"Provinzielle" Sparpolitik in globaler Mission

3. Jänner 2011, 18:45
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Warum dem gängigen Vorwurf des Provinzialismus heimischer Finanzstrategien im Forschungsbereich widersprochen werden muss: Hintergrundthesen zur "Begradigung" der außeruniversitären Institute

Eine Lesart in der Debatte um den "Sparzwang" in der außeruniversitären Forschung geht dahin, den beteiligten Akteuren Provinzialismus zu unterstellen und einen Horizont, der in St. Pölten beginnt und beim nächsten Raiffeisen-Lagerhaus endet. Dieser kleinlichen These soll hier widersprochen werden: Wer genauer hinsieht, erkennt, dass die Beschlussfasser/innen mit einem Weitblick agieren, der sie von Loipersdorf bis Pisa und Bologna, von Brüssel bis nach Cambridge und Massachussetts und von London und Tokyo bis nach New York führt. Sie sind in globaler Mission unterwegs.

Wer auf solchen Pfaden wandert, braucht schweres Marschgepäck, das mit begrifflich-konzeptionellen Meilensteinen und Leuchttürmen vollgestopft ist. Einer dieser Meilensteine ist die "Strukturbereinigung", wie sie nun bei den außeruniversitären Instituten zur Anwendung kommt. Wie die unter der Last der Missionsrucksäcke Ächzenden nicht verhehlen, stellt die Budgetkrise ein willkommenes Legitimationsfenster für eine Strukturreform dar, mit der die überkommene forschungspolitische Landkarte auf einen Schlag umgeschrieben werden kann.

Damit erspart man sich den mühsamen Weg der ansonsten durchaus beliebten langwierigen Evaluationsverfahren und unauffälliger schrittweiser Kürzungen. Als zweiter positiver Effekt verursacht dieser Rundumschlag so viel Aufregung, dass (fast) niemand bemerkt, dass daneben auch noch die Gelder für einzelne Forschungsprojekte reduziert werden und dass bei Nachwuchsförderung und Forschungsstipendien gekürzt wird. Insgesamt spart man so jene 80 Millionen ein, die man dann als "Offensivmaßnahme" wieder an alle Notleidenden verteilen kann. Neben den Unis können damit noch die Fachhochschulen ("Unis entlasten") und die Wirtschaft ("verstärkte Kooperationen") bedacht werden - und ein paar Cent bleiben sogar noch für die universitäre Zivilisierung des akademischen Wildwuchses übrig, sofern er "exzellent" und bereit ist, seine anachronistische Unabhängigkeit zu opfern.

Chronisch Uneinsichtige könnten auf die Idee kommen, auch hierin noch keinen gestalterischen Weitblick erkennen zu wollen. Sie werden sich eines Besseren belehren lassen: In den kommenden Jahren wird der österreichische Staat trotz schwerer Zeiten zugunsten der Forschung sogar auf Steuereinnahmen verzichten! Die Regierung dieses Staates hat nämlich auch beschlossen, die seit einigen Jahren exorbitant hohe Forschungsförderung für die Industrie noch ein wenig zu erhöhen (10 % statt bisher 8 % Forschungsprämie). Wie hoch die Steuerabschreibungen sein werden, die vor allem transnationale Großunternehmen und deren Töchter in Anspruch nehmen werden, ohne auch nur einen einzigen Subventionsantrag schreiben zu müssen, kann natürlich niemand vorhersagen, aber deutlich mehr als 300 Millionen Euro jährlich werden es schon sein.

