"Es wäre wie bei Lehman Brothers"

2. Jänner 2011, 18:39
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Julian Callow rechnet mit Inflations­druck. Eine Umschuldung von pleitegefährdeten Ländern hätte "schwerwiegende Folgen"

Standard: Derzeit wird in der Eurozone mit verschiedenen Mechanismen die Schuldenkrise bekämpft. Wie muss eine permanente Lösung aussehen?

Callow: Der Hauptpunkt ist, dass man davon Abstand nimmt, die Schuldner wie Griechenland oder Irland mit hohen Zinsen zu bestrafen. Stattdessen müssen wir eine weniger drückende Lösung finden. Mein Vorschlag ist, die Zinsen zu senken, gegen gewisse Auflagen. Ein Land kann sich dann billiger refinanzieren, muss aber weitere Bedingungen erfüllen, was die Budgetkonsolidierung und Strukturreformen betrifft. Wir müssen es für die Euro-Peripherie einfacher machen, sich Geld zu leihen. Sonst ist der Abstand zwischen den Zinskosten und dem nominalen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts zu groß. Das verhindert die Möglichkeit, die öffentliche Solvenz wiederherzustellen.

Standard: Griechenland macht nur vier Prozent des europäischen Anleihenmarktes aus. Wäre es nicht einfacher, Länder wie Griechenland würden geordnet pleitegehen? Welche Nebenwirkung hätte das?

Callow: Das hätte einen großen Effekt. Ich sage Ihnen, warum: Es gibt diese Vorstellung, dass Regierungen in entwickelten Volkswirtschaften einfach nicht pleitegehen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu Schwellenländern. Doch wenn Griechenland eine Umschuldung macht, wird diese grundlegende Vorstellung zerstört.

Standard: Die Marktteilnehmer rechnen doch ziemlich fix mit einer Umschuldung, wenn man sich etwa Preise für griechische Anleihen ansieht.

Callow: Die Märkte preisen eine signifikante Chance auf eine griechische Pleite ein. Doch wenn das dann wirklich passiert, hätte das tiefgreifende Effekte, weil die Märkte von der Annahme ausgehen, dass Staaten selbst "too big to fail" (zu groß, um zu scheitern, Anm.) sind. Es wäre wie bei Lehman Brothers. Als die Bank pleiteging, wurde eine zentrale Annahme zerstört: nämlich, dass alle Verträge mit der Bank sicher seien. Wenn ein Land in Europa pleitegeht, hat das unabhängig von der ökonomischen Größe schwerwiegende Folgen.

Standard: Zuletzt sind auch die Zinsen für deutsche oder österreichische Staatsanleihen stark gestiegen. Zeigt das mehr Risiko für die Finanzen dieser Staaten an?

Callow: Es zeigt stärkere Wachstumserwartungen. 2011 wird das Jahr sein, in dem Inflation zu einem globalen Risikofaktor wird. Wenn die wirtschaftliche Dynamik weltweit anhält, wird Inflationsdruck die Folge sein.

Standard: Wird das Wachstum in Europa weiterhin ungleich verteilt sein, also Dynamik in Deutschland, Stagnation in Südeuropa?

Callow: Ja, das wird sich fortsetzen. Denn in Deutschland gibt es noch viel Potenzial für starkes Wachstum. Die Basis werden weiter die Exporte sein. Aber derzeit schneidet auch der Dienstleistungssektor sehr viel stärker ab. Das sollte auch substanzielles Beschäftigungswachstum schaffen können. Ich sehe zudem noch Potenzial, dass die Sparquote in Deutschland sinkt, die ja immer noch auf einem hohen Niveau ist, und dass davon die Baubranche profitiert. Das starke Wachstum in den größten Eurozone-Staaten wird aber auch der Peripherie helfen. Es wird deutlich positive Nachwirkungen geben.

Standard: Also ist die Europäische Zentralbank weiterhin in der Zwickmühle. Die Zinsen für Länder wie Spanien sind zu hoch, für Deutschland aber zu niedrig.

Callow: Die Inflation in der Peripherie wird schwach sein, die Teuerung insgesamt beim Ziel der Zentralbank liegen (unter, aber nahe zwei Prozent, Anm.). Daher wird die EZB die Zinsen nicht anheben, und das wird zu höheren Teuerungsraten in Deutschland führen. Das wird ein Konflikt sein. Die EZB wird Deutschland nahelegen, selbst Maßnahmen gegen steigende Inflation zu ergreifen. Doch diese Nachricht wird nicht gerne gehört.

Standard: 2011 wird es neue Stresstests für Europas Banken geben. Was erwarten Sie?

Callow: Der Sinn eines öffentlichen Stresstests ist, das Vertrauen wiederherzustellen. Direkt nach den vergangenen Stresstests wurde das Vertrauen auch kurzfristig geschaffen. Ich denke, die Tests müssen strenger werden, insbesondere was die Szenarien über Veränderungen am Häusermarkt betrifft. Es ist aber eine komplizierte Aufgabe: Man kann die Tests nicht einfach durchführen und dann veröffentlichen, weil das richtet bei schlechten Ergebnissen Schaden an. Wenn die Ergebnisse nicht gut sind, muss man sofort bereitstehen, Kapital in die schlechten Institute zu stecken.

Standard: Wird es Ende 2011 noch den Euro, wie wir ihn heute kennen, geben?

Callow: Ja, definitiv. Ich sehe derzeit nicht, warum das anders sein sollte. (Lukas Sustala, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 3.1.2011)

Julian Callow ist Europa-Chefökonom bei der britischen Bank Barclays. Er analysiert mit einem Team von elf Ökonomen die Fiskal- und Geldpolitik in der Europäischen Union.

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    Callow: Einen Staat in die Pleite schicken wäre wie bei Lehman Brothers. Als die Bank pleiteging, wurde eine zentrale Annahme zerstört: nämlich, dass alle Verträge mit der Bank sicher seien.

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