"Aus den blutigen Eingeweiden der Wahrheit"

3. Jänner 2011, 17:08
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Michael Dangl, Ensemblemitglied des Theaters in der Josefstadt, spricht über sein Buch "Rampenflucht", Killerinstinkte, Gefühlsgerümpelkeller und Wahrhaftigkeit

STANDARD: In Ihrem Roman "Rampenflucht" beschäftigen Sie sich sehr offen und desillusionierend mit dem Theater und dem Schauspielberuf. Wie viel Dangl ist in der Romanfigur Stefan Kowalsky?

Dangl: Natürlich sehr viel. Ich tendiere in Gesprächen dazu, es zu relativieren und von Überspitzungen und Überzeichnungen zu reden. Aber es ist wirklich jeder Satz, jeder Gedanke, aus blutigen Eingeweiden der Wahrheit gerissen. Wie es im Buch steht, so ist es am Theater.

STANDARD: "Das Theater ist eine große, von Jahrhunderten der Inzucht schwach und blass gewordene, einstmals blühende Familie, verarmter, verblödender Adel, sich selbst genügend in inhaltslosen Ritualen und ihre Herkunft vergessenden Deppenspielen": Sehen Sie das Theater wirklich so?

Dangl: Ja, so ist das Theater - auch. Es ist heilsam für mich, es immer wieder einmal - auch - so zu sehen, weil ich dann anders wieder hineintauchen kann. Immer wieder einmal diesen Schritt wegzumachen und das Theater so hart und so kritisch wie möglich zu betrachten, um dann wieder heranzugehen und mit umso mehr Wachheit, Verständnis und Liebe daran zu arbeiten ist mir wichtig geworden. Dieses Buch ist keine Für-immer-Wegbewegung, aber ein gesundes Abstandnehmen. Es hat mir sehr geholfen: nicht als Therapie, sondern als Diagnose.

STANDARD: Weil es beruhigend ist, wenn man weiß, woran man leidet?

Dangl: Ja, außer es ist unheilbar. So wie meine Liebe zum Theater.

STANDARD: Wenn es so schmerzhaft ist: Wollten Sie nie von und vor dem Theater flüchten?

Dangl: Nein, nie. Es ist ein Paradoxon: Man leidet unter etwas und liebt es gleichzeitig. Es ist eine Leidenschaft. Eine tödliche und gleichzeitig glückbringende Umarmung. Ich habe mein Leben daraus definiert.

STANDARD: "Der Schauspieler wird, je älter, desto wunder, innen wie außen, narbiger, rissiger, poröser, ängstlicher": Wie reagieren eigentlich Ihre Schauspielkollegen auf "Rampenflucht"? Gelten Sie als Nestbeschmutzer?

Dangl: Ich weiß natürlich, dass nur diejenigen mit einem reden, die einem etwas Gutes sagen wollen. Es gibt wahrscheinlich auch Ablehnung, ich habe sie nur noch nicht erfahren. Ich spüre fast so etwas wie Dankbarkeit dafür, dass das nun einmal jemand ausgesprochen hat. Wenn die Leidenschaft stark genug ist für den Beruf, dann hält sie auch dieses Buch aus.

STANDARD: Und die Regisseure, die Sie - so wie übrigens auch die Dramaturgen, Assistenten, Hospitanten - als "Erschießungskommando" bezeichnen: Was sagen die?

Dangl: Die haben sich noch nicht geäußert. Nur einer hat gesagt, ich müsse in Zukunft aufpassen, wenn er mit mir arbeitet. (lacht) Ich habe das Gefühl, dass sich durch einen Selbstschutzmechanismus niemand persönlich angesprochen fühlt.

STANDARD: Schauspieler, schreiben Sie, seien die natürlichen Feinde des Regisseurs. Ist der Regisseur, im Umkehrschluss, der natürliche Feind der Schauspieler?

Dangl: Na ja. Auch wenn man noch so gut zusammengearbeitet und einander verstanden hat, irgendwann kommt der Moment, in dem ich mir denke: Jetzt soll der mich doch endlich in Ruhe lassen da unten. Es gibt Regisseure, denen habe ich Garderobenverbot erteilt; ich konnte ihr Gesicht im Spiegel nicht mehr sehen.

STANDARD: Warum?

Dangl: Weil man irgendwann das Gefühl hat: Es muss mir gehören, sonst kann ich es nicht spielen. Andererseits ist es der Job des Regisseurs, bis zuletzt korrigierend einzugreifen. Und man darf nicht vergessen: Es ist natürlich ein Klagen und ein Lamento auf höchstem Luxusniveau. Es geht uns ja wahnsinnig gut. Und es stimmt alles rundherum: Die Romanfigur Stefan Kowalsky arbeitet an einem tollen Theater - ich auch: mit Superkollegen und -regisseuren und -stücken.

STANDARD: Apropos: Sie leiden derzeit nicht an Arbeitsmangel, spielen in "Eh Wurscht" und "Einmal noch", die Proben zu "Judy - Over the Rainbow" haben Sie soeben beendet, die zu Tschechows "Drei Schwestern", wo sie den Andrej spielen, beginnen. Premiere beider Stücke wird aber erst im März sein. Besteht nicht die Gefahr, dass Inszenierungen rosten, wenn sie so lange rasten?

