Was bedeutet "Glück"? Wem verdanke ich dieses "Glück"? Dem Zufall? Dem unberechenbaren Schicksal? Einer Art von Gnade? - Von Thomas Macho
Ich frage mich: Ist das Leben fair? Oder ist es von Anfang an ungerecht?
Ich habe Glück gehabt.
Geboren wurde ich in Wien, sieben Jahre nach dem Ende eines großen Krieges.
Meine Eltern waren nicht reich; aber sie waren auch nicht arm, und den Kindern
fehlte nichts. Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich beispielsweise in Kenia
zur Welt gekommen wäre, zur Zeit des Mau-Mau-Aufstands? Oder in Kuba, kurz nach
dem Militärputsch Batistas? Oder in Korea, während des Kriegs, in dem die USA -
anders als im eigenen Sezessionskrieg - an der Seite des Südens kämpften?
Ich habe Glück gehabt; ich
durfte studieren und einen interessanten Beruf ergreifen. Ich lebe gegenwärtig
in einer geräumigen Wohnung und kann die besten medizinischen und sozialen
Versorgungsleistungen in Anspruch nehmen. Doch was bedeutet das Rätselwort
"Glück"? Wem verdanke ich denn dieses "Glück"? Dem blinden Zufall? Dem
unberechenbaren Schicksal? Einer Art von Gnade? Ich frage mich: Ist das Leben
fair? Oder ist es von Anfang an ungerecht?
Gewöhnlich sagen die
Menschen, das Leben sei ungerecht - "Life is unfair", "C'est la vie", "La vita
non è giusta" -, wenn ihnen kleine Malheurs widerfahren: Ein Zug wird versäumt,
eine Beförderung verweigert, eine Hoffnung enttäuscht. Insgeheim wissen wir
freilich, dass diese kleinen Ungerechtigkeiten des Lebens willkommen sind,
insofern sie ein apotropäisches Versprechen zu implizieren scheinen: den Schutz
vor den Erfahrungen tiefer, nahezu unerträglicher Asymmetrie. Das Kind des
Nachbarn liegt im Sterben; das eigene Kind ist gesund. Die Liebesgeschichte
einer Freundin ist dramatisch gescheitert, während die eigene
Partnerschaftskrise erfolgreich bewältigt wurde. In Überschwemmungen, Bränden,
Bürgerkriegen und Seuchen - wie unlängst in Haiti, Russland oder Pakistan -
verlieren ganze Bevölkerungen ihren ohnehin bescheidenen Besitz; andere klagen
über eine Reduktion des Weihnachtsgelds.
Der Stoßseufzer ist wahrer,
als er weiß. Denn nicht besondere Umstände, sondern das Leben selbst ist
ungerecht. Was gegeben ist - die Gabe, die darin besteht, dass es uns gibt -
folgt keinem einheitlichen Maß. Darum haben manche Theorien der Gerechtigkeit
gefolgert, das Leben selbst sei faktisch zufällig, im Gegensatz zu den
Lebensqualitäten, deren symmetrische, gerechte Verteilung gefordert und
zumindest in statistischen Näherungswerten praktiziert werden kann. Die
Unterscheidung zwischen Leben und Lebensqualität würde freilich bedeuten, dass
Lebensdauer oder Lebenserwartung nicht als Bedingungen gerechter Sozialordnungen
aufgefasst werden können: als wäre es kein Merkmal des guten Lebens, dass es
lange währt. Warum wird dann aber sogar in der Bibel betont, dass Hiob, nachdem
er seine legendären Qualen - Effekte einer Wette zwischen Gott und Satan -
überlebt hatte, nicht nur ein glückliches, sondern auch ein langes Leben führte?
"Er besaß vierzehntausend Schafe, sechstausend Kamele, tausend Joch Rinder und
tausend Esel. Auch bekam er sieben Söhne und drei Töchter. Hiob lebte danach
noch hundertvierzig Jahre; er sah seine Kinder und Kindeskinder, vier
Geschlechter. Dann starb Hiob, hochbetagt und satt an Lebenstagen." (42,12-17)
Hiobs Leiden wurden offenbar
entschädigt. Ungezählte Schmerzen und Passionen haben jedoch - nicht erst seit
dem Altertum - zu Verzweiflung und frühem Tod geführt. Mit der rhetorischen
Frage nach der Ungerechtigkeit des Lebens verbindet sich auch die Evidenz hoher
Kindersterblichkeit, die imaginäre Enzyklopädie nichtgelebter Lebensläufe. Als
Gustav Mahler zwischen 1901 und 1904 - sein hundertster Todestag wird übrigens
am 18. Mai 2011 gefeiert - eine kleine Auswahl der Kindertotenlieder von
Friedrich Rückert vertonte, wusste er nicht, dass seine eigene Tochter
Maria-Anna (aus der Ehe mit Alma) 1907 an derselben Krankheit sterben sollte, an
der die beiden jüngsten Kinder Rückerts in den Silvestertagen 1833/34 gestorben
waren. Rückerts Frau Luise zitierte damals in ihrem Tagebuch die Worte eines
Weisen aus der Antike, der geantwortet habe, "als man ihm den Tod seines Sohnes
meldete, ,ich wußte, daß ich einen Sterblichen gezeugt hatte'." Und sie
ergänzte, es sei ihr "Trost", dass "ich weiß, daß es zwei Unsterbliche waren,
die ich geboren und ins Grab gelegt habe. Die Erde sieht nun anders aus, seit
ich so viel verloren, so farblos! Aber wie anders, wie reich der Himmel!"
