Österreicher ziehen in Garmisch die Nieten

1. Jänner 2011, 18:46
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Jury peitschte Neujahrsspringen in einem Durchgang durch, Sieger Ammann macht in der Gesamtwertung viel Boden gut

Wien - Der zweite Bewerb der 59. Vierschanzen-Tournee der Skispringer in Garmisch-Partenkirchen entwickelte sich am Samstag zu einer höchst umstrittenen Angelegenheit,  ARD-Experte Dieter Thoma sprach von einer Farce. Stark wechselnde Winde stellten Springer wie Jury auf der ausgesetzten Schanzenanlage vor gröbere Probleme. Der erste Durchgang konnte erst nach einer längeren Unterbrechung und zweimaliger Anlaufverkürzung zu einem Ende gebracht werden.  Einen zweiten gab es dann nicht mehr.

Der Sieger nach einem Versuch hieß Simon Ammann, der auf 131 Meter (142,1 Punkte) sprang. Dahinter lagen der Russe Pawel Karelin (132,5/138,3) und Adam Malysz (132/138). Ammann machte damit viel Boden auf den in der Tournee immer noch führenden Österreicher Thomas Morgenstern (13,5 Punkte Vorsprung) gut. Der Oberstdorf-Sieger kämpfte sich bei bei schlechten Bedingungen auf 124 Meter (125,6 Punkte) und kam nur auf Platz 14. Er ertrug diesen Tiefschlag in einer ersten Reaktion (" Die Frage, ob es fair war oder nicht, stellt sich nicht, das ist abgehakt") mit bemerkenswerter Gelassenheit. Coach Alexander Pointner hingegen war nach der Abbruch-Entscheidung der Jury ärgerlich gestikulierend auf dem Trainer-Turm zu sehen.  Bester Österreicher in Garmisch war Martin Koch als Zehnter (123/126,1). Er ist in der Tourneewertung als Fünfter nun zweitbester ÖSV-Springer. Erst zum zweiten Mal nach Kuopio stand in dieser Saison kein Österreicher auf dem Podest.

Andreas Kofler hatte Glück, als er unmittelbar nach dem Absprung in gefährliche Schieflage geriet und einen Sturz nur mit Müh nund Not vermeiden konnte. Dem Finnen Ville Larinto gelang das nicht, er dürfte sich bei seinem Fall im Auslauf aber nicht schwerer verletzt haben. Vorjahressieger Kofler jedenfalls ist nach seinem Sprung auf gerade 100,5 Meter und Platz 50 aus dem Rennen um den Gesamtsieg 2011. Auch der Finne  Matti Hautamäki (31.), der Zweite von Oberstdorf, zählte zu den Verlieren des Tages.

Auch die Wind-Regel, die bei Aufwind Punkteabzüge, bei Rückenwind Gutschriften bringt, konnte keinen fairen Wettkampf gewährleisten. Dafür lieferte sie wohl der Möglichkeit zu dessen Durchführung Vorschub, in früheren Zeiten hätte zu einer Absage vermutlich keine Alternative bestanden. "Ich kann das nicht ganz begreifen. Ich möchte Simon gratulieren, es war ein hervorragender Sprung, und ich möchte seine Leistung nicht schmälern. Nur haben sehr viele draufzahlen müssen. Es ist die Frage, ob es nötig ist, dass man so viele vorführt", stellte Pointner die Jury-Entscheidung in Frage. "Jeder hat begriffen, dass es gefährlich hätte werden können. Man sollte den Bogen nicht zu weit überspannen, heute wurde er überspannt."

Der verantwortliche FIS-Renndirektor Walter Hofer war sich der Problematik bewusst, gab sich aber zufrieden, zumindest ein Ergebnis zustande gebracht zu haben: "Es war ein sehr selektiver Durchgang", sagte der Österreicher gegenüber der ARD. "Bei diesen Verhältnissen war es natürlich schwierig, gute Leistungen zu bringen. Das ist aber ein Zeichen, dass wir eine Freiluftsportart haben." Die Garmischer Olympia-Schanze verfügt trotz bekannter Strömungsanfälligkeit über kein Windnetz und auch nicht über eine Flutlichtanlage.

Pointner muss jetzt viele seiner Athleten, darunter auch Manuel Fettner, der nach einem 3. Rang zum Aufakt nur 39. wurde, wieder aufrichten."Natürlich ist die Enttäuschung sehr groß. Man fragt sich, warum nicht abgebrochen wurde, aber gibt andere Gründe auch, dass es ein Neujahrsspringen geben muss, das kann nicht ausfallen. Dass es nicht fair war, hat jeder gesehen. Nach vier Springen wird trotzdem der Beste gewinnen, aber im Moment ist es bitter", meinte Fettner.

Ammann holte sich viel Kraft aus diesem Sieg, seinem 18. im Weltcup. "Bei den Bedingungen konnte alles passieren. Aber ich habe schon am Holmenkollen bewiesen, dass ich den Wind im Griff habe und das Risiko besser einschätzen kann, in der Gesamtwertung hat mich das wieder ins Rennen gebracht", gab sich  der Schweizer geradezu euphorisch.

Morgenstern freute sich immerhin, als Tourneeleader nach Innsbruck zu kommen (Sonntag ab 13.45 Uhr Qualifikation für das dritte Springen am Montag). "Die Schanze taugt mit gut. Ich hoffe auf einen fairen Wettkampf, dann ist in Innsbruck sicherlich viel drinnen." Ruhig schlafen kann ab sofort wieder Sven Hannawald. Seinen Rekord von vier Tournee-Tagessiegen wird auch in Ausgabe Nummer 59 niemand wiederholen können.

Auf dem Bergisel und bei der abschließenden Konkurrenz in Bischofshofen kommen bei den Österreichern neben Gregor Schlierenzauer, der im ÖSV-Hauptkontingent Stefan Thurnbichler ersetzt, fünf weitere Springer zum Einsatz. Thurnbichler rutscht in die nationale, sechs Österreicher umfassende Gruppe, die auch Mario Innauer, Thomas Diethart, Stefan Hayböck, Manuel Poppinger sowie Andreas Strolz umfasst. Das ÖSV-Kontingent zählt damit bei den Heimspringen insgesamt 13 Mann. (rob)

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    Andreas Kofler wurde von seitlichen Winden irritiert und musste auf der Garmischer Olympia-Schanze Schadensbegrenzung betreiben.

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    Freut sich: Simon Ammann

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    Freut sich weniger: ÖSV-Cheftrainer Alexander Pointner (neben FIS-Renndirektor Walter Hofer)

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