Osmanisches Fernsehen läuft wie geschmiert

3. Jänner 2011, 17:25
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Türkische Seifenopern sind der Renner in Bulgarien und Griechenland - Wenn es um die kleinen und großen Dramen in der Familie geht, sitzen alle vor dem Schirm

"Dober vetscher" , sagt der große Mann, um den sich alles dreht. Die Kellnerin hat sich hingesetzt und fingert nach dem Feuerzeug auf dem Tisch. "Dober vetscher, Papa" , antworten die Kinder, die nacheinander in den Salon kommen, längst erwachsene Töchter und der Sohn, diese Riesenenttäuschung der Familie. Draußen schlägt die Brandung an die letzte Fischerkneipe vor der rumänischen Grenze. Jetzt bitte keine Gäste, denkt sich die Kellnerin. Abends um acht ist Soap-Time. Von Durankulak an der bulgarischen Schwarzmeerküste bis Patras in Westgriechenland, von Van in der Südosttürkei bis Prishtina im Kosovo. Es läuft Yaprak Dökümü - "Abwurf der Blätter" - oder Binbir Gece. Oder Perla. Die türkische Filmindustrie versorgt sie alle.

Ali Riza, der Familienvater, stark wie ein Baum, beschäftigt die Menschen in den Nachbarländern der Türkei, wo sich die Abneigung gegen die Türken und die jahrhundertelange Herrschaft des Osmanischen Reichs sonst solide hält und von Generation zu Generation weitergegeben wird. Doch wenn Ali Riza alias Halil Ergün nach einer der unbedachten Bemerkungen seines Sohns Sevket endlos lange ins Leere blickt, seufzt ganz Bulgarien. Diese Geschichten kennen sie.

Der Chef und die Dame

"Es ist die Familie" , sagt die Psychologin und Schriftstellerin Fotini Tsalikoglou in Athen, selbst große Soap-Liebhaberin seit dem Serienstart von Binbir Gece im griechischen Fernsehen vergangenen Sommer. Die komplizierte Liebesgeschichte hat nicht viel mehr als den Namen mit Tausendundeine Nacht gemein: talentierte Architektin geht zur Finanzierung der Operation ihres krebskranken Kindes eine Beziehung mit ihrem Chef ein. "Alles ist um die Familie konstruiert" , sagt Tsalikoglou, "es sind dieselben Muster, dieselben Reaktionen, die wir wiedererkennen" .

Die Seifenopern erweisen sich als wirkungsvolles Instrument der türkischen Diplomatie. Während Außenminister Ahmet Davutoglu Misstrauen erregt mit seiner Politik der "Null Probleme mit den Nachbarn" - inklusive Hamas und Iran - und Reminiszenzen an die angeblich harmonische Zeit der Balkanvölker im Osmanischen Reich, haben die Endlosserien aus Istanbul den Blick der Griechen und Bulgaren auf die Türkei von heute geöffnet.

Dicke Autos, teure Häuser

Was Yaprak Dökümü oder Binbir Gece zeigen, ist ein modernes Land mit dicken Autos und teuer eingerichteten Häusern, in denen gut gekleidete Leute Konversation über die ziemlich gleichen Themen treiben wie in Sofia oder Athen. Die Nachfrage nach Städtetouren in die Türkei ist gestiegen, weil die Bulgaren den Ort ihrer Fernsehhelden sehen wollen, sagen Reiseunternehmer.

Die Religion, die alten Spannungen zwischen muslimischer und christlicher Lebensweise spielen dabei keine Rolle. "Wir haben gemerkt, dass ihre Kultur und unsere einander sehr nah sind. Das erklärt wohl den Erfolg" , sagt Maia, eine Turkologiestudentin aus Sofia. Maia übersetzt die Dialoge von Kavak Yelleri ("Tagträumer" ) ins Bulgarische, einer türkischen Teenagerserie, die wie Yaprak Dökümü und Perla neuerdings auf dem Privatsender bTV läuft. Nova TV ist der andere private Kanal in Bulgarien, der sich den türkischen Soaps verschrieben hat.

"Abwurf der Blätter" ist das Flaggschiff dieser Fernsehserien vom Bosporus. Dem Film liegt der gleichnamige Roman von Resat Nuri Güntekin aus dem Jahr 1939 zugrunde, in der die Geschichte einer Familie verhandelt wird, die den Zusammenprall von Tradition und Moderne durchlebt.

"Ich habe niemals Schande in dieses Haus gebracht!" , ruft Ali Riza, der pensionierte Regierungsbeamte, einmal im Kreis der Familie aus. Der alte Herr ist empört über Arbeitskollegen von früher, die sich nun in der Privatwirtschaft tummeln. Doch Ali Riza braucht Geld, die Kinder sind verschwendungssüchtig und verlassen die Familie. Ein Blatt nach dem anderen fällt vom Baum.

"Der Kapitalismus bringt die Familie auseinander. In der Türkei ist das anders. Die Familienmitglieder legen das Geld zusammen, das sie verdienen" , sagt Bennu Yildirimlar, "also manchmal zumindest." Die Theaterschauspielerin, die seit acht Jahren den Part der ältesten, dem Vater treu ergebenen Tochter Fikret übernimmt, kommt abends nach dem Dreh des 176. und letzten Teils in ein Sushi-Restaurant im Istanbuler Stadtteil Niºantaºi. "Wir waren wieder bei unserem Baum außerhalb von Edirne" , sagt sie und lacht.

Kritik am Westen

Es ist die mittlerweile vierte und erfolgreichste Verfilmung von Güntekins Roman, der den Modernisierungsdrang von Atatürks junger Republik kritisiert. "Sie beschreiben das wirkliche Leben, so, wie es früher war - vor dem Sozialismus" , sagt Matriona Bunalowa, eine mittlerweile 91-jährige eingefleischte Yaprak Dökümü-Anhängerin. Die Enkel haben Anrufverbot, wenn die Serie abends zwischen acht und zehn läuft. Die Bulgarin aus Stara Zagora lobt ihre Serie: "Sie zeigen den Zusammenhalt der Familie und den Respekt vor den Älteren."

Eine stockkonservative Sache? "Ich sehe es nicht so" , sagt Bennu Yildirimlar, auch wenn die türkische Gesellschaft heute sehr wohl konservativer werde. "Jeder findet etwas in dieser großen Geschichte. Die Religiösen wie die westlich Orientierten. Die Botschaft bleibt für beide dieselbe: Brecht nicht die Familienverbindungen ab." (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD; Printausgabe, 4. Jänner, 2011)

  • Eine Familie und der Baum der Zeit: Vater Ali Riza (4. von li.) steht im Mittelpunkt der türkischen Soap-Opera "Yaprak Dökümü" ("Abwurf der Blätter), die enormen Erfolg in den Nachbarländern hat.
    foto: harika

    Eine Familie und der Baum der Zeit: Vater Ali Riza (4. von li.) steht im Mittelpunkt der türkischen Soap-Opera "Yaprak Dökümü" ("Abwurf der Blätter), die enormen Erfolg in den Nachbarländern hat.

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