In Chinas Internet treffen sich die Misstrauischen

30. Dezember 2010, 17:38

Journalisten nutzen das Netz, um Skandale aufzudecken - Informationsminister kündigt Offensive für Offenheit an

 

Chinas Informationsminister Wang Chen schwärmte geradezu von Pekings neuer Offensive für mehr Offenheit und den Schutz der Menschenrechte. 2011 würden überall im Lande Behörden der Öffentlichkeit Rede und Antwort stehen können. Der Staatsrat gab am Donnerstag Listen mit Namen und Telefonnummern der Sprecher der 152 Ministerien und Parteikommissionen in der Hauptstadt und bei den Lokalregierungen und Parteikomitees in allen 31 Provinzen bekannt. Der Bürger habe ein Recht auf Transparenz, sagte Wang. Peking wolle auf die Medien zugehen. Auch das Internet sei ein Verbündeter, behauptete er. Und nannte neue Rekorde: Ende November waren 450 Millionen Chinesen online, fast ein Viertel mehr als ein Jahr zuvor. Jeder dritte Chinese ist heute im Netz.

Der Internet-Boom hat für Chinas Behörden aber auch eine Kehrseite. Das in China rigoros kontrollierte Worldwideweb entpuppt sich nämlich als Hort der Ungläubigkeit bezüglich aller behördlichen Verlautbarungen. Internet-Nutzer empören sich über Skandale, wie den jüngsten Fall von Sklavenarbeit. Behinderte waren dabei zur Zwangsarbeit an eine Fabrik in Xinjiang verkauft worden.

Ein buchstäblich virtueller Aufschrei begleitete auch die Nachricht vom Totschlag des 38-jährigen Journalisten Sun Hongjie. Der Reporter hatte immer wieder das rechtlose Vorgehen der Bau- und Abrissmafia in seiner Stadt Kuitun angeprangert. Er enthüllte Fälle wie den des Pensionistenehepaares Wang Xintang, das am 15. Jänner 2010 um zwei Uhr früh von Abbrucharbeitern aus dem Bett gerissen, am Schreien gehindert und in die Kälte getrieben wurde, wo es mit ansehen musste, wie sein Haus zerstört wurde.

Feinde durch Aufdeckungen

Mit solchen Reportagen machte sich Journalist Sun Feinde. Er wurde am 18. Dezember um ein Uhr in der Früh auf dem Nachhauseweg von sechs Schlägern so brutal zusammengeschlagen, dass er nach zehn Tagen starb. Die Polizei behauptet, dass es um eine private Fehde ging. Doch im Internet spekulieren Hunderttausende über korrupte Hintermänner in den Behörden. Selbst die Website der Volkszeitung schrieb, dass es 2010 auffällig viele Fälle gab, wo Journalisten wegen ihrer Berichterstattung attackiert wurden.

Chinas Behörden tolerieren das ihnen im Internet entgegenschlagende Misstrauen, solange es als Ventil verwendet wird, um Frust abzulassen. Peking kann aber auch anders. Seit der Verleihung des Nobelpreises am 10. Dezember ist Liu Xiaobo zur virtuellen Unperson geworden. In dem Fall herrscht die totale Zensur.

Andere Fälle werden toleranter gehandhabt. Millionen erregen sich derzeit über den Tod des am 25. Dezember verstorbenen Ex-Dorfchefs Qian Yunhui in Ostchinas Provinz Zhejiang und spekulieren, ob es Mord war. Der 53-jährige Bauer war von einem Laster überfahren worden. Die Polizei behauptete, dass es ein Verkehrsunfall war. Doch im Web wimmelt es von angeblichen Augenzeugenberichten, wonach Qian von fünf Männern auf den Boden gepresst wurde, bevor der Lkw ihn überrollte. Fotos von der entsetzlich zugerichteten Leiche kursieren.

Protest gegen Bodenraub

Qian hatte als Klageführer ab 2004 bei der Lokalregierung und in Peking immer wieder gegen den Bodenraub in seinem Dorf protestiert. 2005 war er zum Chef des Dorfes gewählt worden, er wurde mehrfach verhaftet und eingesperrt. Inzwischen sind bekannte Pekinger Sozialwissenschafter vor Ort eingetroffen. Sie wollen als unabhängige Forscher in drei Gruppen die Untersuchungen begleiten. Das hat Informationsminister Wang mit seiner neuen Offensive zu mehr Offenheit allerdings nicht gemeint. (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2010)

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10 Postings
exi2
00
Nachdem Daten aus dem Internet nur Gerüchtestatus haben

und ernsthafte Aufforderungen leicht gelöscht werden können, ist der INet natürlich kein Feind Chinas. Und eine lässige Nutzung kein Zeichen von Schwäche.
Die eigentliche Bedrohung ginge von der Bevölkerung aus. Und eine wahre Schwäche wäre die Fixierung auf Städte und die Vernachlässigung des Landes. Einer unkontrollierten Landflucht Millionen Städter hätte China nichts entgegen zu setzen. Und selbst eine diesbezügliche Absprache der Bürger ginge ohne INet besser... nämlich mit Mund-zu-Mund-Propaganda.
Also: warum überhaupt das INet betonen? Es ist nur ein Werkzeug und zudem ein Werkzeug in den Händen der Regierung.

Beobachter zweiter Ordnung
00
Wenn China eine Offensive der Offenheit ankündigt, klingt das nach einer gefährlichen Drohung!

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01
31.12.2010, 16:10

In Chinas Internet treffen sich die Zocker.

Comandante12
00
31.12.2010, 14:36

unabhängig was man da glauben kann oder nicht. so was kanns in österreich nicht geben:
"2011 würden überall im Lande Behörden der Öffentlichkeit Rede und Antwort stehen können. Der Staatsrat gab am Donnerstag Listen mit Namen und Telefonnummern der Sprecher der 152 Ministerien und Parteikommissionen in der Hauptstadt und bei den Lokalregierungen und Parteikomitees in allen 31 Provinzen bekannt."

leichen schmaus
 
01
31.12.2010, 00:36
Und die Verwendung von Skype wird illegal werden

So wie Facebook, Twitter, Youtube bereits geblockt ist

Diversion
11
30.12.2010, 19:34
ich glaub den regierungsvertretern kein wort!!

NotUsed
00
30.12.2010, 18:51

ned nur in china xD

NONE
01
30.12.2010, 21:58

Ja na gut, ich glaube das es in Europa doch seltener ist das Journalisten von Schlägern zu Tode geprügelt werden ...

In Tschetschenien hingegen scheint dies wieder häufig vorzukommen.

Ingrimm
24
31.12.2010, 00:59

Bei uns läuft das halt weit subtiler ab...

Ottinger
00
10.1.2011, 14:42

Sozusagen zivilisierter. Oder: Nicht mit dem offenen Holzhammer und eben gerade darum nachhaltiger.

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