Die Homöopathie und der Nobelpreisträger

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    foto: standard/robert newald

Warum die über 200 Jahre alte Heilmethode nicht glaubwürdiger wird, wenn HIV-Entdecker Luc Montagnier indirekte "Erklärungen" dafür liefert

Für die Homöopathie war 2010 kein besonders gutes Jahr, zumindest in Deutschland und in der angloamerikanischen Welt. So gut wie alle Qualitätsmedien vom "Spiegel" bis zuletzt zur "Zeit" widmeten der alternativmedizinischen Behandlungsform seitenlange Abrechnungen. Unter dem Strich kamen sämtliche Texte (mit Titel wie "Tausendmal gerührt", "Dünn, dünner, Homöopathie", "Glauben und Globuli") zum Schluss: Globuli wirken bei Mensch und Tier ("Alles für die Katz?") nicht besser als Placebos, wie alle bisherigen seriösen wissenschaftlichen Studien ergeben hätten.

Anderswo ging man noch ein Stück weiter und trieb die Homöopathie-Kritik auf die Spitze: In England, Australien und Kanada versammelten sich am 30. Jänner über 400 Homöopathie-Gegner im Rahmen der Kampagne "There is nothing in it" zu organisierten Massen-Einnahmen des homöopathischen Mittels "Arsenicum album", um dessen Wirkungslosigkeit zu beweisen. Sie schluckten vor Apotheken exzessive Überdosen davon, um damit - vermeintlich - Selbstmord zu begehen. Es passierte ... genau nichts.

Gesunde Weihnachtslektüren

Österreich hingegen scheint von der Homöopathie-Skepsis noch weitgehend unbeleckt. Was vielleicht auch daran liegt, dass die Fürsprecher recht gut organisiert sind. Als hier auf dieser Seite das Buch "Die Wissenschaftslüge" von Ben Goldacre für seine sehr scharfsichtige und -züngige Kritik an schlechter Medizin (inkl. Homöopathie) und schlechtem Medizinjournalismus gelobt und auch als Geschenk empfohlen wurde, gab es prompt die vorausgesagten Protestmails ("kann bei notorischen Homöopathie- und Alternativmedizin-Aficionados zu mitunter heftigen Abstoßungsreaktionen führen").

So legte mir ein oberösterreichischer Arzt mit Homöopathie-Praxis diverse Weihnachtslektüren ans Herz, unter anderem die neuen Arbeiten von Luc Montagnier. Die Begründung des Arzts: "Wirkliche Wissenschafter nehmen Phänomene wahr und versuchen Erklärungen zu suchen." Und da Professor Montagnier auch noch HIV entdeckt und dafür 2008 den Nobelpreis gekriegt hat, muss ja wohl was dran sein.

Die beiden empfohlenen Fachartikel klingen auf's Erste auch ziemlich beeindruckend: "Electromagnetic Signals Are Produced by Aqueous Nanostructures Derived from Bacterial DNA Sequences", publiziert im ersten Jahrgang von Interdisciplinary Sciences: Computational Life Sciences, S. 81-90. Und in der gleichen Zeitschrift "Electromagnetic Detection of HIV DNA in the Blood of AIDS Patients Treated by Antiretroviral Therapy" (Bd. 1, S. 245-253), beide 2009.

Radiowellen in wässrigen Lösungen

Forschen wir also nach, was in diesen Texten behauptet wird und was man sonst noch darüber wissen sollte - wie das kürzlich auch der sehr geschätzte Kollege Jürgen Langenbach in der "Presse" getan hat. Im wesentlichen glaubt Montagnier, Hinweise gefunden zu haben, dass Lösungen, die DNA von krank machenden Bakterien und Viren wie HIV enthielten, niederfrequente Radiowellen aussenden würden. Dadurch würden die umgebenden Wassermoleküle veranlasst, sich nanostrukturell neu zu ordnen. Diese Wassermoleküle könnten auch ihrerseits wiederum Radiowellen aussenden. Wasser behalte diese Eigenschaften auch dann, wenn keine Virus- oder Bakterien-DNA mehr nachweisbar sei.

