Wirtschaftsskandale: Gibt es nur noch Gauner?

4. Jänner 2011, 17:54
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Der Überblick ist nicht leicht zu behalten über jene Flut an Anklagen, Untersuchungen und (wenigen) Verurteilungen, die Manager und Unternehmer in den vergangenen paar Jahren ausgelöst haben - weltweit, aber auch in Österreich. Der jüngste Fall eines bayrischen Bankers spielt auch nach Österreich und erscheint besonders krass: Ein Ex-Vorstand der skandalumwitterten BayernLB hat 50 Millionen Euro, deren Herkunft er schwer erklären kann, in einer österreichischen Stiftung geparkt. Die BayernLB wiederum ist in den offenkundig überteuerten Kauf der Hypo Alpe Adria verwickelt, gegen etliche Banker wird ermittelt. Die Hypo wiederum erscheint in heutiger Sicht als Abzock-und Bereicherungsinstitut einer Blase um den verstorbenen Landeshauptmann Jörg Haider.

Und dann gibt es, bunt gemischt, noch die Fälle Meinl, Buwog, NÖ-Hypo, Grasser+Freunderl, MensdorffPouilly (Aufzählung unvollständig).

Was wurde eigentlich aus der "Sorgfalt eines ordentlichen Unternehmers", der ein Paragraf des "Unternehmensgesetzbuches" (früher "Handelsgesetzbuch") gewidmet ist? Gibt es nur noch Gauner?

Ob die Groß-Wirtschaftskriminalität tatsächlich so dramatisch angestiegen ist, wie es den Anschein hat, müsste noch genauer geklärt werden. Heute konzentrieren sich die Fälle auf die schwarz-blauen Jahre, wo unter Wolfgang Schüssels fahrlässiger Ägide eine Truppe von meist FP-affinen Abenteurern ans Ruder und an die Futtertröge kam.

Die Gerechtigkeit gebietet es, etwa ein Vierteljahrhundert zurückzudenken. Unter sozialdemokratischer Alleinregierung gab es Mega-Skandale wie "Bauring", AKH, Voest- Intertrading-Noricum oder Proksch-"Lucona".

Nicht unerwähnt muss auch bleiben, dass der heute angesehene Unternehmer und aktive Citoyen Hannes Androsch rechtskräftig wegen Steuerhinterziehung verurteilt ist (er sieht sich als Opfer von Polit-Justiz). Dennoch haben die heutigen Skandale bzw. die handelnden Personen eine Aura der Hemmungslosigkeit, Gier und Unverfrorenheit an sich, die sich in den unsterblichen Worten des "Vermittlers" Walter Meischberger manifestiert: "Was woar mei Leistung?".

"Gier ist gut", lautete das pseudophilosophische Motto der turbokapitalistischen Wall-Street-Dekade. Angeblich gut für die Wirtschaft insgesamt, aber in Wahrheit katastrophal auch für diese, denn die Weltfinanzkrise (noch nicht ausgestanden) war die direkte Folge.

In Österreich konzentrierte sich die Gier allerdings nicht auf den turbokapitalistischen Privatbereich, wie uns die SPÖ und die Grünen weismachen wollen, sondern fast ausschließlich auf die öffentliche Hand. Buwog? Staatlich. Hypo Alpe Adria und NÖ-Hypo? Landesbanken. Skylink? Überwiegender Einfluss von den Ländern Wien und NÖ. ÖBB-Provisionszahlung und seltsame Immobiliengeschäfte? Staatlicher geht's nicht. Lediglich Meinl kann als lupenrein privatkapitalistische Affäre betrachtet werden. In Österreich ist die Wurzel der Bereicherung fast immer der - immer noch überdimensionierte - öffentliche Bereich. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 5.1.2011)

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