Einstürzende Altbauten im NFL-Grunddurchgang

5. Jänner 2011, 19:47
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Ein ge­schlagener alter Mann und die üblichen Verdächtigen im Play-Off. Ein Rück­blick auf die vergangenen vier Monate im neuen American-Football-Blog von Walter Reiterer

Eine Saison voller vermeintlicher Überraschungen war sie, die des Jahres 2010. Die Dallas Cowboys und Minnesota Vikings konnten nicht Schritt halten, die Cleveland Browns schlugen New England und New Orleans (um dann nicht ins Playoff zu kommen), San Diego lässt sich gleich zwei Mal von Oakland überrumpeln (beide gehören heute zu den Zuschauern) und Detroit gewinnt die letzten vier Spiele gegen durchwegs starke Gegner, nur um ebenfalls das Playoff zu verpassen.

Das wirklich Überraschende an der NFL ist nämlich immer noch, dass es am Ende wenig Überraschungen gibt. Die zwölf verbliebenen Teams gehören allesamt der Kategorie der größeren bis ganz großen Tiere der NFL an. New England, Pittsburgh, Indianapolis, Kansas, Baltimore, New York Jets aus der AFC, so wie Atlanta, Chicago, Philadelphia, Seattle, New Orleans und Green Bay aus der NFC entlocken dem Kenner sicher kein überraschtes „Oh!". Es fehlt Dallas, irgendwie auch New York (Giants) und Sonnenkinder trauern um die Fraktion SSKM, auch genannt San Diego.

Die Geschichten und auch "Gschichtln" der Spielzeit 2010 - ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Der Fall des Favre und das Minnesota Debakel

Irgendwie hat es sich schon im August angekündigt, als Brett Favre begann, launige SMS an Mitspieler ins Trainingslager zu verschicken. Der damals noch 40-jährige, frischgebackene Großvater führte die Wikinger in der Vorsaison bis ins Conference Final. Erst in der Nachspielzeit des „Semifinales" endete die stärkste, aber nicht erfolgreichste Saison Favres' und eine der besten für Minnesota, die in ihrer Geschichte vier Mal in der Super Bowl standen und diese ebenso oft verloren. Als die Vikings zum letzten Mal um die Lombardi Trophy antraten, da war Brett Favre gerade mal sieben Jahre jung. Es gab also viel zu gewinnen in Minneapolis und nur wenig zu verlieren.

Inhaltlich deuteten die Kurznachrichten darauf hin, dass der alte Mann schon noch ein weiteres Jahr anhängen möchte, die Wildschweinjagd aber dem Trainingscamp vorzieht und überhaupt: jemand sollte gefälligst mal Bitte sagen. Das tat dann head coach Brad Childress, der sich damit der Leistung seines Superstars, der gleichzeitig auch Qualitäten als Dramaqueen zeigte, auslieferte. Childress verlor später seinen Job. Nicht nur dafür.

Mit seinem Mobiltelefon spielt Favre anscheinend öfter herum, glaubt man den neuesten Anschuldigungen. Zuerst bezichtigte ihn eine Mitarbeiterin der New York Jets der sexuellen Belästigung via Handy und die NFL verhängte 50.000 US-Dollar Strafe, weil Favre zur Aufklärung der Sache nichts beitragen wollte. Kürzlich tauchten zwei weitere Frauen auf, die ihm Ähnliches vorhalten. Ein "Sexskandal" in progress.

Die Saison der Vikings jedenfalls verlief gar nicht nach Wunsch. Verletzte Leistungsträger (Sidney Rice), Migräneattacken (Percy Harvin), ein völlig verunglückter trade (Randy Moss) und ein Brett Favre, der im Vergleich zum Vorjahr nicht wiederzuerkennen war. Statt touchdowns (11) gab es interceptions (19) und zur Halbzeit des Grunddurchgangs waren die Chancen auf ein weiteren Einzug in die Playoffs - bei drei Siegen und fünf Niederlagen - nur mehr theoretischer Natur. Es kam aber noch schlimmer. Favres Körper, dann schon 41 Jahre alt, machte die tour de force nicht mit. Nach 297 Starts in Folge musste er sein erstes Spiel auslassen, kam gegen Chicago zurück aufs Feld und erlitt prompt eine Gehirnerschütterung, nach einem sack von Corey Wootton. Der sah den am Boden liegenden Favre dann mitleidig an, als wollte er es nicht sein, der eine lebende Legende in Pension schickt.

"Ich sollte vielleicht nicht mehr spielen", sagt er danach und tat es auch nicht mehr. Favre beendete die Saison und (vermutlich) seine Karriere still und unspektakulär auf der Bank.

