"Unsere Empfehlungen sind nicht für den Papierkorb"

4. Jänner 2011, 17:14
posten

Warum der Forschungsrat auch ohne Kompetenzen etwas bewegen kann und die neue Forschungsprämie ein Problem ist, erklärt Forschungsratschef Hannes Androsch

Gefragt hat Luise Ungerboeck.

STANDARD: Sie sind neben Ihren zahlreichen Aufsichtsratsmandaten bei Ihren Unternehmensbeteiligungen seit einigen Wochen auch Vorsitzender des Forschungsrats. Ist Ihnen so fad?

Androsch: Die Langeweile plagt mich nicht. Aber ich sehe durch diese Funktion die Möglichkeit, in einem bestimmten, wichtigen Zukunftsbereich doch ein bisschen etwas gestalten und bewegen zu können – ob das jetzt im Universitätsbereich ist oder in der angewandten Forschung. An der Montan-Uni Leoben zum Beispiel ist trotz aller Widrigkeiten in den vergangenen acht Jahren einiges weitergegangen, und beim AIT (vormals Forschungszentrum Seibersdorf, Anm.) hätte vor drei Jahren auch niemand gedacht, dass wir so weit kommen. Da kann man den Rat vielleicht dazu benutzen, um bei Kompetenzzentren, Akademie der Wissenschaften, Doppler- und Boltzmann-Gesellschaft etwas zu bewegen, wobei man sicher mehr Geld dafür braucht.

STANDARD: Damit sind wir beim Geld. Die Nationalstiftung wird wieder einmal für das Stopfen von Budgetlöchern verwendet, die in den Ordinarien klaffen. Gezielte Akzente gesetzt werden mit den 70 Millionen Euro wieder nicht ...

Androsch: Das kann man so generell nicht sagen. Das Verkehrsministerium ist für die angewandte Forschung mit der zehnprozentigen Forschungsprämie zwar nicht ideal, aber deutlich besser aufgestellt als das für die Grundlagenforschung und alles, was dazugehört, zuständige Wissenschaftsministerium. Wobei hinzukommt, dass man sich im Wissenschaftsressort Grundlagenforschung und Forschungsquote schönrechnet. Da wird behauptet, 40 Prozent der leider ohnehin zu geringen Mittel für die Universitäten seien generell Forschungsausgaben. Dabei ist es vielleicht die Hälfte davon, und wenn ich die Hälfte wegnehme, schaut unsere Forschungsquote, die ohnehin nicht ideal ist, deutlich magerer aus.

STANDARD: Das hat natürlich mit den Personalkosten zu tun ...

Androsch: ... Natürlich. Aber bei Forschung, Universitäten und Bildung geht es immer um Personalkosten! Die Frage ist nur, was dieses Personal tatsächlich macht. Dass 40 Prozent, über alle Universitäten gerechnet, alles Forschung ist, das ist eine Fiktion. Das heißt also, das Defizit, die Lücke die wir haben, ist größer, als sie aussieht. Dabei ist unser Bildungssystem das viertteuerste, aber das viertschlechteste beim Output. Das muss man einmal zusammenbringen. Nur am Geld liegt es also nicht. Wenn im Pflichtschulbereich die Aufwendungen binnen zehn Jahren um 35 Prozent gestiegen, die Schülerzahlen aber um 15 Prozent gesunken sind, dann stimmt etwas nicht.

STANDARD: Der Forschungsrat hat aber keine Kompetenzen, er darf eine im Prinzip beratungsresistente Regierung ausgerechnet in Zukunftsfragen beraten ...

Androsch: (lacht) Der Rat ist ein Rat. Er hat kein Vetorecht und auch kein Exekutivrecht.

STANDARD: Die Regierung sucht für die Forschungsstrategie das größte gemeinsame Vielfache, und der Rat nickt es dann ab. Ist das nicht ein bisschen wenig für ein doch nicht ganz billiges Gremium?

Androsch: (lacht) Je größer der gemeinsame Nenner der Regierung, desto größer ist der Spielraum des Forschungsrats, tatsächlich prioritäre Empfehlungen zu geben. Befolgen muss der Entscheidungsträger den Rat eines Rats natürlich nicht. Aber wenn der Rat ein gewisses Gewicht in der Öffentlichkeit hat, wird man dem Rechnung tragen. Bei der Nationalstiftung war das der Fall. Unsere Empfehlungen sind ja nicht für den Papierkorb. Wenn schon, dann hätten sie sich andere Räte suchen sollen.

STANDARD: Wenn es an Gesamtkonzepten fehlt, warum empfiehlt der Forschungsrat der Nationalstiftung just, von ihrem wenigen Geld ausgerechnet das Headquarterprogramm zu dotieren, das doch eher unbestimmt ist und das Fördergeld kaum an Verpflichtungen knüpft?

