"Wir wollen nur auf Wiedersehen sagen"

7. Jänner 2011, 14:23
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Am Sonntag beginnt das Referendum über die Sezession des Südsudan

In der südsudanesischen Hauptstadt Juba stellt man sich bereits auf die Unabhängigkeit ein und fürchtet trotzdem Sabotageakte aus dem Norden.

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In der Mittagssonne wirkt Juba, die Hauptstadt des autonom verwalteten Südsudan, beinahe wie eine Fata Morgana. Polizisten in nagelneuen blauen Uniformen auf Gehsteigen, Baugerüste an jeder Straßenecke - drei Tage vor dem Beginn des Unabhängigkeitsreferendums zeigt sich die Stadt in Aufbruchstimmung. Der Weg zur Unabhängigkeit mag steinig sein - Jubas Straßen sind asphaltiert. "Diese Stadt ist heiß" , sagt ein Motorradtaxifahrer. Er meint es im doppelten Sinn.

Dem am Sonntag stattfindenden Urnengang blickt die Bevölkerung mit einer Mischung aus Euphorie und leichtem Unbehagen entgegen. Die jüngst geäußerten Versprechen des sudanesischen Präsidenten Omar al-Bashir, er werde auch einen unabhängigen Südsudan akzeptieren, haben etwas beruhigt. "An der Unabhängigkeit führt kein Weg vorbei - ich denke, Bashir ist auf dem Boden der politischen Realität angekommen" , gibt sich Pascal R. zuversichtlich. Er arbeitet für einen lokalen Radiosender und glaubt nicht, dass es zu gewaltsamen Auseinandersetzung kommen wird. Andere sind da skeptischer: "Was die Machthaber des Nordens sagen und was sie wirklich tun, waren immer schon zwei verschiedene Dinge" , meint ein seit vielen Jahren im Sudan tätiger Missionar, der nicht namentlich erwähnt werden will.

Notwendige Wahlbeteiligung

In der Atmosphäre der Ungewissheit brodelt die Gerüchteküche. Zuletzt hörte man, Agenten des Nordens könnten versuchen, registrierten Wählern gezielt die Wahlkarten abzukaufen, um diese anschießend zu entsorgen. Damit solle die für die Gültigkeit des Referendums notwendige 60 prozentige Wahlbeteiligung verhindert werden - bis zu 100 Dollar werde pro Wahlkarte angeblich geboten. "Ich weiß nicht, ob an der Geschichte etwas dran ist, aber ich würde es dem Norden auf alle Fälle zutrauen. Die Araber werden alles versuchen, um das Referendum zu sabotieren" , sagt Michael L., der für eine Unterorganisation der UN arbeitet.

Der 22-jährige Julius Duku hat seine Wahlkarte sicherheitshalber unter der Matratze versteckt: "Wenn ich die verliere, kann ich das Land gleich verlassen - dann glauben sie, dass ich meine Wahlkarte verkauft habe." Mit "sie" sind die Funktionäre und Politiker des Sudanese People's Liberation Movement (SPLM) gemeint - jene zur Regierungspartei mutierte Guerillatruppe, die die Armee des Nordens jahrelang erbittert bekämpft hat. Deren Vorsitzender, der südsudanesischen Präsident Salva Kiir Mayardit, stimmt die Bevölkerung im Staatsfernsehen auf einen friedlichen Urnengang ein. "Wir lassen uns nicht provozieren", sagt er staatsmännisch.

In den letzten Tagen vor der eine Woche dauernden Abstimmung wirbt die SPLM kräftig für die Unabhängigkeit. "Vote for Secession" heißt es auf T-Shirts, Autoaufklebern und Plakaten, spontane Kundgebungen und Sprechchöre sind keine Seltenheit. Ajou Akuei ist extra aus Australien hergeflogen, um zu wählen. 2000 Dollar hat das den Studenten, der während des Kriegs geflohen war, gekostet. Sollte der Südsudan unabhängig werden, möchte er in Juba bleiben und ein Unternehmen gründen. Doch es gibt noch viel zu tun. "Alle reden darüber, wer das Öl in der Grenzregion zum Norden verwalten soll. Dabei sollten sie lieber klären, wer hier den Müll verwaltet." Akuei deutet auf ein Meer aus Plastiksackerln und Aluminiumdosen auf Jubas Hauptstraße - ein Zeugnis davon, dass sich die Einwohnerzahl der Stadt innerhalb weniger Jahre verfünffacht hat.

Patrick ist als Chauffeur für internationale NGOs tätig. Aus dem Lautsprecher seines Wagens dröhnt ein eigens für das Referendum komponierter Unabhängigkeits-Song: "Time to vote" . Er bringt die Stimmung der Bewohner Jubas gegenüber den Nordsudanesen auf den Punkt: "Wir wollen diesen Leuten nur auf Wiedersehen sagen", singt da einer. (David Kriegleder aus Juba/DER STANDARD, Printausgabe, 7.1.2011)

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    Der Countdown läuft

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    Erwartete Sezession: In Juba werden bereits südsudanesische Flaggen durch die Stadt getragen.

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