"Bevölkerung wird massiv enttäuscht werden"

9. Jänner 2011, 08:47
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Afrikanist und Sudanforscher Michael Zach im derStandard.at-Interview über das Referendum über die Unabhängigkeit des Südsudans

Die Südsudanesen feiern sie bereits, die Unabhängigkeit vom Norden, für die sie Jahrzehnte gekämpft haben, zuerst mit Waffen, dann auf politischem Weg. Am Sonntag findet das Referendum in der Region von der Größe Frankreichs statt. Für die sieben Tage dauernde Abstimmung haben sich 3,9 Millionen der etwa 8,7 Millionen Einwohner im Süden des Landes registrieren lassen. Das Referendum ist Teil des Friedensabkommens von 2005, mit dem der Bürgerkrieg im Sudan beendet wurde. Die Abstimmung läuft bis zum 15. Jänner, offizielle Ergebnisse soll es aber nicht vor Februar geben. Der Afrikanist und Sudanforscher Michael Zach sprach mit derStandard.at über die möglichen Folgen des Referendums.

derStandard.at: Erst im Dezember hat es eine Reihe von Luftangriffen auf Stellungen der Streitkräfte des Südens gegeben und obwohl die gesamte Vergangenheit des sudanesischen Präsidenten dagegen spricht: Ist es doch möglich, dass Omar al-Bashir den Süden ziehen lässt?

Michael Zach: Ihm wird nichts anderes übrig bleiben.

derStandard.at: Er könnte dem Referendum seine Gültigkeit absprechen.

Michael Zach: Die Möglichkeit gibt es natürlich. Nur hat dieses Referendum zu große Medienpräsenz, als dass er das auch wirklich durchziehen könnte. Vor allem auch weil die OAU (Organization of African Unity, Anm.) das auf ihrer Agenda hat. Das wäre sozusagen das Ende für ihn.

derStandard.at: Das würde komplette internationale Isolation bedeuten?

Michael Zach: Ich weiß nicht, ob das nicht noch weitere Schritte nach sich ziehen könnte – außer der Tatsache, dass er dann auch in Afrika isoliert wäre. Ich möchte nicht schwarzmalen, und abgesehen davon, läuft alles auf die Unabhängigkeit hinaus. Die wird er nicht mehr stoppen können.

derStandard.at: Wie wird der Norden auf die Abspaltung reagieren? Besteht die Gefahr eines neuen Bürgerkrieges?

Michael Zach: Die Gefahr besteht. Vor allem weil die Grenze zwischen Nord und Süd an manchen Stellen nach wie vor nicht festgelegt worden ist; hier geht es natürlich um Bodenschätze und Ressourcen. Es wird noch eine Festlegung der Grenze bedürfen, wobei wir dabei aber nicht von unserem gängigen Grenzbegriff ausgehen dürfen. Auch in Darfur hat sich gezeigt, dass es Gruppierungen gibt, die in nomadischer oder semi-nomadischer Lebensweise leben, die also aufgrund von klimatischen oder naturräumlichen Bedingungen mit ihren Herden die Grenzen wechseln mussten.

Die Frage ist nun, wohin solche Gruppierungen dann gehören. Das klingt simpel, ist aber gar nicht so unkompliziert. Im Vorfeld gab es bereits Irritationen, nachdem diverse Gruppierungen nicht zur Abstimmung zugelassen worden sind, weil der Norden gemeint hat, sie gehörten zu ihm, sie selbst aber meinten, sie gehörten eben zu beiden Seiten. Das ist das Problem der kolonialen Grenzen, die immer schon Anlass für viele Konflikte gegeben haben. Das birgt einiges an Konfliktpotential.

derStandard.at: 20 Prozent des Verlaufs sind noch immer offen. Wie soll entschieden werden, wohin etwa die Grenzprovinz Abyei gehören soll?

Michael Zach: Die Bewohner selbst sagen, sie gehören zum Süden. Sie dürfen zwar beim Referendum nicht abstimmen, aber am Ausgang wird das nichts ändern. Ich weiß nicht, ob oder wieweit sich Kommissionen bilden werden, die die Grenze festlegen. Ich könnte mir vorstellen, dass das unter Miteinbeziehung oder OAU geregelt werden könnte. Ob sie die UNO miteinbeziehen wollen, sei dahingestellt. Hier sind internationale Stellen gefordert, um den Prozess einigermaßen geordnet ablaufen zu lassen.

derStandard.at: Wie werden sich Nord und Süd die Erlöse aus dem Ölgeschäft teilen? Derzeit ist ein Schlüssel von 50:50 festgelegt. 80 Prozent des Erdöls liegen aber im Süden.