Dangl: Wenn es stimmt, stimmt es. Dann stimmt auch die Wartezeit auf die Premiere. Wir können gut damit leben, dass wir das eine Zeitlang nur in uns tragen.

STANDARD: Der Gang auf die Bühne, schreiben Sie, sei nur mit einer Mischung aus Todesverachtung, Todessehnsucht, Leidensbereitschaft und Herrschaftswillen möglich. Was muss überwiegen?

Dangl: Der Herrschaftswillen. Der Killerinstinkt.

STANDARD: Killerinstinkt wem gegenüber: den Kollegen, dem Regisseur?

Dangl: Dem Publikum gegenüber. "Gegen das Publikum spielen", hat Minetti gesagt.

STANDARD: Was genau heißt das?

Dangl: Alles das nicht tun, was Richtigsein, Gefallenwollen und Nettseinwollen betrifft. Sondern immer die Wahrheit suchen, ob sie nun schön ist oder nicht. Das wäre auch im Leben ein großer Ansatz, im Theater sowieso. Sonst ist das Ganze dekorativ und oberflächlich. Aber das Publikum will nicht oberflächlich unterhalten, sondern im Innersten gepackt werden, staunen und überrascht sein.

STANDARD: Wahrhaftigkeit, Wahrheit auf der Bühne: Das ist ein großer Anspruch. Aber ist er überhaupt erfüllbar?

Dangl: Nein. Ich zitiere meinen großen Kollegen Ulrich Wildgruber: "Ich habe auf der Bühne nicht einen einzigen wahrhaftigen Satz gesagt." Es können immer nur Annäherungen sein, sodass man den Abstand zwischen meiner Wahrheit und der Wahrheit der Figur mit freiem Auge gar nicht mehr sieht. Aber es kann sich niemals decken.

STANDARD: Verfügen Schauspieler über einen größeren Empfindungsfundus als andere Menschen?

Dangl: Auf alle Fälle einen besser ausgeleuchteten. Sie kennen sich im eigenen Gefühlsgerümpelkeller besser aus, wissen, wo was liegt und müssen nicht mehr so lange suchen. So wie unlängst bei einem Casting: Ich war für die Rolle klar, man suchte meine Partnerin. Die kommt vom Flughafen, man trinkt einen Kaffee zusammen, dann spielt man eine Liebesszene. Die Kollegin reist ab, die nächste kommt. Es ist Wahnsinn, wie wir mit dem Schönsten umgehen, was es zwischen Menschen gibt, wie abrufbar wir das haben. Da frage ich mich schon manchmal, wo und wie man seine Unschuld bewahren kann.

STANDARD: Und: Kann man?

Dangl: Offenbar schon. Schauspieler, die ich bewundere, haben das noch. Es ist das Wertvollste, was ein Künstler sich bewahren muss. Nicht Naivität, aber Unschuld. Glauben, aber nicht Wissen. Ich beschreibe das auch in meinem Buch: dass man stark sein muss, um die verletzlichsten Szenen überhaupt spielen zu können.

STANDARD: Was bedeutet für Sie Schauspielen?

Dangl: Mich künstlerisch, existenziell auszudrücken: Ich bin nicht aus irgendwelchen Idealen, aus politischen Gründen oder um die Welt zu verändern zum Theater gegangen. Ich bewundere diesen Ansatz, hatte ihn aber nie. Ich komme vom Gauklerdasein, bin mit dem Theater aufgewachsen, war mit den Eltern von kleinauf mit dem Wandertheater Karawane Salzburg unterwegs. Es war immer klar, dass ich spiele. So völlig selbstverständlich mir das war, erscheint es mir gleichzeitig oft seltsam, mich selber als Schauspieler zu bezeichnen.

STANDARD: Warum?

Dangl: Wahrscheinlich, weil ich eine instinktive Sorge habe, mich als etwas zu bezeichnen, von dem ich nicht wirklich weiß, was das sein soll.

STANDARD: Und Schriftsteller?

Dangl: Ist mir natürlich noch weiter weg als Schauspieler. Aber es hat etwas, was mir momentan schmeichelt, wenn ich es höre. (Andrea Schurian, DER STANDARD - Printausgabe, 4. Jänner 2011)

Michael Dangl (42), geboren in Salzburg, stand bereits als Vierjähriger erstmals auf der Bühne des Wandertheaters Karawane Salzburg seiner Eltern Christa und Agilo Dangl. Er ist seit 1998 Ensemblemitglied des Theaters in der Josefstadt und mit der russischen Flötistin Maria Fedotova verheiratet. Am 4., 8., und 9. 1. spielt Dangl in Franz Wittenbrinks "Eh Wurscht"; am 5., 6. und 11. 1. in Klaus Pohls "Einmal noch".

  • "Da frage ich mich schon manchmal, wo und wie man seine Unschuld 
bewahren kann": Michael Dangl.
    foto: walter fischer

    "Da frage ich mich schon manchmal, wo und wie man seine Unschuld bewahren kann": Michael Dangl.

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