Als Blitze noch vom Heiligen Geist geschickt wurden

3. Jänner 2011, 12:41
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Grazer Germanist sucht in Dokumenten nach Hinweisen, wie Menschen im Mittelalter auf Unwetter- und Klimaphänomene reagierten

Graz - Wie Menschen im Mittelalter auf Unwetter- und Klimaphänomene reagierten und wie sich dies in der Literatur niederschlugen, hat ein Grazer Germanist untersucht. Schuld war in der Regel der Teufel, es gab aber auch rationale Erklärungsversuche.

Matthias Melcher analysierte in seiner Diplomarbeit am Institut für Germanistik der Uni Graz über 200 Textstellen aus mittelalterlichen Werken. Deutlich wird, dass die Menschen dieser Epoche ungleich wetterabhängiger und oft auch in ihrer Existenz bedroht waren. Zeitgenössische Texte liefern dabei vorwiegend religiöse Interpretationen von Unwetterereignissen. "Die mittelalterliche Weltsicht war durchdrungen vom christlichen Glauben. Daher wurden meist Gott, der Heilige Geist oder aber auch der Teufel als Verursacher von Wetterphänomenen betrachtet", so der Autor.

So berichtete der Stricker, ein mittelhochdeutscher Dichter, Blitze würden vom Heiligen Geist gesendet. Sie sollten das schlafende Herz der Sünder und Sünderinnen wecken und sie auf den Pfad der Tugend zurückführen.

"Reißen" durch heißen Dunst und kalte Wolken

Außergewöhnlich hingegen ist die rationale Erklärung des Gewitters im "Buch der Natur", entstanden um 1350. Verfasser Konrad von Megenberg suchte nach einer naturwissenschaftlichen Erklärung: Er schreibt von aufsteigendem heißen Dunst, der auf die kalten Wolken trifft, wodurch "ein Reißen" entstehe, das Blitz und Donner erzeuge.

Germanist und Geograf Melcher interessierte sich auch für die Auswirkungen von Klimaveränderungen auf das Leben der Menschen: "Vom 7. Jahrhundert bis um 1000 gab es eine Kaltphase, das sogenannte 'Frühmittelalterliche Pessimum'. Darauf folgte eine Warmzeit, das 'Mittelalterliche Optimum', bis etwa 1300. In der anschließenden 'Kleinen Eiszeit' fiel die Temperatur wieder."

Als Folge der Klimaerwärmung zogen die Menschen auch in hochalpine Lagen, u.a. um dort im Sommer ihr Vieh zu weiden. Auf vielen Pässen wurden Hospize erbaut. "Mittelalterliche Quellen verweisen darauf, dass der Hospizverwalter vorrangig die Aufgabe hatte, Reisende in Notlage aufzunehmen, wie zum Beispiel bei einem Gewitter", berichtet Melcher. (red/APA)


"Donnerwetter! Studie zur Darstellung und Symbolkraft von Unwetterphänomenen in der mittelalterlichen Literatur", Betreuer Wernfried Hofmeister

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Uni Graz: Tausend Jahre Klimawandel - Germanist der Uni Graz untersucht Darstellung und Symbolkraft von Unwetterphänomenen in mittelalterlichen Texten

  • Der Holzschnitt aus einer frühneuzeitlichen Flugschrift (1555) zeigt ein Gewitter in Altenburg (Sachsen).
    foto: uni graz/rüdiger glaser, klimageschichte mitteleuropas

    Der Holzschnitt aus einer frühneuzeitlichen Flugschrift (1555) zeigt ein Gewitter in Altenburg (Sachsen).

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