John Malkovich überzeugte als Casanova

6. Jänner 2011, 10:44
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Kammeroper von Martin Haselböck und Michael Sturminger begeisterte bei der Premiere im Wiener Ronacher - Bariton Boesch als starker Konterpart

Wien - Philosophische Bücher als "verlässliche Wichsvorlagen", "englische Reitermäntel" als Vorreiter von Kondomen und imaginäre flotte Dreier: Erotisch, modern und verwirrend gestaltete sich die Uraufführung von "The Giacomo Variations" am Mittwochabend im Wiener Ronacher. Im Mittelpunkt des ungewöhnlichen Musiktheaterstücks von Regisseur Michael Sturminger und Dirigent Martin Haselböck stand - wie schon bei "The Infernal Comedy" - Hollywoodstar John Malkovich. Der überzeugte trotz heiserer Stimme als alternder Verführer Casanova, begleitet vom Orchester der Wiener Akademie, das mit Original-Klanginstrumenten Mozarts Da-Ponte-Opern aufführte. Als musikalischer Konterpart stand Bariton Florian Boesch mit komödiantischem Talent seinem prominenten Kollegen in nichts nach.

Es schien ein wenig, als hätten Wolfgang Amadeus Mozart und der italienische Librettist Lorenzo da Ponte selbst dem berühmten Verführer Giacomo Casanova eine Oper gewidmet. So natürlich und gut aufgehoben wirkte die Lebensgeschichte des wohl berühmtesten Verführers des 18. Jahrhunderts inmitten von Arien aus "Figaros Hochzeit", "Don Giovanni" und "Cosi fan tutte". Tatsächlich soll Casanova Da Ponte einst zur Seite gestanden haben, als dieser den Text zu "Don Giovanni" verfasste.

Nun, als alternder Mann, schwelgt Casanova in Erinnerungen, sinniert über ehemalige Lieben und schlüpft dabei musikalisch in die Rollen von Don Giovanni und Graf Almaviva, Don Alfonso oder Leporello. Casanova wäre nicht Casanova, täte er all dies nicht, um eine Frau zu beeindrucken. Sein neues (und letztes) Objekt der Begierde: Die schöne Elisa von der Recke, eine deutsche Schriftstellerin, die sich für seine Memoiren interessiert. Verkörpert von Schauspielerin Ingeborga Dapkunaite und Sopranistin Sophie Klußmann, wird Elisa zu all den jungen Frauen, deren Herzen einst vom freiheitsliebenden Venezianer gebrochen wurden.

Verschmelzung auf der Bühne

Boesch als junger und Malkovich als alter Casanova verschmelzen auf der Bühne förmlich. Tritt der junge Bariton auf, um eine Frau musikalisch zu verführen, so kreist Malkovich um ihn herum, beobachtet das Geschehen. Irgendwie liegt sie immer in der Luft, die berühmte "Menage a trois", wenn ein doppelter Casanova - gesanglich, sprechend und mit den Händen - Elisa verführt. Oder wenn der junge Casanova gleich zwei Nonnen - ja, Nonnen - auszieht und auf das Bett wirft. Das Bett selbst offenbart sich unter einem gigantischen Rokoko-Überrock in der Mitte der Bühne - Casanovas Schreibtisch und seine Garderobe verstecken sich respektive in kleineren Überröcken an den Seiten.

Wenn Malkovich sich an den Schreibtisch setzt und als Casanova innehält, um zu philosophieren - über Liebe, Freiheit, Gewissen und Ansehen - dann erinnert das ein wenig an "The Infernal Comedy". Jenes Musiktheaterstück, das der Hollywoodstar als Jack Unterweger vor knapp eineinhalb Jahren in Wien und später auch auf einer Welttournee präsentierte. Es sind auch ebendiese Stellen in "The Giacomo Variations", die Malkovich am besten liegen. Wenn er sich inbrünstig und leidenschaftlich an das Publikum wendet, die Perücke ablegt und seine markante Glatze zum Vorschein bringt, wird er voll und ganz zu Casanova. Und wenn er sich an jenen Moment zurückerinnert, an dem er nicht länger Chevalier de Seingalt - "Chevalier, der es zu sein galt", so Malkovich in einwandfreiem Deutsch - sondern einfach nur Giacomo Casanova sein wollte.

Dass weder der Gesang noch die italienische Sprache zu den Stärken Malkovich' gehören, sind ihm nicht übelzunehmen, ließ er sich doch extra im Vorfeld von Boesch Unterricht geben. Gemeinsam mit Schauspielkollegin Ingeborga Dapkunaite sang er - zurückhaltend, aber doch - stellenweise bei den italienischen Arien mit. Den Rest erledigte Malkovich gekonnt mit elegantem Gang, diabolischen Augen, tiefer Stimme und einer unglaublichen Bühnenpräsenz. Gemeinsam mit Boesch bildete er ein grandioses, testosteron-überströmtes Duo, neben dem die weiblichen Konterparts ein wenig in den Hintergrund gerieten. Vor allem die zierliche aus Litauen stammende Dapkunaite konnte keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Mit der Verkörperung zahlreicher Liebschaften - mal verzehrend, mal leidend - hatten sie und Klußmann es auch denkbar schwer, gegen die charismatischen Verführer anzukommen.

Auch die humoristischen Höhepunkte blieben den Männern überlassen. So besang Boesch als junger Casanova aus dem 18. Jahrhundert ein Kondom-ähnliches Konstrukt, "das die Franzosen 'englische Reitermäntel' nennen" und das als "Mittel gegen Ängstlichkeit" herhält, damit auf freie Liebe keine Reue folgt. Reue empfindet Casanova dem Tod ins Auge blickend zwar nicht, dafür das Gefühl, zu sterben, ohne den Sinn des Lebens verstanden und die richtige Frau gefunden zu haben. Hand in Hand singen Malkovich und Boesch im Duett, ehe sie im Dunkeln verschwinden und einem originellen, wenn auch etwas langatmigem Abend ein Ende bereiteten. Reue, das knapp zweieinhalbstündige Stück gesehen zu haben, empfand das Publikum, das das Ensemble mit frenetischem Applaus lohnte, bestimmt nicht. Und der Sinn, der trägt den Namen John Malkovich. (Von Angelika Prawda/APA)

"The Giacomo Variations" - Eine Kammeroper geschrieben von Michael Sturminger, Musikkonzept von Martin Haselböck, basierend auf "Histoire de ma vie" von Giacomo Casanova und Opernszenen von Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo Da Ponte. Mit: John Malkovich, Ingeborga Dapkunaite, Florian Boesch, Sophie Klußmann; Bühnen- und Kostümdesign: Renate Martin und Andreas Donhauser; Orchester: Wiener Akademie; noch bis 9. Jänner im Ronacher; http://www.musicalvienna.at

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