Tierschützerprozess

Schwarze Flecken im Prozess gegen die Tierschützer

3. Jänner 2011, 17:53
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    foto: der standard/robert newald

    Mitglieder des Vereins gegen Tierfabriken protestierten seit Beginn des Prozesses vor elf Monaten immer wieder vor dem Gericht. Ein Ende des Verfahrens ist noch nicht absehbar.

Wahrheitsfindung fand im umstrittenen Wiener Neustädter "Mafia"-Verfahren bisher nicht statt

Wien - Sie werde der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt vorerst keine Weisung erteilen, den Tierschützerprozesses einzustellen, lässt Justizministerin Claudia Bandion-Ortner wissen. Die endgültige Meinungsbildung behält sie sich vor. Somit ist damit zu rechnen, dass sich der Gerichtsgang im Jänner, seinem elften Monat, wie bisher weiterschleppen wird. Staatsanwalt Wolfgang Handler wird wohl weiter wortkarg, aber merklich, Einfluss auf Einzelrichterin Sonja Arleth ausüben. Diese wird wohl weiter das Frage- und Verteidigungsrecht der 13 Beschuldigten und sieben Anwälte einschränken.

Denn im großen Saal des Wiener Neustädter Landesgerichts war Wahrheitsfindung bisher leider nicht möglich. Das liegt am Antimafiaparagrafen 278a, der in diesem Verfahren zur Anwendung kommt und an den schwarzen Flecken der Anklage - sowie daran, wie das Verfahren geführt wird. Die Zufälligkeiten, die zur Ladung der ersten Zeugen der Verteidigung - der verdeckten Ermittlerin "Danielle Durand" und ihres Vorgesetzten Stefan Wappel - führten, machten das sichtbar.

Nur wissentliche oder grob fahrlässige Einseitigkeit kann erklären, dass der Polizeispionin, die sich 15 Monate lang bei den Verdächtigen eingeschlichen hatte, erst ein Detektiv im Auftrag der Beschuldigten auf die Spur kommen musste. Und die Berichte über die Peilsenderüberwachungen auf Beschuldigtenautos fehlen in den Akten nach wie vor. Auch über eine zweite verdeckte Ermittlung wird spekuliert.

Vor Wappel und "Durand" waren in dem Verfahren wegen Bildung einer kriminellen Organisation und anderen Straftaten monatelang Belastungszeugen gehört worden. Ermittler der Sonderkommission (Soko) Bekleidung und Geschädigte lösten einander ab - Geschädigte, die das Recht auf Aufklärung und Bestrafung der Täter haben. Doch der Verdacht, dass diese unter den anwesenden Beschuldigten zu suchen sind, erhärtete sich in all den Monaten nur in einigen wenigen Fällen.

Nun, angesichts "Durands", war auch Entlastendes zu erwarten. Für Arleth war das eindeutig überlastend: Fragen der Verteidiger unterbrach sie bei fast jedem Satz. Die Fragen seien nicht zulässig, müssten umformuliert oder könnten erst nach Verlesungen aus den Akten gestellt werden. So verhinderte sie eine "zusammenhängende Darstellung" wie sie laut Paragrafen 248 und 161 der Strafprozessordnung vorgesehen ist. "Mir scheint, dass hier eine österreichische Richterin (irrtümlich) glaubt, sich nicht fürchten zu müssen, in aller Öffentlichkeit mit den Angeklagten und ihren Verteidigern so zu verfahren, als seien sie Saboteure", schreibt Petra Velten vom Institut für Strafrechtswissenschaften der Uni Linz. Ihr Bericht über einen Tag Prozessbeobachtung wird dieser Tage im Journal für Strafrecht veröffentlicht.

