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Glück gehabt - oder eben nicht: Manche Theorien der Gerechtigkeit folgern, das Leben selbst sei faktisch zufällig, im Gegensatz zu den Lebensqualitäten, deren symmetrische, gerechte Verteilung gefordert und zumindest in statistischen Näherungswerten praktiziert werden kann.

Über den Autor:
Thomas Macho, seit 1993 Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt- Universität zu Berlin, wurde 1976 mit einer Dissertation zur Musikphilosophie an der Universität Wien promoviert. Mit einer Arbeit über Todesmetaphern habilitierte er sich 1983 für das Fach Philosophie an der Universität Klagenfurt. Macho war Mitbegründer des Hermann- von-Helmholtz-Zentrums für Kulturtechnik und von 2006-2008 Dekan der Philosophischen Fakultät III. Von 2008 bis 2009 war er Fellow am Internationalen Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie an der Bauhaus-Universität Weimar; seit Beginn des Sommersemesters 2009 ist er Direktor des Instituts für Kulturwissenschaft. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Das Leben ist ungerecht" im Residenz Verlag.
Ich frage mich: Ist das Leben fair? Oder ist es von Anfang an ungerecht?
Ich habe Glück gehabt. Geboren wurde ich in Wien, sieben Jahre nach dem Ende eines großen Krieges. Meine Eltern waren nicht reich; aber sie waren auch nicht arm, und den Kindern fehlte nichts. Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich beispielsweise in Kenia zur Welt gekommen wäre, zur Zeit des Mau-Mau-Aufstands? Oder in Kuba, kurz nach dem Militärputsch Batistas? Oder in Korea, während des Kriegs, in dem die USA - anders als im eigenen Sezessionskrieg - an der Seite des Südens kämpften?
Ich habe Glück gehabt; ich durfte studieren und einen interessanten Beruf ergreifen. Ich lebe gegenwärtig in einer geräumigen Wohnung und kann die besten medizinischen und sozialen Versorgungsleistungen in Anspruch nehmen. Doch was bedeutet das Rätselwort "Glück"? Wem verdanke ich denn dieses "Glück"? Dem blinden Zufall? Dem unberechenbaren Schicksal? Einer Art von Gnade? Ich frage mich: Ist das Leben fair? Oder ist es von Anfang an ungerecht?
Gewöhnlich sagen die Menschen, das Leben sei ungerecht - "Life is unfair", "C'est la vie", "La vita non è giusta" -, wenn ihnen kleine Malheurs widerfahren: Ein Zug wird versäumt, eine Beförderung verweigert, eine Hoffnung enttäuscht. Insgeheim wissen wir freilich, dass diese kleinen Ungerechtigkeiten des Lebens willkommen sind, insofern sie ein apotropäisches Versprechen zu implizieren scheinen: den Schutz vor den Erfahrungen tiefer, nahezu unerträglicher Asymmetrie. Das Kind des Nachbarn liegt im Sterben; das eigene Kind ist gesund. Die Liebesgeschichte einer Freundin ist dramatisch gescheitert, während die eigene Partnerschaftskrise erfolgreich bewältigt wurde. In Überschwemmungen, Bränden, Bürgerkriegen und Seuchen - wie unlängst in Haiti, Russland oder Pakistan - verlieren ganze Bevölkerungen ihren ohnehin bescheidenen Besitz; andere klagen über eine Reduktion des Weihnachtsgelds.
