Überschätzte Freilandhaltung

7. Jänner 2011, 17:48
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Nicht einen einzigen Monet würde man heute für einen Thoma opfern - 1940 war das anders

Mit 166.400 Euro kommt man bei international anerkannten Künstlern der frühen Moderne nicht weit. Sofern mit Monet oder Renoir französische Impressionisten auf der Wunschliste stünden, müsste man mit Aquarellen, Zeichnungen oder Ölstudien das Auslangen finden. Repräsentative, in der Fachliteratur publizierte Motive gäbe es für den Betrag nicht. Auch keinen Adolph von Menzel, mit etwas Glück einen Jan Brueghel, wohl aber einen schmucken Hans Thoma. Für in der deutschen Kunstgeschichte weniger Bewandte: Derer gab es zwei, gemeint ist der aus dem Schwarzwald gebürtige Direktor der Kunsthalle Karlsruhe, der dieses Amt von 1899 bis 1920 ausübte und ebendort zeitgleich Professor an der Großherzoglichen Kunstschule war. Bis ins frühe 20. Jh. gehörte er zu den angesehensten Malern Deutschlands, international blieb ihm Anerkennung verwehrt. Eine Konstellation, die sich auch in der Preisentwicklung seiner Werke und der gegenwärtigen Situation auf dem Kunstmarkt spiegelt.

Laut der Kunstpreisdatenbank Artprice wechseln 92 Prozent der auf dem freien Markt verfügbaren Arbeiten innerhalb der deutschen Grenzen über Auktionshäuser den Besitzer, und zu 90 Prozent liegen die dort erzielten Zuschläge unter 1400 Euro. Ergebnisse über 100.000 Euro sind für diesen Künstler eine Ausnahme und wurden bisher nur zweimal verzeichnet: 2006 (Christie's Amsterdam: Mainlandschaft, 1890: 106.000 Euro) und im Dezember 2010 (Christie's London: Blick auf Mamolsheim, 1890: 166.431 Euro). Das zuletzt versteigerte Großformat dürfte wohl mit seiner Provenienz gepunktet haben: Ehemals in der Sammlung des Frankfurter Kaufmanns Martin Flersheim, wurde das Bild von den Nazis beschlagnahmt ("Sonderauftrag Linz" ), fristete als Dauerleihgabe im Städtischen Museum Gelsenkirchen sein Dasein und wurde 2010 von der Republik an die weltweit versprengte Erbengemeinschaft nach Flersheim restituiert.

Ideologische Marktmache

Selbst wenn das aus gegenwärtiger Sicht - sowohl den Kunstmarkt, als auch die kunsthistorische Bedeutung betreffend - nahezu unverständlich scheint: Es gab eine Zeit, da rangierte Thoma in der Wertschätzung amtierender Museumsdirektoren ganz oben. Eine Blütezeit, die den Künstler posthum ereilte und für die sein Förderer, der Kunsthistoriker Henry Thode, der sein Œuvre zu einer Verkörperung nationaler Identität stilisierte, den Nährboden bereitet hatte. Thoma passte perfekt in das Beuteschema der nationalsozialistischen Kunstideologie. Und zwar so mustergültig, dass zwischen 1933 und 1945 ein regelrechter Hype für Thoma-Werke entbrannte mit aus heutiger Sicht bizarren Auswüchsen.

Anlässlich des von Sotheby's im Oktober 2010 in Wien veranstalteten Restitutionssymposiums schilderte Andrea Bambi, Oberkonservatorin und Leiterin des Referats für Provenienzforschung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (BSTGS), einen solchen Fall. Mit ministerieller Genehmigung tauschte der damalige Generaldirektor Ernst Bucher 1940 bei den Kunsthändlern Karl Haberstock und Julius Böhler sechs Werke aus dem Bestand gegen eines von Hans Thoma ein, "opferte" zwei Gemälde von Claude Monet sowie je eines von Jan Brueghel, Menzel, Myn und Wynant für das Hühnerfütternde Mädchen (1870).

Zum besseren Verständnis: Der Idylle der Freilandhaltung war ein Wert von 140.000 Reichsmark attestiert worden, dem Konvolut Alter Meister und Impressionisten insgesamt nur 33.000. Nicht nur an der derzeitigen Kaufkraft gemessen - 652.000 gegenüber 153.800 Euro - wohl ein historischer Fall von Überbewertung. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 8./9. Jänner 2011)

 

  • Hans Thoma: "Hühnerfütterndes Mädchen"  attestierte man 1940 einen 
überzogenen Wert von 140.000 RM (625.000 Euro).
    foto: bayerische staatsgemäldesammlung

    Hans Thoma: "Hühnerfütterndes Mädchen" attestierte man 1940 einen überzogenen Wert von 140.000 RM (625.000 Euro).

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