Was Väter wirklich brauchen

7. Jänner 2011, 09:37
14 Postings

Warum Frauenministerin Heinisch-Hosek mit ihrer Vision von einem verpflichtenden Papa-Monat zumindest im Ansatz recht hat: Ohne "sanften Druck" wird sich an der Rollenverteilung in der Karenz-Praxis nichts ändern - von Josef Christian Aigner

Frauenministerin Heinisch-Hosek hat eine Vision bezüglich der Heranführung von Vätern an ihre kleinen Kinder. Ein wichtiges Unterfangen, wie jeder halbwegs gendersensible Entwicklungspsychologe bestätigen wird: denn je kleiner die Kinder, desto weniger Mann begegnet ihnen - in Familien ebenso wie in Kindergärten und Schulen.

Dabei wissen wir aus den Erkenntnissen der modernen psychoanalytischen Kleinkind- und Bindungsforschung, wie eminent wichtig die Vaterbeziehung von klein auf ist: Schon Kleinstkinder können sehr gut unterscheiden zwischen Stimme, Geruch, Körperfeeling und Gesicht beider Eltern. Und sie bauen Bindungen zu beiden auf, was wichtig und stabilisierend für die Zukunft ist.

Ganz abgesehen davon ist es für die Frauen angenehm und befreiend, nicht für alles alleine zuständig und nicht an allem "schuld" zu sein, wenn etwas schiefgeht ("mother hunting").

Dennoch schlägt bei den meisten Karenz-Regelungen europaweit das alte Geschlechtermuster bei der Sorge um die Kinder durch. Was nicht heißt, dass man/frau gegen diese seelisch tief verinnerlichten und sozial immer noch zu wenig infrage gestellten Muster nichts tun kann. Eine vernünftige Frauen- und Männerpolitik kann hier sehr wohl gegensteuern - was allerdings das genaue Gegenteil dessen ist, was unsere familienpolitisch lendenlahme Koalitionsregierung derzeit vorführt: Etwas - Verzeihung - Naiveres wie der seit Jahresbeginn geltende unbezahlte (!) "freiwillige" Papa-Monat für Beamte hat den vereinten Zauderern auf der Regierungsbank wohl nicht einfallen können.

Nun mag man eine solche Idee ja vielleicht manchem wohlsituierten Hietzinger ÖVP-Beamten nachsehen, der sich diese Imagepolitur mit lässiger Geste einen Monatsgehalt kosten lassen kann - aber wie viele Beamte können es sich heute leisten, einfach einmal ein Monatsgehalt liegen zu lassen? Besonders im Zeitraum der Familiengründung? Traurig hingegen, dass Sozialdemokraten heutzutage so einen Unfug mitmachen!

Da klingt die Idee der verpflichtenden Papa-Monate der Frauenministerin schon besser. Doch kaum ist der Gedanke auf der Welt, wird sie schon dafür in der Presse "poliert", obwohl sie im Grunde etwas Richtiges meint: Geschlechterpolitische Veränderungen dieser Art "funktionieren" nur dort, wo Druck gemacht wird - von den Frauen, von der Politik, von geschickten familien- oder steuerpolitischen Lenkungsmaßnahmen. Alles andere bleibt auf Goodwill-Basis und bedeutet damit: Verschiebung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag.

"Use it or lose it"-Modell 

Freilich war von vornherein klar, dass die Hüter der bürgerlichen Freiheiten sofort "Stopp!" schreien - wie sie auch schon bei anderen Maßnahmen wie der teilobligatorischen, über Familienpass-Vergütungen gesteuerten Elternbildung "Stopp!" geschrien haben (und den Familienpass immer noch Mutter-Kind-Pass nennen). Weil sie nämlich verkennen, dass Unbildung - wie im Fall desorientierter, gesellschaftlich verunsicherter Eltern - auch etwas mit Un-Freiheit zu tun hat. Und dass man diesem Zustand tendenziell durchaus abhelfen kann, indem man über entsprechende Angebote sanften Druck ausübt.

Es gibt also sinnvollere als "Zwangsmaßnahmen", und zwar einzig und allein über "Use it or lose it"-Modelle: Väter können in solchen Modellen von klein auf so und so viele Monate in Karenz gehen (nicht anstatt der Frau!) und bekommen davon bis zu einer Deckelung einen Gutteil ihres Gehalts. Tun sie das nicht, bekommen sie nichts, und die Familie hat weniger Karenzzeit insgesamt.

Die Isländer zum Beispiel haben damit die Väterkarenz in astronomische Höhen von über 80 Prozent gehoben; die Väter beziehen dabei übrigens 80 Prozent ihres Gehalts bei einer Deckelung von ca. 3000 Euro! Freilich gibt es dort auch "Missbrauch" dieser Regelung, weil auffällt, dass Frauen während dieser drei bis sechs Vätermonate unbezahlten Urlaub nehmen und sich zu Hause wohl das alte Geschlechtermuster reproduziert. Aber die Chance besteht, dass Väter hier bedeutend häufiger ihre frühen "Vaterpflichten" wahrnehmen.

Und genau um diese Chance geht es: Alles andere wäre ja wirklich "Zwang", der wohl auch den Kindern nicht guttäte. Aber: Das Ganze kostet - Mut und Geld. Und beides scheint unseren staatstragenden Parteien abhandengekommen zu sein.

Auch in der Bundesrepublik Deutschland wurden die Maßnahmen der Ministerin von der Leyen, die mittels Ausweitung des Elterngelds auf Väter innerhalb weniger Jahre eine Steigerung der Väterkarenz von 3,5 auf 23 Prozent (allerdings für relativ kurze Zeiträume) erreicht hatte, von ihrer Nachfolgerin Schröder wieder eingebremst.

Aber: Man hat hier wie dort gesehen, was geht. Island ist eines der reichsten Länder der Welt; Österreich übrigens auch! Bringt jemand diese Vorschläge auf den Tisch, wird man sehen, was dies den "Wächtern der heiligen Familie", den "Frauenbefreiern", den "Kinder in den Mittelpunkt"-Rufern, den "Väterabwesenheits-Bejammerern" wirklich wert ist. Und ob es ihnen was wert ist. Zu befürchten ist: wenig. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 07.01.2011)

Josef Christian Aigner, Psychologe und Psychoanalytiker, lehrt an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Innsbruck, ist Obmann des Vereins für gewaltlose Erziehung und Autor des Buches "Der ferne Vater".

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Einzelhandel trägt den Bemühungen um "mehr Mann" bei der Kindererziehung und den Abbau alter Gechlechtermuster auf seine Weise Rechnung: zwanglose Geschenke für den Vatertag, die in vielen Geschäften auch ganzjährig angeboten werden.

Share if you care.