Das Duell, das ohne Anheizen auskommt

2. Jänner 2011, 17:46
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Thomas Morgenstern gegen Simon Ammann: Darauf läuft es wohl hinaus in der 59. Vierschanzentournee, die sich heute in Innsbruck fortsetzt. Vieles eint die beiden derzeit besten Skispringer der Welt, vieles trennt sie.

Innsbruck - Sie sind am Verebben, die Wogen, die am Neujahrstag hochgegangen sind. Sehr bald wird vom Springen in Garmisch-Partenkirchen nicht mehr geblieben sein als eine Ergebnisnotiz in den Büchern der Vierschanzentournee. Und gut ist es, dass der zweiten die dritte Schanze quasi auf dem Fuße folgt, dass Innsbruck Montag (13.45 Uhr, ORF1), so nahe bei Garmisch liegt. Ansonsten würden in Österreich vielleicht noch mehr Stimmen laut zur "Arroganz" des Schweizers Simon Ammann und in der Restwelt noch mehr Stimmen zu den "schlechten Verlierern" aus Österreich.

Mehr als genug Stimmen sind schon laut geworden, viel zu viele Stimmen. Da wie dort wurden einzelne Sätze aus Zusammenhängen gerissen - bei Ammann jener vom Risiko, das er seiner Meinung nach "besser einschätzen" könne als andere. Und bei Österreichs Cheftrainer Alexander Pointner jener vom Bogen, der überspannt worden sei in Garmisch, wo die Jury bei stark wechselnden Bedingungen einen Durchgang durchpeitschte und nach acht Tourneesiegen en suite die ÖSV-Serie riss. Wo Martin Koch als bester Österreicher Zehnter wurde, Thomas Morgenstern als 14. immerhin die Tourneeführung verteidigte, Ammann aber seinen Rückstand auf Morgenstern auf 13,5 Punkte verkürzen konnte.

Natürlich ist dem Sieger zu Neujahr auch von den Österreichern ausdrücklich gratuliert worden. Natürlich hat Ammann eingestanden, das Springen hätte während des ersten Durchgangs und nicht erst danach abgebrochen und also abgesagt werden können. Alles also im grünen Bereich. Es muss nicht weiter angeheizt werden, jenes Duell, auf das die Tournee wohl hinausläuft. Es ist das Duell der beiden derzeit besten Skispringer: Thomas Morgenstern gegen Simon Ammann. Vieles eint sie, vieles trennt sie.

Ammann (29) ist vierfacher Olympiasieger, Thomas Morgenstern (24) dreifacher, beide waren je einmal Gesamt-Weltcupsieger, Ammann war solo einmal Weltmeister, Morgenstern viermal im Team. Ihre jeweils ersten zwei Olympiatitel feierten sie in vergleichbar jungen Jahren, Ammann 2002 in Salt Lake City, Morgenstern 2006 in Turin. 2010 in Vancouver kamen bei Ammann zwei Goldene (solo), kam bei Morgenstern eine (Team) dazu. Was die Tournee betrifft, so warten beide noch auf einen Gesamterfolg, auf einen zweiten Platz kann sowohl Morgenstern (2008), der seine achte Tournee springt, als auch Ammann (2009), zum 13. Mal dabei, verweisen. Bei Tageserfolgen liegt der Österreicher (3) knapp vor dem Schweizer (2).

Ammann ist das Team

In ihrer Herangehensweise an eine vor ihnen liegende Aufgabe könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Das hat auch mit der Stellung zu tun, die sie in ihren Teams einnehmen. Ammann ist dieses Team, die Schweiz hat keinen anderen Springer zur 59. Tournee gebracht. Auch diese Solo- und Ausnahmestellung erklärt sein Selbstvertrauen und vor allem die Tatsache, dass er sich nicht scheut, ergebnisorientiert zu denken und zu reden. "Ich werde die Tournee gewinnen", sagte er und wiederholte sich zwecks Betonung: "Ich werde."

Nicht weniger als elf ÖSV-Springer, unter ihnen der sein Comeback gebende Gregor Schlierenzauer, gehen beim Wettbewerb über die Bergisel-Schanze. Alexander Pointner hat diese Mannschaft geformt, sie gewann in dieser Saison acht von zehn Weltcupbewerben. Auch Morgenstern hält sich an die Vorgaben. "Aus Spaß" und "mit Spaß" und "zum Spaß" will er springen und "auf keinen Fall ergebnisorientiert".

Morgenstern ist ein Teil

Morgenstern ist also ein Teil der weltbesten Mannschaft, in der andere einspringen, wenn einer ausfällt. Er hat noch einige Jahre vor sich und wohl noch mehr Chancen auf einen Tournee-Gesamtsieg als Ammann. Beim zweimaligen Schweizer Sportler des Jahres mehren sich die Gerüchte, er könnte mit Saisonende aufhören. Er selbst hat sich noch nicht festgelegt, ein Tourneesieg würde ihm eine Festlegung vielleicht erleichtern. Dann liegt nur noch ein Erfolg für ihn außer Reichweite. Um ein, nun ja, geflügeltes Wort von Andreas Goldberger zu zitieren: "In der Mannschaftswertung hat Ammann keine Chance." (Fritz Neumann, DER STANDARD Printausgabe, 03.01.2011)

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    Simon Ammann flog nur im Training auf Innsbruck, auf die Qualifikation verzichtete er. Wie Thomas Morgenstern.

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