Michael Zach: Das Problem ist, dass der Südsudan ein Binnenstaat sein wird. Der Norden wird nach wie vor ein Druckmittel haben, weil die Pipelines über den Norden laufen. Da sehe ich schon ein Spannungspotential, zumal es kaum eine Alternative gibt, wie eine Ersatzpipeline an den indischen Ozean oder zumindest an die Küste errichtet werden könnte. Auch das wird noch in den Verhandlungen geklärt werden müssen.

derStandard.at: Im Süden liegen etwa drei Viertel aller Ölquellen, im Norden die Pipelines und Raffinerien. Dass Süden und Norden aufeinander angewiesen sind, könnte doch unter Umständen auch positiv sein, weil, simpel gesagt, Krieg das Geschäft stört?

Michael Zach: Krieg stört immer das Geschäft und hat in der Vergangenheit auch oftmals dazu geführt, dass Konflikte ziemlich schnell bereinigt worden sind. Für beide Seiten muss eine Lösung gefunden werden. Es gibt die überspitzte Darstellung, dass der Norden von China unterstützt wird, der Süden vom "Westen". Ich hoffe, dass es nicht zu einem Stellvertreter-Konflikt kommt.

derStandard.at: An Öl mangelt es in der sudanesischen Wüste nicht, aber die Fördermenge beträgt noch nicht einmal eine halbe Million Barrel am Tag. Saudi-Arabien zum Beispiel fördert mehr als 20 Mal so viel. Der Hauptkunde China bezahlt das Öl außerdem nicht mit Geld, sondern mit Waffen. Umgekehrt entlohnen die Sudanesen ihre Geschäftspartner inzwischen mit Staatsanleihen. Nachhaltigkeit sieht anders aus.

Michael Zach: Nachhaltig ist tatsächlich anders und die Frage ist auch, inwieweit die Einnahmen durch den Bau zusätzlicher Raffinerien im Süden gesteigert werden können. Das steht ja auch im Raum.

derStandard.at: Hat der Süden die dafür nötige Infrastruktur?

Michael Zach: Theoretisch ja, die Frage ist, wer sich von den ausländischen Konzernen daran beteiligt. Was die Ölförderung angeht, gibt es eine weitere Problematik, die weniger vordergründig ist, nämlich die ökologische Folge, also die Zerstörung der Natur. Im Bereich der Erdölförderung gibt es hier das abschreckende Beispiel des Nigerdeltas in Nigeria, wo man nur ein Loch ausheben braucht und schon quillt eine Suppe aus stinkendem Wasser-Öl-Gemisch heraus. Wenn auch hier nicht nachdrücklich und nachhaltig vorgegangen wird, kann es zur ökologischen Katastrophe kommen.

derStandard.at: Washington hat mit dem südlichen Sudan zusammen gearbeitet, um allmählich eine Regierung, ein Finanzsystem, Polizei und Armee zu schaffen. Wie groß ist der Einfluss der Vereinigten Staaten im Sudan und wie stehen ihre Chancen, die Chinesen hinauszudrängen, wenn der Süden wegbricht?

Michael Zach: Der Westen muss sich hier mit den Chinesen arrangieren oder umgekehrt. Infrastrukturell hat China im Norden investiert, und zwar massiv, und China investiert weiter. Die Chinesen sind mitbeteiligt an den Mega-Staudämmen, mit denen der Nil zugepflastert wird. Der Merowe-Damm etwa wurde unterhalb des vierten Kataraktes (knappe 400 Kilometer nördlich der Hauptstadt Khartum entfernt, Anm.) schon geflutet. Dabei kamen mehrere hundert Kilometer unter Wasser.

Das hat nicht nur ökologische Folgen und führt zu Zerstörung und Krankheiten, sondern auch zu Umsiedlungen. Weitere Dämme sind in Planung, was nicht nur die gesamte Energiesituation verändert, sondern auch zu Umsiedlungen führt. Und die Umsiedlungspolitik der Zentralregierung in Khartum ist nicht unumstritten, da gibt es durchaus Widerstand im Sudan.

derStandard.at: Im ganzen Südsudan gibt es nur eine Klinik, die den Namen auch verdient, jeder Zweite in der Region hat weniger als einen Dollar pro Tag zum Überleben zur Verfügung, neun von zehn Frauen können nicht lesen. Ist ein unabhängiger Südsudan überhaupt überlebensfähig?

Michael Zach: Die Infrastruktur ist im Süden faktisch nicht vorhanden. Das Geld floss bisher vor allem in die Rüstungsausgaben in Vorbereitung eines möglichen neuen Krieges, aber nicht in den Bildungsbereich etc. Der Südsudan erwartete sich von seiner Unabhängigkeit praktisch einen schlagartig einsetzenden Wohlstand für alle. Schon nach dem Comprehensive Peace Agreement (CPA, Friedensvertrag von 2005 zwischen der südsudanesischen Rebellenorganisation SPLM/A und der sudanesischen Regierung, Anm.) hat man geglaubt, dass jetzt alles besser wird.

