Freundschaft als Falle

7. Jänner 2011, 18:04
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Zu viel der Bewunderung: Robert Dachs scheitert an einer Biografie des schwierigen Schauspieltitanen Oskar Werner

Die englische Schriftstellerin Rebecca West mokierte sich einst bitter über den Berufsstand der Biografen. Diese würden, als handele es sich um ein Picknick von Kannibalen, an den offenen Gräbern verstorbener Prominenter sitzen, deren Knochen abnagen und das Gebein dann hinter sich werfen. Solcher Kritik hielt Michael Holroyd, selbst Autor einiger Biografien, in seiner Essaysammlung Works on Paper: The Craft of Biography and Autobiography die Fähigkeit der biografischen Darstellung entgegen, gerade durch das Schildern von Verdecktem der Geschichte ein menschliches Gesicht zu verleihen - sie zu humanisieren.

Höchst merkwürdig ist es, dass es hierzulande die Biografie als Genre immer noch schwer hat, mag sie auch nachgefragt werden, mag es auch grandiose Gegenbeispiele geben. Und doch verstellt so manche Biografie den Zugang zu dem Menschen, dessen Porträt gezeichnet werden soll. So ergeht es seit langem Oskar Werner (1922- 1984), weil sich um diesen Schauspieler eine Entourage gebildet hat, die ihm bis heute Mimenkränze windet und ihn zum Mythos erhoben hat.

Robert Dachs, befreundet mit dem in Gumpendorf als Oskar Josef Bschließmayer geborenen Werner, gehört zu diesem Kreis, die den stimmlich sofort herauszuhörenden Schauspieler noch ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod adoriert. Vor vielen Jahren gab Dachs, seines Zeichens Dramaturg, bereits einen Bildband über Werner heraus, Nachklang betitelt. Aus der knienden, von jedem Anhauch von Kritik befreiten Perspektive auf ein vergöttertes Genie hat Dachs nicht herausgefunden. Werners Lebensstationen zeichnet er säuberlich nach: von Gumpendorf an die Ringstraße, nach Hollywood, Dreharbeiten mit Stanley Kramer und François Truffaut, dann wieder Wien, Liechtenstein und am Ende die letzten theatralischen Auftritte in der Wachau. Nachsichtig geht er mit Werner um, umso harscher mit jenen, die es wagten, sich je kritisch über diesen zu äußern - oder über den Verfall des schweren Alkoholikers bei seinen letzten Auftritten erschüttert zu sein. Interessant ist sein Buch einzig dort, wo er aus Briefen an und von Werner zitiert, charakteristischerweise ohne einen einzigen bibliografischen Nachweis.

Abgründe sonder Zahl sind bei Werner zu finden, der ob des Willens zu unbedingter Perfektion über sich selbst den Stab brach, sich im Scheitern nicht wohlig einrichtete, sondern sich verzweifelt aufbäumte, um im letzten Lebensjahrzehnt Niederlage auf Niederlage zu häufen. Vor einem eigenen Urteil über Ansichten und Leben Werners scheut Dachs aber zurück. Nähert er sich der Erfordernis einer eigener Stellungnahme, so weicht er prompt auf Zitate aus, von denen so manche, die psychologischen Tiefendimensionen betreffend, oft arg hanebüchen, ja hilflos anmuten.

Diese hagiografische Etüde von Dachs - hier entpuppt sich Freundschaft als Falle - bleibt hinter den Erkenntnissen zurück, die vor einigen Jahren Oskar Werner - Das Filmbuch lieferte. Auf eine große, ambitionierte Biografie über diesen vielleicht titanischen Schauspieler, diesen immens Schwierigen, Zerrissenen und ins Wort Vernarrten, diesen "König von eigenen Gnaden" (Peter Weiser), muss man noch warten. (Alexander Kluy, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 8./9. Jänner 2011)

 

 

 

 

  • Robert Dachs, "Oskar Werner. Abgründe eines Giganten" . € 24,90 / 208 
Seiten. Braumüller, Wien 2010
    foto: braumüller

    Robert Dachs, "Oskar Werner. Abgründe eines Giganten" . € 24,90 / 208 Seiten. Braumüller, Wien 2010

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