Der Trost Luise Rückerts ist
uns heute sehr fremd geworden - ein Trost, der noch im Spätmittelalter dazu
führte, dass Eltern, deren Kind kurz nach der Geburt gestorben war, den Weg in
die nächste Kirche antraten, um ein Gnadenbild der Gottesmutter oder eines
Heiligen zu bitten, das Kind zu zeichnen: An sichtbaren Zeichen (wie geröteten
Wangen, Atemgeräuschen oder kleinen Zuckungen) sollte jener kurze Moment erkannt
werden, für den es ins Leben zurückgerufen wurde, um rasch getauft werden zu
können. Es ging ja um das himmlische Heil und den künftigen Aufenthalt seiner
unsterblichen Seele. Eine solche Eschatologie hat sich gegenwärtig allenfalls in
negativer Gestalt erhalten, als Verbot, die individuellen Lebensgeschichten in
Wert und Dauer zu vergleichen und zu beurteilen.
Ich habe Glück gehabt
Der Philosoph Hans
Blumenberg schrieb einmal, vielleicht sei "von allen Verlusten, die mit der
Entkräftung des Christentums einhergegangen sind, der des Credostücks von Jesu
Wiederkehr zum Gericht über die Lebenden und Toten der unersetzlichste".
Blumenberg kannte Kafkas
Satz über die Welt, die "nur von der Stelle aus für gut angesehen werden" kann,
"von der aus sie geschaffen wurde, denn nur dort wurde gesagt: Und siehe, sie
war gut", woraus Kafka folgerte, dass sie "nur von dort aus" beurteilt oder
zerstört werden dürfe. Man könnte diese Einsicht als apokalyptischen Vorbehalt
charakterisieren, der die Antwortlosigkeit (doch nicht die Sinnlosigkeit) der
Frage nach der Gerechtigkeit des Lebens bestimmt.
Mit dem apokalyptischen
Vorbehalt, der die tiefste Sehnsucht der alten Eschatologie in Erinnerung ruft:
die Sehnsucht nach dem Tod des Todes und der Zeit, verbindet sich auch eine
Verschiebung des Stoßseufzers - von der Frage nach der Gerechtigkeit zur Suche
nach der Person des Gerechten. Eine solche Verschiebung hat etwa die Philosophin
Simone Weil - in ihren letzten Notizen von 1943, auf dem Sterbebett in einem
Londoner Krankenhaus - leidenschaftlich propagiert. In diesen Aufzeichnungen
argumentierte sie nicht nur, konsequenter und radikaler als Rousseau, für eine
Abschaffung der politischen Parteien, sondern auch für eine Auffassung der
Gerechtigkeit als Aufmerksamkeit: "Das wichtigste politische Problem ist die
Art, wie die mit Macht ausgestatteten Menschen ihre Tage verbringen. Wenn sie
sie unter Bedingungen verbringen, die eine auf hoher Stufe lange durchgehaltene
Anspannung der Aufmerksamkeit faktisch unmöglich machen, dann kann es keine
Gerechtigkeit geben."
Der Gerechte ist aufmerksam;
er zählt und rechnet nicht, behauptete Simone Weil. Selten, viel zu selten
treffen wir einen Gerechten. Und erinnern uns dauerhaft an diese Begegnung. Ein
Beispiel: Am 18. Mai 2004 habe ich den jüdischen Konzertgeiger, Schriftsteller,
Philosophen, Therapeuten und Erfinder Herbert Thomas Mandl kennengelernt. Er war
damals fast 78 Jahre alt, ein inspirierender, lebhafter Kettenraucher,
aufmerksam, erzählfreudig, gesprächshungrig. Sein Leben hatte ihn mit den
paradigmatischen Schreckensorten des 20. Jahrhunderts konfrontiert; zwischen
1942 und 1945 war er in Theresienstadt, Auschwitz und Dachau inhaftiert. Er
hatte Violine im Orchester von Theresienstadt gespielt; 1945 wurde er in Dachau
beinahe erschossen. Nach Kriegsende studierte er Philosophie und Musik in der
Tschechoslowakei. Danach wurde er zum Professor am Staatlichen Konservatorium
von Ostrava ernannt. Im Konflikt mit dem stalinistischen Regime entschloss er
sich zur Flucht; auf einer Reise nach Kairo bat Mandl in der US-amerikanischen
Botschaft um politisches Asyl. Doch die Amerikaner hielten ihn für einen Spion
und unterwarfen ihn monatelangen CIA-Verhören, bevor sie ihn nach Griechenland
und zuletzt in ein deutsches Flüchtlingslager überstellten. Erst auf Vermittlung
von Hans-Günther Adler und Anton Kalvelli-Adorno - eines Vetters des Philosophen
- kam er frei und wurde wenig später Privatsekretär von Heinrich Böll. Mithilfe
des späteren Literaturnobelpreisträgers gelang es ihm, die abenteuerliche Flucht
seiner in Ostrava verbliebenen Frau, einer Konzertpianistin, zu organisieren.
Warum fällt mir gerade hier
diese Lebensgeschichte ein? In seinen Büchern - Durst, Musik, Geheime
Dienste (1995) oder Die Wette des Philosophen (1996) - hat Herbert
Thomas Mandl das Thema der Gerechtigkeit oder der Leiden Hiobs kaum berührt. Die
Autobiografie schließt überraschend, geradezu beunruhigend versöhnlich, mit dem
Bild vom "Ende eines langen Anlaufs zum Glück". Doch auf beinahe jeder
Druckseite bezeugt sie ein Maß an erzählfreudiger Aufmerksamkeit, das ich kaum
jemals kennengelernt habe, den Wunsch, noch dem grausamsten Gegner durch genaue,
detaillierte Wahrnehmung und Beschreibung gerecht zu werden. Herbert Thomas
Mandl ist am 22. Februar 2007 gestorben. Ich bin ihm nur kurz begegnet - kurz
genug, um ihn seither zu vermissen. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2010 / 1./2.1.2011)