Ich fürchte, dass die Bevölkerung massive Hoffnungen in diese Unabhängigkeit setzt und massiv enttäuscht werden wird. Die Frage ist, ob das in ethnische Auseinandersetzungen ausarten wird. Auch der Südsudan ist ein multi-ethnischer Staat, es steht also zu befürchten, dass alte ethnische Konflikte wieder ausbrechen. Die Frage ist, ob er mittelfristig überleben kann.

derStandard.at: Dazu fehlt es an den nötigen Beamten und Fachleuten, damit der Staat läuft.

Michael Zach: Ohne massive Hilfe aus dem Westen wird es nicht gehen. Es gibt schon Hilfe, aber die muss noch massiv verstärkt werden. Wie wollen Beamte etwas exekutieren, das sie nicht einmal lesen können? Und: In welcher Sprache oder in welchen Sprachen? Bleibt dann nur, auf die Kolonialsprache zurückzugreifen? Außerdem gibt es eine Reihe von Ethnien, die sich schon seit Jahrhunderten feindlich gesinnt sind. Wie wird also die Regierung zusammengesetzt werden? Nach ethnischen Gesichtspunkten? In welcher Sprache wird verhandelt, werden Gesetze erlassen?

derStandard.at: Auch die Aufteilung der Auslandsschulden (37 Milliarden US-Dollar) ist noch nicht geklärt. Wie soll das funktionieren?

Michael Zach: Der Südsudan wird ohne Schuldenerlass nicht durchkommen. Woher soll er das Geld nehmen? Wenn der Südsudan auch noch Schulden zahlen müsste, würde er wegbrechen, bevor er überhaupt unabhängig wird.

derStandard.at: Wie weit wird ein Zerbrechen des flächenmäßig größten Landes Afrikas die geopolitische Struktur des Kontinents in Frage stellen? Steht die gesamte koloniale Grenzziehung zur Disposition?

Michael Zach: Nein, die Grenzziehung per se wird nicht in Frage gestellt werden. Das hätten wir sonst schon bei der Trennung Eritreas von Äthiopien gehabt. Aber für die Region könnte die Unabhängigkeit des Südens schon als Initialzündung dazu dienen, dass auch andere Regionen sich loslösen wollen. Allen voran Darfur. Süddarfur gehört im Falle der Unabhängigkeit des Südens zum Südsudan – ein schlimmes Erbe, was dazukommt.

derStandard.at: Dass die Scharia mit positivem Ausgang des Referendums umfassend gelten soll, hat al-Bashir bereits angekündigt. Wie weit wird die Regierung in Khartum nach einer Sezession des Südens den islamischen Charakter des Restsudans verstärken?

Michael Zach: Auch der sudanesische Islam ist keine monolithische Religion. Ich habe selten derart tolerante Menschen erlebt wie im Sudan. Nur wurden die seit Beginn der 80er Jahre (durch die Hinwendung zu einer islamistischen Regierung unter Präsident Dschafar Muhammad an-Numairi, Anm.) aus relativ offensichtlichen politischen Gründen instrumentalisiert. Die Islamisierung passiert also ohnehin und durchdringt mittlerweile alle Bereiche. (fin, derStandard.at, 7.1.2011)

  • Michael Zach lehrt am Institut für Afrikawissenschaften an der Universität Wien, Schwerpunkt Sudanforschung.
    foto: michael zach

    Michael Zach lehrt am Institut für Afrikawissenschaften an der Universität Wien, Schwerpunkt Sudanforschung.

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    Während der nördliche Teil des Sudan mit der bisherigen Hauptstadt Khartum hauptsächlich von arabischen Muslimen besiedelt ist, leben im Süden vor allem Christen. 2010 wählten sie Salva Kiir zum Präsidenten des halbautonomen Südsudans - zugleich ist er noch Vizepräsident des Gesamtsudans.

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    Kundgebungen für die Unabhängigkeit des Südsudans.

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    Links: der Präsident der bisher autonomen Region Südsudan Salva Kiir, rechts: der sudanesische Präsident Omar Hassan al-Bashir.

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    Südsudanesische Flagge in der südsudanesischen Hauptstadt Juba.

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    Sudans Präsident ist Omar al-Baschir, der vom Internationalen Strafgerichtshof per Haftbefehl gesucht wird wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Darfur-Konflikt. Die nordsudanische Führung hat derweil angekündigt, dass sie mit einer Abspaltung des Südsudan rechnet.

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