Die Studien wurden in den letzten Monaten von Montagnier auch mehrfach öffentlich präsentiert und von einigen Medien und Homöopathie-Praktikern prompt als mögliche Erklärung der Wirkweise der verdünnten Lösungen gefeiert. Denn wissenschaftlich betrachtet ist es ja nicht so ganz klar, wie zum Beispiel eine 30 C Verdünnung (ein Tropfen einer Ausgangssubstanz wird mit 100 Tropfen verdünnt und das 30 Mal) wirkt. 30 C entspricht nach der Berechnung von Ben Goldacre nämlich umgerechnet einem Molekül des Wirkstoffs in einer Wasserkugel mit dem Durchmesser der Entfernung von der Erde zur Sonne, also 150 Millionen Kilometer.

Gedächtnis des Wassers

Freilich: Wenn sich die Wassermoleküle "erinnern" könnten, sieht die Sache natürlich ganz anders aus. Oder vielleicht doch nicht ganz. Dass es dieses "Erinnern" geben könnte, ist zwar bereits 1988 von einem französischen Mediziner namens Jacques Benveniste behauptet worden, damals immerhin sogar im Wissenschaftsblatt Nature: Seiner Meinung nach könnten hochgradig verdünnte Antigene über diesen "Gedächtniseffekt" des Wassers weiße Blutzellen beeinflussen.

Das Blöde an der Sache war nur, dass es niemandem gelang, diesen Effekt zu wiederholen, auch nicht Benveniste selbst - und zwar weder unter Beobachtung des damaligen Nature-Chefredakteurs John Maddox und Scharlatan-Entlarver-Spezialisten James Randi, noch unter den Augen des heuer verstorbenen Nobelpreisträgers Georges Charpak.

Aber vielleicht gelingt das ja nun endlich Luc Montagnier. Dass seine Aufsätze überhaupt publiziert werden konnten, lag allerdings wohl weniger an ihrer vorab-Nachprüfung durch Kollegen. Die 2009 gegründete Zeitschrift, die seine Texte veröffentlichte, erscheint zwar im angesehenen Wissenschaftsverlag Springer. Vorsitzender des Herausgeberbeirats ist allerdings - Überraschung - Luc Montagnier. Von allzu gestrenger Peer-review wird man in dem Fall also eher nicht ausgehen können.

Unkonventionelle Aussagen

Und dann sollte man vielleicht auch noch ein paar Worte über den 78 Jahre alten Virologen selbst verlieren, der zumindest seit dem Nobelpreis durch eher unkonventionelle Aussagen auch zum Thema HIV und Aids aufgefallen ist: So meinte er unlängst in einem Fernsehinterview, dass "ein gesundes Immunsystem mit dem HI-Virus binnen weniger Wochen von selbst fertig wird", was dem Nachrichtenmagazin "profil" heuer im Sommer ein nicht gerade kritisches Interview mit dem Nobelpreisträger und eine - um es höflich zu formulieren - fragwürdig verniedlichende HIV-Geschichte wert war.

Immerhin: Montagnier, der in Frankreich aufgrund seines Alters keine Forschungsmittel mehr kriegt, erhält nun vom Autism Research Institute in San Diego 40.000 Dollar, um aus seinen neuen Erkenntnissen einen Test für Autismus zu entwickeln. Und die Jiaotong Universtät in Shanghai will ihm ein eigenes, nach ihm benanntes Institut einrichten. Dort soll weiter daran geforscht werden, wie man Autismus und andere Leiden des Gehirns zwar nicht homöopathisch, aber mit "elektromagnetischen Wellen" behandeln kann, wie Montagnier auf Nachfrage von Science sagte.

Ich werde mir trotz Montagniers neuester Publikationen erlauben, hinsichtlich der Wirkweise von Homöopathie weiterhin skepisch zu bleiben, habe aber für alle Homöopathie-Anhänger noch eine gute Nachricht zum Jahresende: Kürzlich erst fanden Harvard-Forscher in einer kleinen aber immerhin im online-Journal PLoS ONE publizierten Untersuchung heraus, dass Placebos (also Zuckertabletten) gegen Reizdarm selbst dann so gut wirkten wie herkömmliche Medikamente, wenn die behandelten Patienten wussten, dass sie nur Placebos schluckten.

Vielleicht sollte ich es 2011 ja doch auch einmal mit - billigen - Globuli probieren.

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