Pasticcio der lethargischen Liebschaften

6. Jänner 2011, 18:23
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Uraufführung von "The Giacomo Variations" im Wiener Ronacher mit John Malkovich als alter, nostalgischer Casanova

Eine reizvolle Stückidee laboriert an Überlänge, schauspielerischer Energielosigkeit und wenig sattelfester musikalischer Umsetzung.

Wien - Nicht dass The Giacomo Variations des Einsatzes jenes Defibrilators bedurft hätte, der tatsächlich zum Einsatz kam, um Casanova (John Malkovich) wiederzubeleben. Eher scheint jene Welttournee dringend notwendig, auf welche diese Neuproduktion nun aufbrechen wird. Die Elemente dieser musiktheatralen Spekulation könnten so Zeit gewinnen, zueinander zu finden, und - mindestens eine halbe Stunde gekürzt - irgendwann gerne als schlankes Kunstprodukt aus Mozart-Ideen und Casanova-Memoiren wieder im Ronacher einziehen.

Es handelt sich ja keinesfalls um eine Totgeburt, eher um eine Frühgeburt, der man ansieht, dass sie besser noch ein Weilchen im Probenleib verblieben wäre. Die Applausoberfläche suggeriert, dass die Ronacher-Anwesenheit eines der Leinwand entstiegenen Filmstars schon fast die ganze Erfolgsmiete sei. Malkovich muss in diesem englisch gehaltenen Text ja nur einen Satz auf Deutsch hauchen ("Chevalier, der es zu sein galt!"), um bewunderndes Schmunzeln auszulösen.

Und natürlich könnte man es als abendfüllend erachten, dass der Mime nur selten aus dem bekannt minimalistischen Stil eines distinguiert-diabolischen Dandys herausschlüpft. Vergegenwärtigt man sich jedoch das Potenzial dieser zwischen Casanova und Don Giovanni changierenden Rolle, muss man ernüchtern: Mehr als routiniert absolvierte, geschwätzige Erinnerungen an Zeiten stolzer Erektionen vermag Malkovich diesem alten Casanova nicht zu entlocken. Mag es im Stück um Sehnsüchte gehen, um Reue oder sonstige Gefühle - es bleibt beim Beiläufig-Lethargischen. Auch die wenigen emotionalen Ausbrüche können in diesem Kontext nur noch als Effekt irritieren.

Schade um dieses Pasticcio, das sich in und um drei zeltgroße Reifröcke abspielt (Bühnenbild, Kostüme: Renate Martin, Andreas Donhauser). Als Autor hat Michael Sturminger den Casanova-Text und Mozarts Da-Ponte-Opern (Così, Figaro und Giovanni) durchaus mit Esprit verzahnt. Casanovas Eroberungsnostalgie plus jene Situationen, die Donna Elvira, Cherubino und andere Mozart-Geschöpfe durchleben - das macht grundsätzlich Sinn.

Etwas viel Textballast

Als Regisseur ist Sturminger jedoch offenbar nicht zum Ausfeilen und Streichen von Textballast gekommen. So hängt das dramaturgische Seil (besonders nach der Pause) gewaltig durch. Mögen da flotte Dreier angedeutet werden oder "englische Reitermäntel" (Kondome) durch die Gegend fliegen: Es macht sich eine gewisse szenische Erschlaffung breit, begünstigt auch durch die sympathische, aber auf der Bühne wie angewurzelt wirkende Ingeborga Dapkunaite (u. a. als Elisa von der Recke, die sich für Casanovas Erinnerungen interessiert).

Und da auch die Wiener Akademie (unter Martin Haselböck) nicht ihren besten Intonationstag hatte, die Koordination zwischen Stimmen und Instrumenten zu wünschen übrigließ und Sängerin Sophie Klußmann selten Mozart wirklich gerecht wurde, musste man bis zum Schluss auf einen kleinen Moment der Magie warten: Zusammen mit Florian Boesch (theatral wendig, vokal nicht ganz in Form als junger Casanova) "sang" John Malkovich das Ständchen aus Don Giovanni. Berührend. Um "Ende gut, alles gut" zu behaupten, hätte man allerdings sehr viel verdrängen müssen.  (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 7.1.2011)

Bis 9. Jänner, 19.30

Zur Nachlese:
- Agenturmeldung mit Postings
- Lukrativer Stress mit einem Serienliebhaber - Martin Haselböck betreut als Dirigent die musikalische Seite der Ronacher-Produktion "The Giacomo Variations"

  • Bild nicht mehr verfügbar

    John Malkovichs im Film durchaus wirkungsvolle Grandezza konnte auf der Bühne des Ronacher selten für lebendige Theatermomente sorgen.

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