Das Tierschützerverfahren sei "eine Ausnahmeerscheinung", meint - und hofft - Velten. Das war es schon in früheren Ermittlungstagen. Etwa im Oktober 2009, als eine Hausdurchsuchung bei einem Mitglied des Unabhängigen Verwaltungssenats Niederösterreich stattfand. Die Juristin wurde des Amtsmissbrauchs verdächtigt, weil sie Verwaltungsstrafen gegen Aktivisten aufgehoben hatte - und von diesen positiv erwähnt worden war. Oder 2008, als Ermittlungen gegen die Kontrollstelle für Freilandeier in der Steiermark liefen, wegen Verdachts, die Stelle könne Geldgeberin der "kriminellen Organisation" laut dem Antimafiaparagrafen sein.

Jener "kriminellen Organisation", die den Kern der Tierschützeranklage bildet. Ihr Bestehen wird in dem Verfahren fast ermittlungsstandunabhängig vorausgesetzt. Ergeben sich, etwa durch DNA-Tests, Hinweise auf Beteiligung einzelner Beschuldigter an handfesten Taten wie Tierbefreiungen, werden die Aktionen mit der "Mafia" in Verbindung gebracht. Fehlen, wie etwa beim Erstangeklagten Martin Balluch, derlei Hinweise völlig, kommt die so genannte "Doppelstrategie"-Theorie zu Ehren: die These, dass die "kriminelle Organisation" ihre legalen und illegalen Aktionen strikt und erfolgreich trennt.

Unklar ist dabei bisher geblieben, wie die "mafiöse" Verbindung strukturiert sein soll, wie sie sich absprach und koordinierte. Es sei denn, man interpretiere die Erwähnung und Diskussion von Bekennerschreiben im teilnehmerbeschränkten "Fadinger Forum", den Besuch internationaler Veranstaltungen sowie den Umstand, das Tierschützer-NGOs ihre Mitgliederdateien verschlüsselt führen, als ausreichenden Beweis für ihre Existenz. Das, mit Verlaub, ist unzureichend. (Irene Brickner/DER STANDARD, Printausgabe, 4.1.2011)

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awsd
02

gibts irgendwo einen artikel oder sonstigen text, der das ganze zusammenfasst und beschreibt, um was es hier eigentlich geht?

zhang sanfeng
10

viele...
- wenn es schnell gehen soll wird ihnen das hier weiterhelfen: http://tierschutzprozess.at/hintergrunde/

umfassende information finden sie hier: http://antirep2008.tk/
oder hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Wien... zerprozess

ah ja, wikipedia natürlich: http://de.wikipedia.org/wiki/Wien... zerprozess

awsd
00

vielen dank,
zu hart, dass es dafür sogar schon einen wikipedia-eintrag gibt...

zhang sanfeng
00

pardon, statt des doppelten wikipedia-eintrags sollte diese umfassende linksammlung stehen: http://www.unet.univie.ac.at/~a8727063... onSpring2/

JosyH1
06
Also dafür zahle ich Steuern?

Dass der Kleiderbauerchef eine solch teure und wertlose Einschüchterungsermittlung bekommt? Wer hat da noch Gewissensbisse wenn er sein Geld irgendwo stuerschonend unterbringt?

Zum Wohle der Gesellschaft würde ich gerne meinen Beitrag leisten - aber DAS, Grassers Homepage, Eurofighter, Politikerpensionen usw. -Nein Danke

sonic
03

Die ganze Angelegenheit ist ein Skandal und eine Schande für den österreichischen Rechtsstaat (falls es den noch gibt).
Das wäre mal ein Fall für Wikileaks.

Don Quixote1
13
Ich habe nicht gedacht, dass Pelzträger so eine starke Lobby haben,

oder alle Waffenhändler sind Pelzträger.

gogosch der Grosse
191
Dier Prozess wird hoffentlich zeigen,

dass der "grüne Linksterrorismus" in AT kein "Leiberl hat"!
Von mir ein "Ja" zum Rechtsstaat!

sonic
06

In einem echten Rechtsstaat wäre der Prozess schon längst vorbei, und die Tierschützer wären ohne brutale Hausdurchsuchungen und monatelange U-Haft schlimmstenfalls wegen Sachbeschädigung oder Hausfriedensbruch verurteilt worden.
Aber so, wie er läuft, ist der ganze Prozess eine Farce.