Androsch: So ist das auch wieder nicht. Ich glaube, wir haben da als Rat einen Prioritäten setzenden Mix empfohlen, den der Stiftungsrat übernommen hat. Ich glaube, das ist ein doch recht ausgewogenes Verhältnis, da braucht jetzt niemand unzufrieden zu sein. Wir haben zum Beispiel nichts für das vom Wirtschaftsministerium empfohlene Venture-Capital empfohlen.

STANDARD: Warum nicht? Risikokapital ist Mangelware in Österreich.

Androsch: Da sollen erst einmal die Banken etwas machen, das ist deren Kerngeschäft. Die bekommen Milliarden und tun nichts. Das ist eine klare Nichterfüllung einer Kernaufgabe.

STANDARD: Auf Zuruf werden die Kreditinstitute daran wohl nichts ändern. Wie sollen sie dazu animiert werden?

Androsch: Wenn sie ins Finanzministerium kommen, weil sie Geld brauchen, sollten sie vorher zum Beispiel eine Kleinigkeit erledigen müssen. Das schau ich mir an, dass da mit ein bisschen politischem Willen nichts geht, wenn sie schon selber nicht auf die Idee kommen ...

STANDARD: Stichwort Prioritäten in der angewandten Forschung: Die Anhebung der Forschungsprämie auf zehn Prozent ist eine Gießkanne, die wenigen Konzernen nützt – wie beim Headquarter-Programm der FFG. Warum wurde die Chance auf Differenzierung mittels Staffelung der Steuergutschrift nach Unternehmensgröße vergeben?

Androsch: Eine Staffelung wäre viel zu kompliziert. Man muss vorher festlegen, welche Forschungsausgaben steuerlich absetzbar sind, nicht im Nachhinein. Was jetzt gilt, ist in höchstem Maße unbefriedigend, weil der Betriebsprüfer entscheidet, was eine Forschungsausgabe ist.

STANDARD: Daran hat sich durch die Erhöhung der Forschungsprämie ja nichts geändert.

Androsch: Ja, es ist sogar schlechter geworden, weil nicht gesichert ist, dass die Bestätigung des Wirtschaftsministeriums dafür, was absetzbare Ausgaben sind und was nicht, genügt.

STANDARD: Sie plädieren also für den Erhalt des "Forschungsfreibetrags alt" für sogenannte volkswirtschaftlich wichtige Erfindungen? Das würde Millionen kosten und wenige Großbetriebe bevorzugen.

Androsch: Nein. Es müsste lediglich eine Stelle eingerichtet werden, die Absetzbeträge approbiert. Dass hintennach ein Betriebsprüfer, der keinerlei Forschungskompetenz hat, entscheidet, was geltend gemacht werden darf, ist ein grober Unfug. Ich verstehe das Finanzministerium insofern, als Missbrauch ausgeschlossen werden soll, indem die Forschungsprämie für normale Geschäftstätigkeit missbraucht wird. Eine Softwarefirma könnte sich ja sonst die Entwicklung ihrer Programme generell fördern lassen, obwohl das alleiniger Geschäftszweck ist.

STANDARD: Wer soll das prüfen?

Androsch: Nicht der Steuerberater, sondern eine Stelle, die sich auskennt. Das Wirtschaftsministerium zum Beispiel, oder die Forschungsförderungsgesellschaft FFG.

STANDARD: Dieses Problem hätte dem Forschungsrat vor Beschluss des Budgets auffallen können.

Androsch: Der Rat hat in seinem Mission-Statement bereits darauf hingewiesen.

STANDARD: Als weites Reformfeld gilt die Forschungsförderung der Länder. Die Evaluierung des Wifo vor zwei Jahren enthält Hinweise auf Doppelförderungen.

Androsch: Wie in vielen Bereichen haben die Länder auch hier einen Paravent aufgezogen. Die Zersplitterung der Strukturen ist ja evident. Wir brauchen auf Landesliga-Niveau sicher keinen Wettbewerb, das können wir uns nicht leisten. Aber eins nach dem anderen, das Ratsgremium wurde erst vor einigen Wochen etabliert. Bei der Klausur des Forschungsrats in zwei Wochen werden wir uns auch diesen Themen widmen. (DER STANDARD, Printausgabe, 05.01.2011)

Hannes Androsch (72) ist Aktionär und Gesellschafter von AT&S, Salinen AG, Loser Bergbahnen, Consultatio und Androsch International Consulting. Neben den Aufsichtsräten dieser Unternehmen und der Banken-ÖIAG Fimbag gehört der frühere Finanzminister dem Uni-Rat der Montan-Uni Leoben an, als Mäzen (über die "Hannes Androsch Stiftung an der ÖAW") darüber hinaus dem Senat der Akademie der Wissenschaften.

  • Mangels legislativer Kompetenzen setzt Hannes Androsch als Vorsitzender des Forschungsrats auf sein gesellschaftliches Gewicht.
    foto: standard/corn

    Mangels legislativer Kompetenzen setzt Hannes Androsch als Vorsitzender des Forschungsrats auf sein gesellschaftliches Gewicht.

Share if you care.