Die Unis schätzen, dass ihnen spätestens ab 2013 um die 300 Millionen Euro an Mittel fehlen werden, um ihren Betrieb aufrechtzuerhalten. Spätestens an dieser Stelle zeigt sich die Weitsichtigkeit der in Zahlen gegossenen Politik: Einfältige Gemüter könnten nämlich jetzt auf die Idee kommen, einfach 300 Millionen Euro mehr an Unternehmenssteuern einzunehmen und diese dann an die Unis weiterzureichen. Die genialen Rucksackträger(innen) hingegen empfehlen den Unis, ihre Finanzierung stärker auf private Beine zu stellen, und zwar durch Studiengebühren einerseits und - ja! - durch "Beiträge der Wirtschaft". Das ist eine schöne und runde Sache: Man gibt den Konzernen, und die Konzerne geben dem öffentlichen geistigen Leben durch "Forschungsaufträge, Stiftungsprofessuren und Sponsoring" zurück.

Berücksichtigt man diese Finte, erscheint die "Begradigung" der außeruniversitären Forschung in neuem Licht. Die effizienteren Teile auszusortieren und an die Unis anzubinden macht durchaus Sinn. Letztere haben zwar kein Geld, sind aber immerhin seit einigen Jahren unter die Kuratel von Uni-Räten gestellt, in denen Banken- und Unternehmensvertreter sitzen und über die Effizienz und den Output des Unternehmens Universität wachen.

Auch der Ratschlag an die Institute, man möge sich aus den EU-Fördertöpfen ernähren, ist an sich nicht schlecht. EU-Projekte sind zwar die bürokratische Antithese zu kleinen Instituten, nämlich verwalterische Monstrositäten, und entsprechen damit wohl nicht ganz der missionarischen Rucksack-Formel der "Effizienz". Aber dieser Nachteil kann dadurch ausgeglichen werden, dass die viele Zeit und Energie, die das bürokratische Prozedere eines EU-Projektes verschlingt, die Leute vom kritischen Denken abhält.

So könnte zum Beispiel ein kleines sozialwissenschaftliches Institut auf die Idee kommen, untersuchen zu wollen, wie viele (kleine) Vereine im benachbarten Sozialbereich von der österreichischen Politik des letzten Jahrzehnts ausradiert wurden: in einem unbürokratischen Eigenmittelprojekt ohne EU-Mittel und internationale Kooperationen. Kein Leuchtturm, der den Weg nach Österreich weist, bloß ein bisschen politische Aufklärung. Da das ideologische Kleingedruckte fest verschnürt ist und nur Phrasen aus dem Sack gelassen werden, könnte man in solchen Fällen nur etwas wie "auf die Stärkefelder konzentrieren" murmeln und käme es natürlich nicht in Frage, rundheraus zu sagen: Was ihr da macht, zieht mir den letzten Nerv. Wo bleibt der Gewinn für die Wirtschaft? Wie sollen wir mit euch Kleingeistern den Standort Österreich stärken und "Innovation-Leader" werden?

Darin nämlich liegt das Ziel der Mission: in einem weltweiten Konkurrenzkampf ganz oben, auf Platz 1 stehen zu kommen. Dass der Verwirklichung dieser Mission Freiräume zum kritischen Denken geopfert werden, liegt in der Logik der Dinge. Dass auch die Betroffenen dieser Freiheitsberaubung im darwinistischen Kampf ums Dasein bloß damit argumentieren, wie "exzellent", international renommiert und EU-kompatibel sie seien, ist nachvollziehbar. Dass in all dem selten jemand die "Fratze eines utilitaristischen Wissenschaftsideals" erkennen kann, wie das der Wissenschaftsforscher Michael Hagner aus der Distanz der ETH Zürich tut, ist traurig, aber folgerichtig: Ist das Ideal einmal verwirklicht, bringe es nämlich "Heerscharen von bildungsfernen Spezialisten" hervor, "die gewiss glänzend funktionieren, aber nicht mehr recht wissen, wofür..." (Petra Schneider/DER STANDARD, Printausgabe, 04.01.2011)

Petra Schneider ist Mitarbeiterin des Forum Wissenschaft & Umwelt.

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    Forschungspolitik im Zeichen des großen Horizonts: schweigende Lämmer, blinkender Leuchtturm, irgendwo zwischen Loipersdorf, Brüssel und NewYork.

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