Österreichs Ehrenamtliche sind EU-Spitzenreiter

5. Jänner 2011, 14:23
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Pro Jahr arbeiten freiwillige Helfer 720 Millionen Stunden ohne Bezahlung - Das Rote Kreuz möchte einen Teil dieser Zeit steuerlich absetzbar machen

Rund drei Millionen Österreicher, das sind 44 Prozent der über 15-Jährigen, arbeiten als Ehrenamtliche, also ohne Bezahlung - Das hat eine neue Studie der FH-Salzburg ergeben. Damit liegt Österreich gemeinsam mit den Niederlanden, Schweden und Großbritannien im EU-Spitzenfeld, wo der Durchschnitt nur bei etwa 23 Prozent liegt, sagt der Leiter des Zentrums für Zukunftsstudien an der FH-Salzburg, Reinholf Popp.

Ehrenamtliche sparen 16 Milliarden

720 Millionen Stunden investieren Österreichs Ehrenamtliche pro Jahr in unbezahlte Arbeit. Das entspricht der Arbeitsleistung von etwa 400.000 Vollzeitbeschäftigten und würde Jahres-Lohnkosten von mindestens 16 Milliarden Euro ausmachen. Viele Organisationen könnten deshalb ohne Freiwillige nicht überleben.

"In Österreich würde nichts mehr funktionieren, keinen einzigen Tag, wenn alle Menschen, die in Österreich freiwillig tätig sind, nicht mehr mit ihrer Arbeitsleistung, ihrem Einsatz und ihrer Begeisterung zur Verfügung stehen", erklärt der Stellvertretende Generalsekretär des Roten Kreuzes, Werner Kerschbaum am Dienstag im Gespräch mit Ö1.

Müssten die Ehrenamtlichen beim Roten Kreuz bezahlt werden, dann hätte dies im Jahr 2009 insgesamt 220 Millionen Euro gekostet, sagt Kerschbaum weiter. "Man kann sagen, dass die Freiwilligen ihre Zeit oder diesen Betrag der österreichischen Bevölkerung oder dem österreichischen Gesundheitswesen schenken."

Besser gebildet, mehr engagiert

Die EU hat 2011 zum Jahr des Ehrenamts erkoren. Dies nahmen die Forscher zum Anlass, 1.000 Österreicher zu fragen, was sie vom Ehrenamt halten. Sie kamen zum Ergebnis, dass sich Menschen mit höherer Bildung deutlich häufiger ehrenamtlich engagieren, als Menschen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen. So beträgt die Freiwilligenquote bei Menschen mit Pflichtschulabschluss etwa 33 Prozent, bei Menschen mit Hochschulabschluss jedoch etwa 54 Prozent.

Der typische österreichische Ehrenamtliche kommt aus der Mittel- beziehungsweise Oberschicht, hat einen größeren Freundes- und Bekanntenkreis und ist sozial gut integriert. Besonders engagiert sind die 20- bis 24-Jährigen (mit etwa 47 Prozent) und die 40- bis 49-Jährigen mit beachtlichen 50 Prozent. Ein deutlicher Trend bei jungen Menschen geht in Richtung zeitlich begrenzter Initiativen, Projekten und selbst organisierten Gruppen.

Mehr Freiwillige am Land als in der Stadt

Nach Bundesländern gereiht, ist in Sachen Ehrenamt Oberösterreich Spitzenreiter, vor Tirol, Niederösterreich und Vorarlberg. Im Mittelfeld liegen die Steiermark, Kärnten und das Burgenland. Schlusslichter sind Wien und Salzburg. Generell gibt es mehr Ehrenamtliche im ländlichen Raum, als in den Städten. Am meisten Ehrenamtliche gibt es im Kunst- und Kulturbereich. Über eine halbe Million Menschen arbeiten hier freiwillig ohne Bezahlung. Auf Platz zwei steht der Sport, gefolgt von Freiwilligen, die sich kirchlich-religiös engagieren und rund 413.000 Aktivisten der Katastrophenhilfe, Feuerwehren und Rettungsdienste.

Ehrenamtliche Arbeit steuerlich absetzen

Kerschbaum fordert im Ö1-Interview mehr Anerkennung für ehrenamtliche Arbeit. Sein Vorschlag lautet, nach dem Vorbild von Geldspenden auch Zeitspenden steuerlich absetzbar zu machen und einen Teil dieser Zeit auch als Versicherungsjahre anzurechnen.

Im Übrigen zeigt sich Kerschbaum über die Diskussion um die Abschaffung des Wehrdienstes enttäuscht: "Es ist keine verantwortungsbewusste Diskussion, ständig über die Abschaffung des Wehrdienstes zu diskutieren, wenn man nicht auch schon Ersatzkonzepte für den Zivildienst in der Schublade hat." Jeder dritte Zivildiener ist beim Roten Kreuz beschäftigt. Eine Abschaffung des Dienstes reiße eine große Lücke, so Kerschbaum. (red/APA)

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    Gäbe es die drei Millionen Ehrenamtlichen nicht, würde "in Österreich nichts mehr funktionieren", sagt Werner Kerschbaum vom Roten Kreuz zu Ö1.

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