Unglück im Synapsenspalt

7. Jänner 2011, 17:50
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Lydia Mischkulnigs neuer Roman "Schwestern der Angst" erzählt eindringlich und bemüht hochgestochen

Ein erster Satz ist ein Wegweiser. "Glückshormone tummeln sich im Synapsenspalt umso zahlreicher, wenn das Hirn stimuliert wird" : Ein Roman, der so beginnt, signalisiert von vornherein komplexe Zusammenhänge und eine Erzählweise, die nicht gerade einfach in menschliche Tiefen führen will - allerdings auch eine sprachliche Unebenheit (umso zahlreicher, wenn?).

Tatsächlich berichtet die Erzählerin in Lydia Mischkulnigs Roman Schwestern der Angst aus der Perspektive eines schwierigen, zerrütteten, mitunter gefährlichen Ich. In einer psychiatrischen Klinik hat eine Frau über Stalking und Abhängigkeit nachzudenken und schreibt ihre Ansicht des Geschehenen auf. Mit dem Duktus dieser psychischen Disposition schafft Mischkulnig eine adäquate Darstellungsform, allerdings auch oft ein Übermaß an Ausführlichkeit sowie eine bemühte Tendenz ins Hochgestochene.

Der heute seltene Name Lilith fällt erst in der Mitte des Romans und mag auf alte Schriften anspielen: weiblicher Dämon oder erste Gefährtin Adams im Paradies, die ihm nicht untertan sein wollte, somit in feministischer Sicht eine Symbolfigur gegen das Patriarchalische. Die Lilith in Schwestern der Angst ist Produktionsassistentin für Werbefilme, nachdem sie in allerlei Bereichen gearbeitet hat. Sie verfolgt ihre Halbschwester Marie, deren Name an Büchners Woyzeck denken lässt; sie schleicht sich in deren leere Wohnung in Wien und ruft sich dort die Vergangenheit in Erinnerung.

Die Ich-Erzählerin ist in Polen bei den Großeltern aufgewachsen, die Oma musste sie vor Opas anzüglicher Aufdringlichkeit schützen. Als ihre Mutter in Österreich heiratete, zog sie nach Wien, lernte intensiv Hochdeutsch: "Mein Klang machte mich in der deutschen Sprache lebendig. Die Konturen der Worte verflossen im Ohr und mischten sich zu einem mir eigenen Ton." Derart ist die Figur mit Andeutungen versehen, erscheint die Erzählsprache plausibel.

Die Mutter brachte Marie zur Welt und starb daran, Lilith lebte beim Stiefvater, der einen Eissalon in einer Seenregion betrieb, und zog ihre Stiefschwester auf. Die Konkurrenz um Paul, den Nervenarzt, entzweite beide, im Erzählstil ungelenk: "Ein Kampf entfachte sich." Liliths affektive Störungen tendieren ins Aggressive, sie schneidet sich die Haut, bekommt Neurodermitis. Sie bildet sich ein oder ist sich sicher - wer weiß? -, dass Paul sie in der Ohnmacht vergewaltigt habe (hier schaut Kleist um die Ecke), und an einen Vergewaltiger will sie ihre Marie schon gar nicht verlieren.

Nachdem sie bei Stiefvaters Begräbnis in Griechenland ungut Aufsehen erregt hat, erklärt ihr ein Psychologe, "was Wirklichkeit innerhalb meiner Wirklichkeit war. Meine Welt war Fiktion, wie auch die Welt an sich eine Fiktion ist, und darin liegt die Friktion, die meinen Zustand erzeugt. Ich funktioniere nicht reibungslos." Sie verbindet Marie und Paul mit einem Superkleber die Lippen, danach muss sie ihnen bis auf 300 Meter fernbleiben. In Wien lebt sie kurz mit dem Nachbarsbuben von früher, bis sie sich - das wirkt zu dick aufgetragen - seiner letal entledigt und sich dann in Paris an Marie schwer vergeht.

Eine Verwirrte zieht durch die Welt. Ihr Bericht kommt aus dieser Verwirrung, was Mischkulnig klug nur sukzessive zu erkennen gibt, bis sie erst in den letzten Sätzen des Romans die Erzählsituation präzisiert. Dadurch hält sie das Dargestellte in der Schwebe zwischen Tatsächlichkeit und Einbildung. "Der Schädel ist ein in sich geschlossener Raum, und die Decke fiel mir im Kopf auf den Kopf" , lautet einer jener starken Sätze, mit denen Lydia Mischkulnig Liliths Zustand zu verdichten versteht. Die gelegentlichen Schwerfälligkeiten und Manierismen erscheinen freilich auf die Dauer störend: Eine Annonce "affizierte mich" ; ich "fühlte Dankbarkeit in meinem Herzen wallen" ; "Alkoholismus war eine normale Komorbidität" ; "Meine Nerven schlugen subkutane Wellen bis in den Skalp" ; "Kinder sind polymorph perverse Geschöpfe" ...

Gewiss, hier schreibt ein problematisches Ich, aber es gleitet zu oft ins Beliebige und Verdunkelnde: "Wer meine Neugier kennt, weiß, wie quälend ich sein kann. Wenn jemand lallt, ist das relativ tödlich, außer es handelt sich um ein Lipogramm. Vielleicht ist auch konkrete Poesie möglich?"

Mit Hollywood im Winter hatte Lydia Mischkulnig 1996 bei Haymon eine ungemein dichte, beeindruckende Prosa über Familienschrecken im schiefen Ambiente einer Festspielstadt vorgelegt. Nun führt sie, zum Verlag zurückgekehrt, eine ähnliche Thematik aus und lässt auch das zentrale Motiv ihres früheren Romans - Tauben, ihr Gurren und Turteln - anklingen. Schwestern der Angst gelingt ihr als eindringliches Psychogramm; sie schafft eine interessante Darstellung von Sehnsucht und Rachlust, die ausführliche Schilderung eines gefährlichen Schwankens von Nähe und Distanz, Zuneigung und Abneigung, Schutz und Kontrolle - diesmal jedoch um eine Spur zu wenig konzentriert. (Klaus Zeyringer, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 8./9. Jänner 2011)

  • Lydia Mischkulnig, "Schwestern der Angst" . Roman. € 17,90 / 248 
Seiten. Haymon, Innsbruck 2010
    foto: haymon

    Lydia Mischkulnig, "Schwestern der Angst" . Roman. € 17,90 / 248 Seiten. Haymon, Innsbruck 2010

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