Spompanadeln im Stadtsaal

4. Jänner 2011, 17:00
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Die Kabarettszene feierte mit einer sehr langen Nacht die Eröffnung der neuen Kleinkunstbühne in Wien

Wien - Drei Jahre lang suchten Andreas Fuderer, Chef des Niedermair, und Fritz Aumayr, einst verantwortlich für Kulisse, Spektakel oder Vindobona, eine zentrumsnahe Spielstätte für Kleinkunst und Musik. Durch Zufall stießen sie im Frühjahr 2010 auf den historistischen Ballsaal des ehemaligen Hotels "Zum blauen Bock" in der Mariahilfer Straße 81, in dem Carl Michael Ziehrer und Josef Lanner aufgespielt haben sollen.

Da der prächtige Saal mit dem Balkon, Mitte der 1990er-Jahre mit Unterstützung der Stadt Wien restauriert, kaum geeignet ist, um Beratungsgespräche zu führen, hatte der eingemietete Verein für Konsumenteninformation nichts dagegen, das Feld zu räumen - zumal, welch Glück, im Haus nebenan Räumlichkeiten frei geworden waren. Fuderer und Aumayr, die mit Till Hofmann von der Münchener Lach- und Schießgesellschaft zusammenarbeiten, investierten insgesamt 850.000 Euro (für Belüftung, WC-Anlagen, Foyer-Bereiche und Technik). Die gebrauchte Bestuhlung kaufte man um lediglich 5000 Euro vom Kurtheater in Bad Wörishofen ein.

Den Stadtsaal, wie Fuderer und Aumayr die Kabarettbühne mit einem Augenzwinkern nennen, bereits am 3. Jänner zu eröffnen war ein ziemlich ehrgeiziges Ziel: Man präsentierte zwar keine Baustelle mehr; drunter und drüber ging es bei der Gala dennoch. Denn der Saal fasst 364 Besucher - und im Winter kommen alle im Mantel. Dies überforderte die Dame an der beengten Garderobe schwer.

Völlig aus dem Ruder lief zudem die Dramaturgie für den Eröffnungsabend. Doch dies sollte man als positives Zeichen werten. Angekündigt war "ein Gemeinschaftsabend" mit Willi Astor, Josef Hader und Martina Schwarzmann; im Endeffekt wurde daraus eine lange Nacht des Kabaretts mit fast allen Protagonisten der heimischen Szene von Lukas Resetarits über Thomas Maurer bis Thomas Stipsits und Nadja Maleh.

Josef Hader führte bravourös durch den Abend: Er hatte sich als Einleitung für jeden etwas Assoziatives einfallen lassen. Werner Schneyder, der pointiert über Bankenkrise und Politik räsonierte, blickte immer wieder auf die Uhr, um die zwölf Minuten, die jedem zugestanden worden waren, auf die Sekunde einzuhalten. Andere aber, darunter der brillante Gunkl, verloren jedes Zeitgefühl: Die zweite Pause begann nicht, wie vorgesehen, um 22.43 Uhr, sondern exakt eine Stunde später.

Auch wenn kaum ein Zuschauer den Stadtsaal vorzeitig verließ, sparte Hader bei seinen Überleitungen ein: "Keine Spompanadeln mehr!" Und schließlich, ab 0.44 Uhr, sorgte er zusammen mit Alfred Dorfer für den Höhepunkt des Abends: Die beiden lasen u. a. die berührende Krankenhausszene aus Indien. Kurz vor halb zwei, nachdem Mike Supancic seinen Bundesbahn-Blues gespielt hatte, war schließlich wirklich Schluss.

Man wird aber wiederkommen müssen: Ab 11. Jänner spielt Dorfer bisjetzt, am 1. März hat Maurers Out of the dark Premiere. (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Printausgabe, 4./5. 1. 2011)

  • Historistisches Juwel: die neue Kleinkunstbühne Stadtsaal.
    foto: stadtsaal

    Historistisches Juwel: die neue Kleinkunstbühne Stadtsaal.

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