Der mühsame Weg zum Betriebskindergarten

11. Jänner 2011, 12:40
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Betriebskindergärten verbessern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, rechnen sich aber nur für große Unternehmen

"Für jede Gruppe sind einzurichten: zwei den Körpermaßen der Kinder entsprechende Toiletten mit Trennwänden und Türen (...), zwei Waschtische den Körpermaßen der Kinder entsprechend, wobei das aus dem Wasserhahn fließende Wasser eine Temperatur von 38° C nicht überschreiten darf (...)". Wer in Wien einen Kindergarten eröffnen will, muss unter anderem diese Auflagen des Kindertagesheimgesetzes erfüllen. Von der Abwaschbarkeit der Wände bis zur Art des Mülleimers ist alles geregelt.

Durch den "Auflagendschungel"

Unternehmen, die es ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Kindern einfacher machen und einen Betriebskindergarten eröffnen wollen, müssen sich durch diesen "Auflagendschungel", wie es die Sprecherin der Wiener Kinderfreunde ausdrückt, kämpfen. Nicht nur strenge hygienische Vorschriften und Brandschutzmaßnahmen, sondern auch die Wirtschaftlichkeit des Kindergartens führt unter anderem dazu, dass es in Österreich bisher nicht besonders viele Betriebskindergärten gibt.

In ganz Österreich führen nur 83 Betriebe ein "Kindertagesheim" - also eine Krippe, einen Kindergarten, einen Hort oder eine altersgemischte Betreuungseinrichtung. Betriebskindergärten gibt es aber mehr, da auch Vereine wie die Kinderfreunde oder KIWI ("Kinder in Wien") solche betreiben. Die Wiener Kinderfreunde sind mit 23 Kindergärten in Wien der größte Anbieter, KIWI hat bisher dreizehn eröffnet. Insgesamt werden 1.728 Kindertagesheime von Vereinen betrieben, die Gemeinden betreiben 4.864.

Kindergarten rechnet sich erst ab drei Gruppen

Monika Riha, Geschäftsführerin von KIWI und Sprecherin der Kinderfreunde Wien, Michaela Müller-Wenzel, sind sich im Gespräch mit derStandard.at darin einig, dass es sich erst drei Gruppen auszahlt, einen Betriebskindergarten zu eröffnen. In Wien sind das zwischen 45 und 75 Kinder. "Das Unternehmen braucht eine gewisse Anzahl an Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen mit Kindern, auch die Altersstruktur muss dementsprechend gegeben sein", so Riha. "Wenn am Anfang noch nicht genug Firmennachwuchs vorhanden ist, kann der Kindergarten noch Kinder von außerhalb des Betriebes hereinnehmen. Je nach steigender interner Nachfrage, kann man frei werdende Plätze dann vermehrt mit internen Kindern besetzen", erklärt Müller-Wenzel.

Nur große Unternehmen haben Kindergarten

Helga Tögel von der Wiener Magistratsabteilung 11 ist Inspektorin von Kindergärten, sie kann sich im Gespräch derStandard.at an keinen kleinen Betrieb erinnern, der einen Kindergarten eröffnen wollte. Schaut man sich die Liste der Unternehmen an, für welche die Kinderfreunde einen Kindergarten führen, so finden sich auch dort nur große Firmen wie T-Mobile, Siemens oder die Wiener Städtische.
T-Mobile führt seit 2004 einen Betriebskindergarten mit zwei Gruppen und eine Kinderstube für unter Dreijährige. "Die Maximalauslastung von achtzig Kindern ist bereits erreicht, es existiert eine Warteliste", sagt Joachim Burger, Personalgeschäftsführer bei T-Mobile, zu derStandard.at. Das Unternehmen wurde 2010 auf Anhieb auf Platz 6 des "Great Place Working Instituts" gewählt. Burger glaubt, dass dies auch dem Betriebskindergarten zu verdanken ist.

Wettbewerbsvorteil durch Flexibilität der Eltern

"Wir brauchen die besten MitarbeiterInnen, um am Markt erfolgreich zu sein und das schaffen wir nur, wenn wir unseren MitarbeiterInnen Flexibilität anbieten. Der Betriebskindergarten bietet die Chance auf einen schnellen Wiedereinstieg ins Berufsleben. Das ist vor allem bei hoch qualifizierten Experten sehr wichtig und ein klarer Wettbewerbsvorteil für T-Mobile", erklärt er den Grund für die Errichtung des Betriebskindergartens. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei vor allem durch die flexiblen Öffnungszeiten gewährleistet. "Der Betriebskindergarten hat ganzjährig, auch zwischen den Weihnachtsfeiertagen und im Sommer, durchgehend geöffnet. Von Montag bis Donnerstag zwischen sieben und 18.30 Uhr, freitags bis 17.00 Uhr", erklärt der Personalchef.

Zusammenarbeit von Betrieben möglich

Monika Riha von KIWI und Michaela Müller-Wenzel von den Kinderfreunden sehen aber auch Möglichkeiten für kleinere Unternehmen einen Kindergarten zu eröffnen. "Zum Beispiel können drei verschiedene Betriebe einen Kindergarten gemeinsam betreiben und jeweils ein Kontingent von 20 Kindern haben", schlägt Riha vor. "Ein gemeinsamer Standort für mehrere Firmen ist eine Lösung, etwa in Industriezentren", meint auch Müller-Wenzel. Ein Vorteil geht so allerdings verloren: Der Kindergarten ist nicht mehr direkt im Betrieb. 

Positiv am Betriebskindergarten ist für Müller-Wenzel auch, dass "die Kinder die Sicherheit haben, dass im Ernstfall Mama oder Papa gleich bei ihnen ist. Auch die Kindergarten-Öffnungszeiten sind an die Erfordernisse des Unternehmens angepasst". Auch Riha hat durchwegs positive Erfahrungen mit Betriebskindergärten gemacht: "Die Kinder lernen die Arbeitswelt ihrer Elter kennen und der Betrieb die Wichtigkeit des Kindergartens".

Nachteil durch Wohnsitz

Nachholbedarf sieht Burger von T-Mobile bei der Zusammenarbeit der Bundesländer. "Mitarbeiter aus Wien erhalten Förderungen, Mitarbeiter mit Wohnsitz in Niederösterreich hingegen nicht. Um dieses Ungleichgewicht zu beseitigen, braucht es eine rasche Lösung auf Verwaltungsebene", sagt er. (Lisa Aigner, derStandard.at, 11.1.2011)

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    Betriebskindergärten können ihre Öffnungszeiten an das Unternehmen anpassen. Ein große Entlastung für die Eltern.

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