Der Stoßseufzer ist wahrer, als er weiß. Denn nicht besondere Umstände, sondern das Leben selbst ist ungerecht. Was gegeben ist - die Gabe, die darin besteht, dass es uns gibt - folgt keinem einheitlichen Maß. Darum haben manche Theorien der Gerechtigkeit gefolgert, das Leben selbst sei faktisch zufällig, im Gegensatz zu den Lebensqualitäten, deren symmetrische, gerechte Verteilung gefordert und zumindest in statistischen Näherungswerten praktiziert werden kann. Die Unterscheidung zwischen Leben und Lebensqualität würde freilich bedeuten, dass Lebensdauer oder Lebenserwartung nicht als Bedingungen gerechter Sozialordnungen aufgefasst werden können: als wäre es kein Merkmal des guten Lebens, dass es lange währt. Warum wird dann aber sogar in der Bibel betont, dass Hiob, nachdem er seine legendären Qualen - Effekte einer Wette zwischen Gott und Satan - überlebt hatte, nicht nur ein glückliches, sondern auch ein langes Leben führte? "Er besaß vierzehntausend Schafe, sechstausend Kamele, tausend Joch Rinder und tausend Esel. Auch bekam er sieben Söhne und drei Töchter. Hiob lebte danach noch hundertvierzig Jahre; er sah seine Kinder und Kindeskinder, vier Geschlechter. Dann starb Hiob, hochbetagt und satt an Lebenstagen." (42,12-17)
Hiobs Leiden wurden offenbar entschädigt. Ungezählte Schmerzen und Passionen haben jedoch - nicht erst seit dem Altertum - zu Verzweiflung und frühem Tod geführt. Mit der rhetorischen Frage nach der Ungerechtigkeit des Lebens verbindet sich auch die Evidenz hoher Kindersterblichkeit, die imaginäre Enzyklopädie nichtgelebter Lebensläufe. Als Gustav Mahler zwischen 1901 und 1904 - sein hundertster Todestag wird übrigens am 18. Mai 2011 gefeiert - eine kleine Auswahl der Kindertotenlieder von Friedrich Rückert vertonte, wusste er nicht, dass seine eigene Tochter Maria-Anna (aus der Ehe mit Alma) 1907 an derselben Krankheit sterben sollte, an der die beiden jüngsten Kinder Rückerts in den Silvestertagen 1833/34 gestorben waren. Rückerts Frau Luise zitierte damals in ihrem Tagebuch die Worte eines Weisen aus der Antike, der geantwortet habe, "als man ihm den Tod seines Sohnes meldete, ,ich wußte, daß ich einen Sterblichen gezeugt hatte'." Und sie ergänzte, es sei ihr "Trost", dass "ich weiß, daß es zwei Unsterbliche waren, die ich geboren und ins Grab gelegt habe. Die Erde sieht nun anders aus, seit ich so viel verloren, so farblos! Aber wie anders, wie reich der Himmel!"
Der Trost Luise Rückerts ist uns heute sehr fremd geworden - ein Trost, der noch im Spätmittelalter dazu führte, dass Eltern, deren Kind kurz nach der Geburt gestorben war, den Weg in die nächste Kirche antraten, um ein Gnadenbild der Gottesmutter oder eines Heiligen zu bitten, das Kind zu zeichnen: An sichtbaren Zeichen (wie geröteten Wangen, Atemgeräuschen oder kleinen Zuckungen) sollte jener kurze Moment erkannt werden, für den es ins Leben zurückgerufen wurde, um rasch getauft werden zu können. Es ging ja um das himmlische Heil und den künftigen Aufenthalt seiner unsterblichen Seele. Eine solche Eschatologie hat sich gegenwärtig allenfalls in negativer Gestalt erhalten, als Verbot, die individuellen Lebensgeschichten in Wert und Dauer zu vergleichen und zu beurteilen.
Ich habe Glück gehabt
Der Philosoph Hans Blumenberg schrieb einmal, vielleicht sei "von allen Verlusten, die mit der Entkräftung des Christentums einhergegangen sind, der des Credostücks von Jesu Wiederkehr zum Gericht über die Lebenden und Toten der unersetzlichste".
Blumenberg kannte Kafkas Satz über die Welt, die "nur von der Stelle aus für gut angesehen werden" kann, "von der aus sie geschaffen wurde, denn nur dort wurde gesagt: Und siehe, sie war gut", woraus Kafka folgerte, dass sie "nur von dort aus" beurteilt oder zerstört werden dürfe. Man könnte diese Einsicht als apokalyptischen Vorbehalt charakterisieren, der die Antwortlosigkeit (doch nicht die Sinnlosigkeit) der Frage nach der Gerechtigkeit des Lebens bestimmt.
