Hässlichkeit in der Wildnis des Inneren

7. Jänner 2011, 17:51
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Väter, die einem Lust auf das Sterben machen - Constantin Göttferts Erzählband zeichnet sich durch eine beinahe unerträgliche Stille aus

Warnung! Gut geht es einem nach der Lektüre der zehn Geschichten, die Constantin Göttfert in seinem Erzählband In dieser Wildnis vereint, nicht. Einige Bilder - versprochen - werden einem regelrecht ins Hirn gebrannt, man trägt sie einige Zeit mit sich herum. Enorme Wirkung also, verursacht von Geschichten, die sich gerade durch ihre suggerierte, beinahe unerträgliche Stille auszeichnen.

"Er blickte durch die Glasscheibe nach drinnen auf sein Telefon, hier draußen jedoch, in dieser Wildnis, hatte er nur seine Stimme" , heißt es in der letzten Erzählung Die Buchstaben der Kinder. Wobei draußen eigentlich innen ist, innen ist die eigene Stimme.

Kein Zufall also, dass alle zehn Geschichten aus einer Ich-Perspektive erzählt werden, in der Gedanken angefangen, aber niemals zu Ende gedacht werden und die Katastrophe, die vorgibt keine zu sein, immer nur angedeutet bzw. ausgesprochen, aber nie ganz offenbart wird.

Göttfert liefert in seinen Geschichten eine Wildnis des Inneren, in der Verwüstung, Unausgesprochenes und Hässlichkeit herrscht. Die Erzählungen verschonen den Leser nicht, hilflos fühlt man sich in dieser bedrohlichen Stille der Wildnis, in der die Figuren in die Passivität ihrer Gedanken bzw. Erinnerungen flüchten. Hilflos ist man auch angesichts der fast ekelerregenden Resignation der Figuren. Hilflos angesichts der Fragen, die gestellt, aber nicht beantwortet werden.

Göttferts knapper, klarer, schnörkelloser Stil untermauert die großartig geschilderte Trostlosigkeit der Atmosphären, in denen er seine Figuren agieren lässt. Ein Schreibstil, der im Leser nicht nur Bilder heraufbeschwört, sondern auch eine Ahnung von der Ohnmacht der Figuren.

Die Geschichten sind zwar voneinander unabhängig, es ziehen sich jedoch Motive durch die Erzähllandschaft. Ganz markant fällt das Bild des Vaters auf, der in den meisten Geschichten eine distinkte Rolle spielt.

"Ich erinnerte mich plötzlich daran, dass man immer wieder die Ähnlichkeit unserer Augen betont hatte" , sagen zwei verschiedene Ich-Erzähler in den Geschichten In den Wänden und Jelena, nachdem sie ihren Vätern in die Augen sehen. Selbst diese Ähnlichkeit wird angesichts der Väter, die hier beschrieben werden, zur Bedrohung.

Denn trotz derselben Augen haben sie für die Söhne einen unverständlichen Blick auf dieselbe Wildnis der Welt. So denkt ein Erzähler an das "eheliche Vergewaltigungsbett" und "Ermordungsbett" seiner Eltern und an einen Vater, der einem damit Lust auf das Sterben machte. Eine andere Figur beobachtet die Füße des von Krankheit gezeichneten, ehemals unsterblichen Vaters, die ihm vertrauter sind als seine eigenen.

Ein weiteres Motiv, das mit dem bereits erwähnten zusammenhängt, ist das der Gewalt, des Missbrauchs, der hinter den Wänden der Wildnis vonstattengeht, ausgeführt von Personen, die Opfer "der Unzurechnungsfähigkeit, die uns befallen hat" , sind. ( Melek Öztürk, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 8./9. Jänner 2011)

  • Constantin Göttfert, "In dieser Wildnis" .  € 17,80 / 128 Seiten. 
Poetenladen, Leipzig 2010
    foto: poetenladen

    Constantin Göttfert, "In dieser Wildnis" . € 17,80 / 128 Seiten. Poetenladen, Leipzig 2010

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