Immanuel Kant, Aki Kaurismäki und ein toller Elch

7. Jänner 2011, 17:08
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Das zu Ende gegangene Berliner Theaterjahr kann sich nicht rühmen: Moden und Mängel anstatt Glanz

Es war kein brillantes Jahr, das in Berlin mit den letzten Premieren zu Ende ging. Mehr Moden und Mängel als Glanz wurde sichtbar: Das Deutsche Theater hat vorzügliche Schauspieler vorzuweisen, aber keine künstlerischen Höhepunkte; Intendant Ulrich Khuon hat den Risikoauslauf für Regisseure, nach Prosa nun auch Filme auf die Bühne zu hieven, nicht gebremst. Am Berliner Ensemble herrscht fast altmodischer, auch wohltuender Biedersinn mit ebenfalls guten Schauspielern. Die Schaubühne und ihr profiliertes Ensemble suchen mit Entschiedenheit nach einem eigenen Stil.

Am Deutschen Theater hat sich Dimiter Gotscheff mit Samuel Finzi, Wolfram Koch, Margit Bendokat und Almut Zilcher ein Lieblingsensemble gesichert, mit dem er nach der Novelle Krankenzimmer Nr. 6 ein durchaus reizvolles Tschechow-Medley inszenierte. Jetzt geht er über die fragwürdige Wiederverwurstung von Romanliteratur hinaus und nahm sich Aki Kaurismäkis leisen Film Der Mann ohne Vergangenheit vor.

Man bewundert durchaus die Schauspieler in der Geschichte des im Hafenviertel von Helsinki zusammengeschlagenen Metallarbeiters (Wolfram Koch), der dabei sein Gedächtnis verlor. Katrin Brack markiert die Obdachlosentristesse mit vielen großen Plastiktaschen mit leisem Witz. Samuel Finzi steht im Glitzerfummel auf Stöckelschuhen auch als Mann seine Frau. Margit Bendokat entfaltet zart-komisch proletarischen Zauber, Almut Zilcher kann dem Klischee der Heilsarmeesoldatin wenig eigene Farbe abgewinnen, Andreas Döhler mimt mit skurrilem Charme einen Hund. Aber nichts fügt sich zusammen, weil nichts zusammengehört und zusammenpasst. Die Aura des Films ist hin, der sanfte, mitmenschliche Zauber ist verflogen.

Nicht viel besser ergeht es nebenan in den Kammerspielen Arthur Millers Alle meine Söhne (1947), denen Roger Vontobel etwas Zeitlos-Zeitgenössisches mitzugeben versucht. Das Stück um Rüstungsgeschäfte mit Todesfolgen als Tragödienschatten auf amerikanischer Sauberfamilie verlegt er mit spielenden Kindern in eine Rollrasengartenidylle. Ein Apfelsturzregen sorgt für einen dramatischen Auftakt, der ein nach wie vor gutes Stück auf die schiefe Bahn bringt.

Mit Immanuel Kant hat sich Thomas Bernhard einen nicht besonders gelungenen Spaß gemacht. Bernhard verfrachtet den großen Denker (1724-1804), der aus seiner ostpreußischen Heimat Königsberg nie herausgekommen ist, auf einen Luxusdampfer auf dem Weg nach New York. Er zeigt ihn als Irren, der bei der Ankunft in die Anstalt gebracht wird - samt Papagei, der im verhängten Käfig alles nachplärrt. Philip Tiedemanns Regie am Berliner Ensemble ist bieder. Die Titelrolle gibt Norbert Stöß redlich und eher zurückgenommen. Carmen-Maja Antoni als "Millionärrin" ist auf dreist-charmante, mitreißende Art saukomisch. Die mitreisenden Herren an Bord können sich mit Gebrüll aus ihrem Chargenkäfig nicht befreien. Auch der Einfall, dass der verhängte Käfig mit dem ständig plärrenden Papagei endlich leer ist, erweist sich eher als Reinfall.

Erfrischend gegenüber so viel Profilierungsdrang ist dagegen die Uraufführung von Perplex an der Schaubühne. Marius von Mayenburg, Hausautor und inzwischen auch versierter Regisseur, krallt sich den Zuschauer mit blitzgescheit frechem Grinsen zu einer Geisterfahrt im Theater, wo nichts so ist, wie es zunächst scheint: Ein junges Paar (Eva Meckbach, Robert Beyer) kommt aus den Ferien in seinen Bungalow zurück. Das Freundespaar (Judith Engel, Sebastian Schwarz), das da einhütete, macht ihnen klar, dass das nun ihrer ist. Die Verwirrung steigert sich, als ein Paket kommt - mit dem abgetrennten Kopf des heimkehrenden Mannes (Beyer).

Der geistvoll-gewitzte Autor gibt dem Affen Zucker und Judith Engel einen Elch zum Liebesspiel. Sinnestäuschungen und Geisterkapriolen, Bildungs- und Psychokram, mit dem hier komisch jongliert wird, wird gewissenhaft entsorgt. Sebastian Schwarz, der bislang Freund und Elch war, ist jetzt Bühnenarbeiter. Wenn die Bühne leer ist, macht der Letzte bitte das Licht aus, darf auf dem Heimweg herzhaft lachen - nicht unter Niveau, versteht sich. 8Lorenz Tomerius, DER STANDARD - Printausgabe, 8./9. Jänner 2011)

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