Mit dem apokalyptischen Vorbehalt, der die tiefste Sehnsucht der alten Eschatologie in Erinnerung ruft: die Sehnsucht nach dem Tod des Todes und der Zeit, verbindet sich auch eine Verschiebung des Stoßseufzers - von der Frage nach der Gerechtigkeit zur Suche nach der Person des Gerechten. Eine solche Verschiebung hat etwa die Philosophin Simone Weil - in ihren letzten Notizen von 1943, auf dem Sterbebett in einem Londoner Krankenhaus - leidenschaftlich propagiert. In diesen Aufzeichnungen argumentierte sie nicht nur, konsequenter und radikaler als Rousseau, für eine Abschaffung der politischen Parteien, sondern auch für eine Auffassung der Gerechtigkeit als Aufmerksamkeit: "Das wichtigste politische Problem ist die Art, wie die mit Macht ausgestatteten Menschen ihre Tage verbringen. Wenn sie sie unter Bedingungen verbringen, die eine auf hoher Stufe lange durchgehaltene Anspannung der Aufmerksamkeit faktisch unmöglich machen, dann kann es keine Gerechtigkeit geben."
Der Gerechte ist aufmerksam; er zählt und rechnet nicht, behauptete Simone Weil. Selten, viel zu selten treffen wir einen Gerechten. Und erinnern uns dauerhaft an diese Begegnung. Ein Beispiel: Am 18. Mai 2004 habe ich den jüdischen Konzertgeiger, Schriftsteller, Philosophen, Therapeuten und Erfinder Herbert Thomas Mandl kennengelernt. Er war damals fast 78 Jahre alt, ein inspirierender, lebhafter Kettenraucher, aufmerksam, erzählfreudig, gesprächshungrig. Sein Leben hatte ihn mit den paradigmatischen Schreckensorten des 20. Jahrhunderts konfrontiert; zwischen 1942 und 1945 war er in Theresienstadt, Auschwitz und Dachau inhaftiert. Er hatte Violine im Orchester von Theresienstadt gespielt; 1945 wurde er in Dachau beinahe erschossen. Nach Kriegsende studierte er Philosophie und Musik in der Tschechoslowakei. Danach wurde er zum Professor am Staatlichen Konservatorium von Ostrava ernannt. Im Konflikt mit dem stalinistischen Regime entschloss er sich zur Flucht; auf einer Reise nach Kairo bat Mandl in der US-amerikanischen Botschaft um politisches Asyl. Doch die Amerikaner hielten ihn für einen Spion und unterwarfen ihn monatelangen CIA-Verhören, bevor sie ihn nach Griechenland und zuletzt in ein deutsches Flüchtlingslager überstellten. Erst auf Vermittlung von Hans-Günther Adler und Anton Kalvelli-Adorno - eines Vetters des Philosophen - kam er frei und wurde wenig später Privatsekretär von Heinrich Böll. Mithilfe des späteren Literaturnobelpreisträgers gelang es ihm, die abenteuerliche Flucht seiner in Ostrava verbliebenen Frau, einer Konzertpianistin, zu organisieren.
Warum fällt mir gerade hier diese Lebensgeschichte ein? In seinen Büchern - Durst, Musik, Geheime Dienste (1995) oder Die Wette des Philosophen (1996) - hat Herbert Thomas Mandl das Thema der Gerechtigkeit oder der Leiden Hiobs kaum berührt. Die Autobiografie schließt überraschend, geradezu beunruhigend versöhnlich, mit dem Bild vom "Ende eines langen Anlaufs zum Glück". Doch auf beinahe jeder Druckseite bezeugt sie ein Maß an erzählfreudiger Aufmerksamkeit, das ich kaum jemals kennengelernt habe, den Wunsch, noch dem grausamsten Gegner durch genaue, detaillierte Wahrnehmung und Beschreibung gerecht zu werden. Herbert Thomas Mandl ist am 22. Februar 2007 gestorben. Ich bin ihm nur kurz begegnet - kurz genug, um ihn seither zu vermissen. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2010 / 1./2.1.2011)
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"Der Stoßseufzer ist wahrer, als er weiß."
Echt?
Was weiß so ein Stoßseufzer denn sonst noch alles?
"Ich bin ihm nur kurz begegnet - kurz genug, um ihn seither zu vermissen."
Soso!
Je kürzer man also jemanden kennt, umso mehr vermisst man ihn?
Oder wie ist das zu verstehen?
(Richtig muss es heißen "lang genug, um ihn zu vermissen")
Auch inhaltlich hat mir der Artikel nichts gebracht. Kein Wunder! So naive Argumente wie von Simone Weil (Politiker sind nicht gerecht, weil sie keine Zeit für Aufmerksamkeit haben), sorgen höchsten für einen Lacher.
