Managerismus als Inbegriff von Fehlerhaftigkeit

9. Jänner 2011, 16:50
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Die Zahl der Kritiker gegenwärtiger Managementpraktiken wächst - Manfred Hoefle übt vor allem am großen Abstand der Chefs zur Belegschaft und zur Gemeinschaft Kritik

Empfehlenswert von Zeit zu Zeit ist auch für Manager ein selbstkritisch-prüfender Blick auf das eigene Tun und Lassen. Unverzichtbar der Wille, das für selbstverständlich im Tun wie Lassen Erachtete auf seine Stichhaltigkeit abzuklopfen. Was immer wieder auch heißt: auf eine mögliche Befangenheit im zeitgeistig verorteten Denken.

Auch Besinnung ist für Manager kein verbotenes Terrain. Dieses Bemühen, in den An- und Herausforderungen des Tages nicht gänzlich der Fremdbestimmung, dem außengeleiteten Handeln - sei es vom Markt als solchem, sei es von den herrschenden Vorstellungen der Unternehmensführung im Allgemeinen und dem Umgang mit der Belegschaft im Besonderen - zum Opfer zu fallen, ist das geistige Fundament der Unternehmensprosperität. Und dieses Fundament sieht Manfred Hoefle durch eine beträchtliche Fehlentwicklung in der Art und Weise der Unternehmensführung in Gefahr: den Managerismus.

Negative Assoziationen

Ein Wort, das für ihn bewusst negative Assoziationen darüber auslösen soll, wie Unternehmen heute vielfach gesteuert werden, wie über die Wertschöpfung verfügt und mit Menschen und Werten umgegangen und dadurch die Unternehmensstabilität Quartalserträgen zuliebe untergraben wird. Hoefle, der in St. Gallen studiert, lange Zeit bei Siemens unter anderem in den Bereichen Organisations- und Strategieplanung gearbeitet hat und neben anderen Tätigkeiten erfahrener Business Angel ist, hat also ein systemkritisches Buch vorgelegt.

"Die Manageristen haben viel Unheil heraufbeschworen - für Eigentümer, Belegschaften und die ganze Wirtschaft", stellt er fest. "Sie beschädigten die Reputation von Unternehmen und ihrer Managerkollegen." Managerismus steht für Hoefle "als Symptom für schlechte Unternehmensführung und die widerrechtliche Inbesitznahme von Unternehmen durch das jeweilige Top-Management". Das Kernproblem des Managerismus sieht Hoefle in "den gelockerten oder gekappten Bindungen vieler Unternehmensspitzen zu den Belegschaften und zur Gemeinschaft".

Distanz zu Mitarbeitern

Das ist beinharte Kritik an in vielen Fällen einfach nicht mehr zu übersehenden Fehlentwicklungen im wirtschaftlichen Geschehen, die sich für alle sichtbar in den krisenhaften Ereignissen der jüngsten Vergangenheit offenbart haben - die sich aber auch in dem speziellen Detail zunehmender Ausfalltage infolge psychischer Erkrankungen zu erkennen geben. Denn, so Hoefle, beraten von externen Consultants und stimuliert von Finanzanalysten, hat sich bei vielen Managern eine gefährliche Distanz zu den Mitarbeitern eingeschlichen.

Doch Hoefle kritisiert nicht nur. Er verweist auch auf Gegenbeispiele. Seine Botschaft lautet: Es geht auch anders. Mit und in den Unternehmen. Sein Anliegen ist: Anhand der Geschichte von Unternehmen aufzuzeigen, wie Unternehmen durch eine entsprechende Führung widerstandsfähig und robust werden können. "Wie sie also fähig werden, auf Veränderungen so zu reagieren, dass das Unternehmen funktionsfähig bleibt." Sein Credo heißt: Unternehmen sind angehalten, nachhaltig zu wirtschaften. Soll heißen: geistige, organisatorische und finanzielle Substanz als Fettpolster für schwierige Zeiten zu schaffen. Unter dem Strich ein Buch, das kontroverse Reaktionen hervorrufen dürfte, dem aber zu wünschen ist, dass es in der Flut der Neuerscheinungen gesehen und gelesen wird. (Hartmut Volk, DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.1.2011)

Literatur zum Thema

Manfred Hoefle: "Managerismus - Unternehmensführung in Not", Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2010, 247 Seiten, ISBN 978-3-527-50460-2

Stefan Fourier: "Jenseits vom schnellen Gewinn - Was Unternehmen langfristig stark macht", Orell Füssli Verlag, Zürich 2010, 192 Seiten, ISBN 978-3-280-05391-1

  • Die Rechnung von Manageristen geht selten auf
    foto: photodisc

    Die Rechnung von Manageristen geht selten auf

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