Das Spektakulärste an den Vikings 2010, so sagen es böse Zungen, war der Einsturz des Daches ihres Stadions. Die Dachkonstruktion des Metrodomes erwies sich zum wiederholten Male als nicht wintertauglich, was in einer Gegend, in der es manchmal im Mai noch schneit, doch recht unpraktisch ist. Die Bilder (Video) gingen um die Welt, in Folge kam es zum ersten Monday Night Game in Detroit seit einem Jahrzehnt - nur ohne Detroit. Weitere Premieren bzw. Wiederaufführungen folgten. Man spielte die Woche danach im Freien und war auch beim ersten Dienstagnachtspiel seit 64 Jahren dabei, als ein Blizzard ein Spiel in Philadelphia verhinderte. Ed Rendell, der Gouverneur von Pennsylvania, erkannte darin die „wussification of the nation", weil wirklich harte Jungs, die spielen selbst im Auge des Hurricanes noch Football. Dafür bekam sein Dauersitz im Stadion von angesäuerten Mitarbeitern der Eagles eine Anti-Schattenparker Behandlung (Video) verpasst.

Das alles war unterhaltsam, half den Wikingern jedoch nicht weiter. Für das Team setzte es sportliche Höchstbestrafungen. Von den Erzrivalen Chicago und Green Bay wurden sie in der Division „gesweeped", am letzten Spieltag überreichten die Detroit Lions den Gehörnten als Zugabe noch die rote Divisionslaterne. Vom Conference Finalisten zum Divisionsletzten innerhalb weniger Monate.

Nur ein Kratzer

Gröbere Auswirkungen auf das Vermächtnis von Favre wird diese eine verkorkste Saison wohl nicht haben. Zu viel ist in den zwei Jahrzehnten seiner Karriere passiert. Drei Mal wurde er zum wertvollsten Spieler der Liga, elf Mal in die Pro Bowl gewählt. Alle möglichen und unmöglichen Rekorde hält Favre in einer Hand, an dessen Finger auch ein Super Bowl Ring aus dem Jahre 1997 mit den Green Bay Packers prangt.

Er selbst schloss ein Comeback aus, tauchte aber schon zwei Mal aus der Pension wieder auf. Nach der Saison 2007 trat er unter Tränen in Green Bay zurück, als diese mit Aaron Rodgers einen Neuanfang beschlossen, um 2008 dann doch bei den New York Jets zu spielen. Es folgte ein weiterer Rücktritt und Rücktritt vom Rücktritt Richtung Minnesota. So ganz trauen kann man der Sache also nicht, selbst wenn engste Vertraute heute sagen, dass es das nun wirklich gewesen sein soll. Leslie Frazier, der nach der Entlassung von Childress Interimstrainer wurde und mittlerweile zum head coach in Minnesota bestellt wurde, stellte klar, dass er Favre ganz sicher nicht anrufen wird. Bleibt noch immer die Option SMS...

Der Fall Vick

Michael Vick ist ein Mann, der eine ganze Nation spalten kann. Verurteilter "Hundemörder", Superstar, Häfenbruder und Ausnahmetalent in Personalunion. Nachdem Präsident Obama den Philadelphia Eagles dafür dankte, dass sie Vick eine zweite Chance gaben, brachte dies FOX Rechtsaußen Tucker Carlson derart in Rage, dass er in einer Live Sendung meinte, Vick hätte dafür eigentlich exekutiert (!) werden sollen. Cenk Uygur hat den wilden Ritt des Christen Tucker, der wie er selbst sagt nicht fehlerfrei sei und an zweite Chancen an sich schon glaube, trefflich beleuchtet. (Video)

Einen echten Glauben an eine zweite Chance hat wohl eine Mehrheit der US-Bürger, für die die Sache mit der abgebüßten Haftstrafe dann auch erledigt war. Zu denen gehört auch Andy Reid, head coach der Philadelphia Eagles. Der kam 2010 in den Genuss mit Kevin Kolb und Michael Vick gleich zwei hervorragende Spielmacher im Kader zu haben. Die brauchte er dann auch, denn beide zogen sich Verletzungen zu und wechselten sich als Starter ab. Mittlerweile ist klar, dass Vick die Nummer 1 im Team ist. Er überzeugte vor allem in der zweiten Saisonhälfte und hat mit DeSean Jackson ein kongenialen Partner gefunden. Philadelphia ist einer von mehreren Verdächtigen auf einen Einzug in die Super Bowl. Die wird übrigens dann von FOX übertragen. Tucker Carlson wird dann hoffentlich nicht Studioexperte sein. (Walter Reiterer; 5. Jänner 2011)

Zur Person

Walter Reiterer ist Herausgeber und Chefredakteur des Online Football-Magazins "Football-Austria". Er schreibt für das Print Magazin „KICK OFF“ und ist Kommentator der NFL-Spiele auf PULS 4.

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    Brett Favre neben dem Spielfeld.

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    Michael Vick sorgte für tierisch viel Gesprächsstoff.

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