Ji-Sung
32
zum RECHTSstaat

ich weiß schon. geh dich brausen

blubb66
17
"Ja zum Rechtsstaat" = "Nein zu diesem Prozess"

Dieser Prozess ist alles andere als ein Zeichen eines funktionierenden, gesunden Rechtsstaats. Er ist das genaue Gegenteil davon.

Vorstadtmama
 
41
Jetzt wird mir einiges klar...

Eine Weisung - also die Politik und nicht die Justiz - hat zu diesem Prozess geführt. Falls die Idee zu dieser Weisung von der Justizministerin persönlich kommt, ist sie rüchtrittsreif. Solange die Politik ihre Finger raushält, funktioniert der Rechtsstaat Österreich. Wenn aber Prozesse aus politischen Interessen und nicht aus rechtlichen Gründen angestrengt werden, kommt es zu Unrecht. Weg mit dem Weisungsrecht der Justizminister! Volle Unabhängigkeit für Staatsanwälte und Richter!

andreas lamers
 
02
12.1.2011, 12:24
machen sie sich nichts draus

ist ja nicht der einzige fall, justizirrtuemer (wobei irrtum da wohl falsch ist) haben lange tradition in dem land. vor allem wenn man schuldige braucht fuer die presse, oder einen guten fall fuer den richter damit der in die poltik kann oder sonst wie karriere.

FalscherProphet
13
ad "Jetzt wird mir einiges klar": Wirklich wahr?

Ich hielt die Vorstadtmama für eine Spammerin - beispielsweise eingesetzt von "Tierschutzrichterin" Arleth.

Dazu eine grässliche Vorgeschichte:
Richterin Arleth leitete 2007 einen Prozess, der F. Ambrosi wegen versuchten Mordes für 12 Jahre hinter Gitter bringen sollte.
Als ein neues Gutachten vorlag das Herrn Ambrosi entlastete, kommentierte Arleth dies so:

"Herr Ambrosi tut sich leid, weil er sich nicht mit den 12 Jahren abfinden konnte. Jetzt stellen dieses Gutachten und die Medien die Sache so dar, als wäre es ein Fall von Justizirrtum gewesen."

Nur verschätzte sich Arleth mit diesem Standpunkt - wurde Ambrosi schließlich umgehend enthaftet.

Arleth nimmt keinerlei Entlastungsindizien zur Kenntnis.
Wieso: Minister-Ambitionen wie B.O?

blubb66
02
es gibt ja offensichtlich einen "Markt" für Richter, die um jeden Preis verurteilen ...

... dieser muß also auch bedient werden.

danielle durand
12

es könnten auch schwere soziale defizite sein. von der richtervereinigung hat man noch immer nichts gehört. der richterstand nimmt seine verantwortung, die aus der unabhängigkeit erwächst nicht wirklich ernst genug! man muß sofort verschärft über andere regulative nachdenken! so kann das nicht gelassen werden, wie das jetzt ist!

Atlas Shrugged
 
08

das Problem liegt ja gerade im Richterstand. Nehmen sie nur die liebe Bandion-Ortner. Großvater war Richter, Vater ist Richter, sie selbst auch Richterin und jetzt halt Ministerin. Der ganze Clan lebt seit Generationen in einem privilegierten Universum auf Staatskosten und meint "Recht" sprechen zu können. Dabei vergessen sie halt, daß das Recht vom Volk ausgeht und nicht Ihresgleichen.

Scout Finch
17
Justizministerin gab WEISUNG zu dieser Anklage

Einige PosterInnen hier meinen, die Justizministerin duerfe in dieses Verfahren nicht eingreifen, das sei rechtsstaatlich bedenklich. Tatsaechlich hat aber genau diese Justizministerin per WEISUNG den Staatsanwalt zur Anklage gezwungen! Informationen dazu:
http://www.martinballuch.com/?p=262

Wenn die Justizministerin eine Weisung zur Anklage erteilt hat, dann kann doch wohl gefordert werden, dass auch sie diese Weisung bzw. die Anklage wieder zurueckzieht, ohne dass das ein rechtsstaatlich bedenklicher Vorgang waere.

