, sagt Sozialarbeiter Uhl: "Von den Pferden fühlen sich die Jugendlichen nicht bewertet." (ver, DER STANDARD-Printausgabe, 8./9.1.2011)

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    Gewalttätige Jugendliche bekommen tierische Unterstützung: Pferde.

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