Das Neujahrskonzert 2011 erstmals mit dem Dirigenten Franz Welser-Möst: Viele Bravos für einen seriösen, heiter-ausgewogenen Zugang zum Ideenkosmos der Strauß-Dynastie
Wien - Er wird es wohl nicht gleich als Strafe empfunden haben, nach dem
offiziellen Programmteil mit der Signalkelle als Polka-Schaffner seine ersten
Zugabeneinsätze (Eduard Strauß, Ohne Aufenthalt) gegeben zu haben. Ein
bisschen unangenehm war Franz Welser-Möst die Humorpflichtübung beim
Neujahrskonzert womöglich aber doch - jedenfalls wirkte das so, gemessen an der
etwas reservierten Art, mit der er den Applaus für diese einzige heitere
Entgleisung des Konzertes entgegennahm.
Wer den Musikvorgängen am ersten Strauß-Vormittag des Jahres 2011 im obligat
blumenverzierten Wiener Musikverein allerdings mehr mit seinen Ohren und weniger
mit den Augen folgte, dürfte kaum Humor-Askese als roten Faden entdeckt haben.
Eher wird ihm dieses Konzert als eines der zwar äußerlich schmucklosen, von
seiner musikalischen Anlage her aber heitersten in Erinnerung bleiben.
Das hängt zunächst mit der Werkauswahl zusammen, die eine Übermacht an
effektvoll-drängenden Stücken aufwies. Zum anderen wähnte man Welser-Möst
zumeist auf der Sonnenseite des Ausdrucks, auf der das Kecke eines Akzents zur
lustigen Pointe wird und das Vitale dieses virtuosen philharmonischen Kollektivs
zum Feuerwerk der Bestlaune.
Ein solcher Zugang kann mitunter als ein bisschen straff empfunden werden, da
im Umgang mit der musikalischen Zeit selten wirklich großzügiges Innehalten
gestattet scheint.
Und natürlich besteht der Preis dieser auf Transparenz der Stimmen und Verve
angelegten Ästhetik darin, den Streichern etwas von jener schmerzhaften
Schönheit ihres Ausdruck zu nehmen, die Walzern erst ihre Tiefe und Ambivalenz
verleiht - besonders dort, wo man die Blechfraktion lautstärkemäßig an die
Violinen anbindet und einen Mischklang produziert, der eher hell-diesseitig und
ausgewogen, jedoch weniger abgründig-melancholisch wirkt (Joseph-Strauß-Polka
Aus der Ferne).
Da gab es natürlich Ausnahmen, nämlich den Csárdás aus der Oper Ritter
Pasman. Auch die Abwesenheit dieses glühenden Streicherausreißers hätte
jedoch nichts daran geändert, dass dies ein sehr gutes Konzert war.
Mag der Neujahrs-Debütant Welser-Möst mitunter gewirkt haben, als wäre er der
Darsteller eines Genießers, der die Philharmoniker einfach vor sich hin tänzeln
lässt, hat er in Wahrheit dafür gesorgt, dass hier nichts beiläufig ausgespielt
wurde. Als genauer Organisator von Verläufen sorgt er dafür, dass die zu
motivierenden philharmonischen Damen und Herren in jeden Ton Gewicht
hineinlegen; und er betont das Dialogische der Strukturen, indem er den
Mittelstimmen viel Aufmerksamkeit widmet.
Da ein Flöten-Pfiff (Reiter-Marsch) wie ein herzhaft aus der
Sektflasche knallender Korken, dort ein jubelndes Glissando mit anschließender
furioser kollektiver Beschleunigung (Amazonen-Polka). Oder einfach die
muntere Präsenz eines Stückes wie Spanischer Marsch (Johann Strauß) und
ein grandios differenziert und unmittelbar ausgestalteter erster
Mephisto-Walzer von Franz Liszt.
Hier hört man die Energie von Welser-Möst. Wenn er eine Intensität des
Dramatischen erzeugen soll und Details in diesem Sinne zu organisieren hat,
gelingt mit seinem Mix aus Genauigkeit und Vorwärtsdrang durchaus Besonderes.
Insofern war das Programm insgesamt gut gewählt - ob es nun im Dommayer
uraufgeführt wurde, zu dem Welser-Möst über seine Urgroßmutter Aloisia Wild
(geborene Dommayer) in Verbindung steht, oder nicht.
Sollte wiederkommen
"Ich neige nicht dazu, ein großes Zirkuspferd zu sein", meinte Welser-Möst im
Vorfeld. In diesem Sinne wünschte er auch der TV-Welt (nach der Pause waren in
Österreich durchschnittlich 1,17 Millionen Zuschauer dabei) mit dem Orchester
sehr knapp alles Gute für 2011 und ließ das Geklatsche beim Radetzky-Marsch
unroutiniert schnell losbrechen. Wie auch immer. Die Philharmoniker sollte
nichts davon abbringen, irgendwann wieder an Welser-Möst eine Einladung
auszusprechen. Auch ein Georges Prêtre war beim zweiten Mal noch viel besser.
Ob auch Mariss Jansons bei seiner Neujahrswiederkehr noch zulegen kann, hört
man pünktlich um 11.15 Uhr, am 1. Jänner 2012. (Ljubisa Tosic/ DER STANDARD, Printausgabe, 3.1.2011)