Hiob ist höchstens ein Beispiel für die schreiende Ungerechtigkeit des Lebens bzw. (wenn es ihn gäbe) von Gott.
Hiob hat lange gelebt?
Ja - aber seine 1. Familie nicht!!
Das Leben vom Standpunkt des Todes aus zu betrachten hat Tradition.
Aber ich verstehe nicht, warum und inwiefern dieser hypothetische Blick auf das Leben uns im Leben helfen soll.
Ich vermute, einem wirklich lebendigen Menschen ist dieser Standpunkt fremd.
Ich denke da z.B. an ein kleines Kind, das spielt.
Vielleicht ist das der "Ort, von dem aus die Welt als gut angesehen werden kann".
Ich kann mit den Gedanken des Herrn Macho irgendwie nix anfangen.
das leben an sich kann nicht fair oder unfair sein, denn fairness ist keine allgemeine konstante die alles überspannt. und somit ist es sinnlos den zufall in solche in korsett zu zwängen, nur damit es dem menschen leichter fällt durch bewertungen schicksalsschläge erträglicher zu machen.
fairness kann es nur im ungang zwischen menschen geben aber nicht in bezug auf zufälle (oder schicksalschläge)
Wenn der eine verhungert und der andere nie hungern muss, dann gehört das zum Leben und es ist unfair.
Wenn der eine beste medizinische Versorgung bekommt und der andere stirbt, weil es keinerlei medizinische Versorgung gibt, dann ist das ungerecht.
Es ist sinnlos sich über die mangelnde Fairness der Natur zu beklagen (Krankheit, Naturkatastrophen), weil die Natur außerhalb unserer Moral steht.
Aber "das Leben" ist nicht nur Natur!
Viele Teile "des Lebens" lassen sich sehr wohl mit den Begriffen "gerecht" bzw. "ungerecht" bewerten.
Und da gibt es dann wohl nicht den geringsten Zweifel: Das Leben ist äußerst ungerecht!
Man mag nach ihm streben, doch wenn man meint, es greifen zu können, erkennt man, dass man weitergehen muss.
Dass Streben nach Glück ist für viele die einzige Triebfeder des Lebens, ja sogar der Sinn des Lebens, und dabei spreche ich nicht einmal von der Spaßgesellschaft und ihren "Kicks".
Zu unser aller Unglück ist es fast ausschließlich das Streben nach dem jeweils eigenen Glück, das diese Welt derzeit lenkt und ihr Aussehen bestimmt.
Let's take Soma...
es ist auch nicht ungerecht. Es ist.
Gerechtigkeit als Ideal gibt es per definitionem nicht. Man kann nur danach streben, diesem Ideal in seinem Denken und Handeln so nahe wie möglich zu kommen. Einen Menschen, der das in hohem Maße schafft, nennen wir wohl gerecht.
Die Natur/das Leben hat es aber nicht nötig, sich an menschlichen Idealen zu orientieren, sie handelt auch nicht bewußt und zweckmäßig. Das Leben braucht diese Kategorien zum Glück nicht.
Das ist eine sehr verkürzte Definition der Gerechtigkeit. Bin ich in Kairo geboren oder in Wien? Es liegt in der menschlichen Natur, dass der in Wien Geborene sich nicht satt zurücklehnt und sagt "Glück gehabt", sondern versuchen wird, dem in Kairo Geborenen zu etwas mehr Glück zu verhelfen. Wir sind halt ein bisserl irrational vom Denken her, blöde Natur ...
Knapp daneben aber Pluspunkte für den Einsatz.
Ich würde es wohl so formulieren: Gerechtigkeit/Ungerechtigkeit sind Attribute der Umstände, in denen ein vernunftbegabtes Leben stattfindet. Diese Umstände kann man jetzt auf das All der Schöpfung/Natur ausdehnen oder auf den sozialen Interaktionsrahmen, in dem Handlungen stattfinden, beschränken.
Auf Handlungen kann dieses Attribut insofern zutreffen, als sie reale Tatsachen schaffen, welche diesem Urteil wiederum unterliegen.
Etwas rustikal formuliert: Wenn jemand sein ganzes Leben lang Gutes tut und dafür bloß Leid/Übel erntet, dann ist das ungerecht d.h. der Rahmen, in dem das Leben stattfindet hat einen Knacks.
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