Washington und Caracas brauchen einander - Von Alexander Fanta
Es gibt einen diplomatischen Affront, und zur Abwechslung ist nicht Wikileaks
daran schuld. Dass sich zwei Länder um die Besetzung von Diplomatenposten
streiten, ist nicht ungewöhnlich. Bloß dass sie dies vor den Augen der
Weltöffentlichkeit tun, bringt die Sache in die Nähe der Kategorie "peinliche
Enthüllungen".
Begonnen hat der Streit mit einer Indiskretion. Im Zuge seiner Bestellung
sprach der US-Diplomat Larry Palmer von engen Verbindungen des venezolanischen
Militärs zur Farc-Guerilla in Kolumbien. Venezuelas Präsident Hugo Chávez
erklärte Palmer daraufhin zum Paria, Washington antwortet nun seinerseits mit
Sanktionen.
Die Reiberei ist freilich nur ein Spiegelgefecht, denn Washington und Caracas
brauchen einander. Nicht nur, weil die USA der weltweit größte Abnehmer
venezolanischen Öls sind. Chávez benutzt antiimperialistische Rhetorik, um im
Inneren die amerikafreundliche Opposition zu schwächen und eigene Stärke zu
gewinnen. In Washington hilft hingegen das Feindbild Chávez dem jeweiligen
Präsidenten, die eigene Lateinamerika-Politik zu rechtfertigen.
Die USA bauen zwei Jahrhunderte nach dem Ende der Kolonialherrschaft in
Lateinamerika noch immer auf Patronage und starke Militärpräsenz, etwa in
Kolumbien und Peru. Die US-Diplomatie ist noch lange nicht auf Augenhöhe mit den
Ländern des Südens, sehr zum eigenen Schaden. Denn so schwächt Washington seine
Beziehung zu wirtschaftlich aufstrebenden Staaten. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2010)