Vorstadtmama
 
41
...diese Weisung ist ein schwerer Fehler...

Der oder die dafür Verantwortliche soll zurücktreten. Nicht wegen der Nicht-Weisung sondern wegen der Einmischung. Dieser Prozess muß aber ohne weitere Störung durch die Politik zu Ende gehen. Sonst ist Österreich genausowenig ein Rechtsstaat wie Putins Rußland.

andreas lamers
 
01
12.1.2011, 12:26
russlands rechtsstaatlichkeit

waehre aber ein schon ein fortschritt zum gegenzug von dem was in AT ablaueft.

danielle durand
03

wenn sie nich erkennen können, daß die justiz hier (und in einigen anderen kausen) nicht mehr funktioniert, dann darf das trotzdem nicht zulasten der opfer dieser außer rand und band geratenen justiz geschehen. hier ist dringender handlungsbedarf. die richterschaft selbst schafft es nicht mehr in demokratieverträglicher form zu funktionieren

das ist alles sehr kompliziert!
 
13
Das Problem ist, dass ein Prozess,

der bereits im Vorfeld so als Schmierentheater angelegt wurde (der Gerichtsstand wurde z.B. durch einen Taschenspielertrick von Wien nach Wr. Neustadt verlegt, wahrscheinlich, weil abzusehen war, dass er bei der etwas überforderten Fr. Arleth landet), durch nichts, aber auch gar nichts mehr zu einen unbeeinflussten, guten Prozess werden kann. "Putins Justiz" ist hier bereits am Arbeiten, von Anfang an, das wird eine jetzige Nichteinmischung nicht mehr verhindern.

Übrigens: Putin hat auch nur vor dem Prozess laut darüber nachgedacht, was er gerne als Ergebnis hätte, dann lief der Prozess ganz unbeeinflusst von selbst ab (vorauseilender Gehorsam, und so). Finden Sie, dass man da intervenieren hätte sollen, oder war's ab dann für Sie eh OK?

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
17
Mittlerweile -

- stellt sich die frage: Wer schützt die tiere und die tierschützer vor brutalen, existenzvernichtenden übergriffen der täterlobbys??

Vorstadtmama
 
31
Antwort auf "Wer schützt...?"

Hoffentlich die Justiz und nicht das Faustrecht. Erst wenn die Politik ihre schmutzigen Finger aus der Justiz herausnimmt, gibt es unabhängige Gerichte. Sollte das Ministerium wirklich eine "Weisung" an den Staatsanwalt erteilt haben, ist dieser an dem Schlamassel unschuldig. Die Verantwortung liegt dann beim Weisungserteiler. Wieso schimpfen die Poster hier im Forum dann auf Staatsanwalt und Richterin? Es sind wiedereinmal unsere Politiker, die sich in Dinge einmischen, von denen sie die Finger lassen sollten.

Takis
15

Weil der Staatsanwalt Beweise unterschlagen hat und die Richterin nicht sehr viel von fairer Prozessführung hält.
Der ganze Fall ist eine Ungeheuerlichkeit und beweist, dass es in Österreich keineswegs selbstverständlich ist einen fairen Prozess zu bekommen. Das ist ein Armutszeugnis für einen Staat der sich selbst Rechtsstaat nennt. Wobei, eigentlich haben wir genau das, einen Rechtsstaat, wobei das Rechts in diesem Fall wenig mit Recht zu tun hat.
Immerhin wissen wir nun alle, dass wir uns nicht mehr auf den Rechtsstaat verlassen können. Vorallem wenn es um zivilgesellschaftliches oder politisches Engagement geht.

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