Wut nach Attentat auf koptische Kirche

2. Jänner 2011, 17:44
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Beim Begräbnis der 21 bei einem Attentat getöteten Kopten kam es am Sonntag zu Protesten gegen das ägyptische Regime - Die Kondolenzbotschaft von Präsident Mubarak wurde mit "Nein, nein"-Rufen der Christen übertönt

Nach dem Terroranschlag vor einer koptisch-orthodoxen Kirche in der Mittelmeermetropole Alexandria, der in der Neujahrsnacht 21 Tote und 80 Verletzte forderte, muss sich das ägyptische Regime schwere Vorwürfe anhören. "Die Sicherheitskräfte haben die Drohungen nicht ernst genommen", kritisierte ein führendes Mitglied der Muslimbrüder. "Das Regime ist verantwortlich für das Versagen beim Schutz der Gebetsstätten seiner Bürger", erklärte Mohamed ElBaradei, Exdirektor der Internationalen Atomenergieagentur und Exponent der Opposition.

Al-Kaida im Irak hatte nach dem verheerenden Anschlag auf eine christliche Kirche in Bagdad Anfang November nicht nur die Verantwortung übernommen, sondern gleichzeitig angekündigt, das nächste Ziel seien die Christen in Ägypten. Als Grund wurde angeführt, die koptische Kirche würde zwei Frauen gefangen halten, die zum Islam konvertiert seien. Die Kopten sprechen von Gerüchten; die beiden Frauen von Priestern seien nie konvertiert. Die Regierung von Präsident Hosni Mubarak hatte diese Drohungen damals heruntergespielt.

Vertreter der Muslime und der Christen äußerten gleichermaßen ihre Abscheu vor dieser Tat. Mubarak verurteilte den kriminellen Akt, der die ganze Nation treffe. Das Innenministerium schrieb das Attentat gegen die Kirche der Heiligen einem Selbstmordattentäter zu, Mubarak sprach von einer ausländischen Handschrift und kündigte an, die Hände der Verantwortlichen abzuhacken. Beweise für die Urheberschaft Al-Kaidas gab es vorerst keine.

Kopten gingen auf die Straße

Nach dem Anschlag stießen Gruppen aufgebrachter koptischer Jugendlichen mit Sicherheitskräften zusammen, die auf die Demonstrationen mit Tränengas und Gummigeschoßen reagierten. "Das Herz der Christen steht in Flammen" und "Das Blut der Kopten ist nicht gratis", schrien sie.

Die Tatsache, dass sich Präsident Mubarak im Fernsehen an die Bevölkerung wandte, zeigt, wie gravierend dieser Anschlag gegen die Kopten ist. Er fällt in eine Zeit angespannter Beziehungen zwischen den Christen in Ägypten, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, und dem Staat, der seit Jahren verspricht, Benachteiligungen abzuschaffen, aber nichts tut. Erst vor wenigen Wochen war es in einem Außenbezirk von Kairo zu schweren Auseinandersetzungen um den Bau einer Kirche gekommen. Aus Protest hatte sich der koptische Papst Shenouda III. in ein Kloster zurückgezogen.

Am 6. Januar jährt sich zudem der Anschlag auf koptische Kirchgänger im oberägyptischen Nag Hammadi, und noch immer ist kein Urteil gegen die Männer ergangen, die aus einem fahrenden Auto sechs Gläubige erschossen hatten. Viele alltägliche Konflikte um Land, Wasser oder eine Frau eskalieren zu religiösen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Kopten, insbesondere in den ärmeren, schlecht gebildeten Bevölkerungsschichten.

Wenn der Staat nicht endlich etwas tue, um die Grundprobleme der Spannungen zu lösen, würde Ägypten in eine Situation schlittern, wie sie heute im Libanon, dem Sudan, Irak oder Jemen herrsche, warnte kürzlich der koptische Politologe Samir Morcos. (Astrid Frefel aus Kairo/DER STANDARD-Printausgabe, 3.1.2011)

Nachlese mit Postings: Straßenkämpfe in Alexandria nach Bombenattentat

  • Die Särge der beim Attentat in der Neujahrsnacht Getöteten werden vor dem Begräbnisgottesdienst in die Kirche gebracht.
    foto: epa

    Die Särge der beim Attentat in der Neujahrsnacht Getöteten werden vor dem Begräbnisgottesdienst in die Kirche gebracht.

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