Erfolg für die Anwältin gegen Frauenverachtung

2. Jänner 2011, 20:25
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Für einen Primar, der Ärztekolleginnen heruntermachte, wurden Herrenrunden-Angstvisionen wahr: Besuch und rechtliche Klarstellung von der Gleichbehandlungsstelle

Da traktiert ein Vorgesetzter seine Umgebung mit frauenverachtenden Sprüchen - und nach einiger Zeit bekommt er Besuch von der Gleichbehandlungsanwaltschaft. Das ist kein Plot für eine Soap-Opera, sondern vor ein paar Monaten tatsächlich geschehen, Herrenrunden-Angstvisionen wurden wahr. Denn seit einer Novelle des Gleichbehandlungsgesetzes im Jahr 2004 ist nicht nur die sexuelle, sondern auch die geschlechtsbezogene Belästigung mit Schadenersatzanspruch belegt, Minimum 720 Euro. Wenn die jeweilige "Herabwürdigung des biologischen Geschlechts oder (angeblicher) geschlechtsspezifischer Verhaltensweisen" eine bestimmte Intensität übersteigt.

Beim Primar in einem österreichischen Privatspital war das der Fall. Um die 60 Jahre, arriviert und nicht an Infragestellung der eigenen Person gewohnt, beglückte der Mann seine Untergebenen - durchwegs Ärztinnen - mit Sätzen wie: "Frauen könnten doch am Standesamt promovieren, das wäre kostensparender", "Frauen sind hormonell fehlgeleitet und Männer müssen darunter leiden", "Frauen sollten sich auf das konzentrieren, was sie am besten können, nämlich Kinderkriegen, und selbst dabei müssen die Mediziner noch nachhelfen" sowie "Frau Kollegin, wenn Sie das nicht auf die Reihe kriegen, geben´S Ihr weißes Manterl ab und gehn´S nach Hause bügeln".

Jahrelang nahmen es die Frauen schweigend hin, bis es einer neu angestellten Oberärztin zu bunt wurde. Sie fühle sich durch derlei Bemerkungen herabgesetzt und schlecht behandelt, sagte sie während einer Sitzung. Ohne Erfolg: "Seien Sie nicht so zickig, Medizin ist ein hartes Geschäft und kein Mädchenpensionat", antwortete der Primar. Auf eine E-Mail-Protestresolution der Kolleginnenschaft reagierte er nicht. Dafür wurden seine Umgangsformen rauer: keine frauenfeindlichen Sprüche mehr, doch bei inhaltlicher Kritik durch die Ärztinnen gleich schriftliche Weisungen vom Chef.

Als die Oberärztin die Gleichbehandlungsanwaltschaft kontaktierte, war die Kommunikation in der Abteilung am Versiegen. Die Anwaltschaft bot Mediation an, denn die Frauen schlossen ein Verfahren vor der Gleichbehandlungskommission und eine Klage vorerst aus. Und siehe da: es funktionierte. Nach dem ersten Anwältinnenbesuch ließ sich der Primar auf weitere Gespräche ein. Er entschuldigte sich und unterzeichnete einen schriftlich vereinbarten Code of Conduct, der höfliche Kommunikation bei Verzicht auf Geschlechterrollen- und rassistische Cliches, Gespräche im Konfliktfall und Nominierung einer ehrenamtlichen Gleichbehandlungsbeauftragten - besagter Oberärztin - vorsieht.

Ähnliche mit rechtlichem Nachdruck geforderte Verbesserungen wären auch woanders möglich, wo Vorurteile die Arbeitsatmosphäre vernebeln. Aber in Österreich wissen das nur Wenige. Denn die Tätigkeit der Gleichbehandlungsanwaltschaft und ihrer -kommissionen wird von den politischen Repräsentanten nicht etwa gelobt oder beworben. Sondern sie wird durch mangelhafte Ausstattung und bloßer Mindestumsetzung der angewandten EU-Antidiskriminierungsrichtlinien gehemmt. Derzeit etwa schließt die ÖVP eine Erweiterung des Diskriminierungsschutzes für Homosexuelle, Ältere und andere aus. Aber wo kämen wir denn auch hin, würden die kleinen Freuden des unfairen Unterschiedemachens mit einem Bann belegt! Und wohin erst, stünde "Brüssel" nicht mehr als bürgerInnenferner Prügelknabe zur Verfügung!

Irene.Brickner@derStandard.at

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    Nach diskriminierenden Sprüchen wie "Frauen könnten doch am Standesamt promovieren, das wäre kostensparender" musste ein Primar einen schriftlich vereinbarten Code of Conduct (Verhaltenskodex) unterzeichnen.

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