Opernwahnsinn als Pflichtübung

6. Jänner 2011, 19:40
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Nur wenige Lichtblicke bei der 152. "Lucia di Lammermoor" in der Barlog-Regie an der Staatsoper

Wien - Oper, das heißt Ausnahmezustand. Nicht nur die Gestalten auf der Bühne erleben meist Extremsituationen, sondern auch dem Publikum ermöglicht diese Kunstform im besten Fall ein Heraustreten aus Alltag und Realität.

Auch in der Realität des Alltags an großen Häusern wie der Staatsoper kann das geschehen. Allerdings: Der Repertoirebetrieb ermöglicht zwar die Begegnung mit einer Vielzahl von Werken, erschwert es aber, Außergewöhnliches im skizzierten Sinne zu erreichen. Jüngstes Beispiel für dieses Dilemma war die 152. Aufführung von Donizettis Lucia di Lammermoor in der Inszenierung von Boleslaw Barlog aus dem Jahr 1978.

Auch wenn Annick Massis in der Titelpartie ziemlich untadelig die Noten exekutierte, bot sie kaum einen anderen Eindruck als jenen stimmlicher Daueranstrengung in Verbindung mit lauwarmer Emotion. Ohne besonders aus sich herauszugehen, geschweige denn das Außer-sich-Sein der Lucia irgend kenntlich zu machen, wird der Wahnsinn der Figur zum unverbindlichen Koloraturgeplänkel.

Mag sein, dass das mit statisch nur unzureichend beschriebene Bühnensetting sich lähmend auf die Motivation auswirkte, den Figuren mehr Leiden und Leben einzuhauchen. So gab es szenisch vor allem Stehtheater und vokal statt Herausragendem vor allem Normalität. Rollendebütant Piotr Becza³a ließ sich freilich nach anfänglicher Schonung dazu hinreißen, seinen metallischen, mit dunklen Farben gesättigten Tenor in den Dienst existenziellen Wehs zu stellen.

Dirigent Bruno Campanella bemühte sich derweil nach Kräften um pointierten Schwung. Doch obwohl zu verspüren war, dass das Orchster gern und mit Liebe zur aufblühenden Phrase spielte, blieb es auch hier bei einer routinierten, teils zu lauen, teils zu lauten Pflichtübung. (Daniel Ender/ DER STANDARD, Printausgabe, 7.1.2011)

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