Anforderung an die Organisationskultur

1. Jänner 2011, 20:02
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Die unternehmerische Produktivität und Leistung steht und fällt mit der Gesundheit der Mitarbeiter - Neue Regeln werden gebraucht

Seit der Gründung der IBG Innovatives Betriebliches Gesundheitsmanagement vor 15 Jahren habe die psychische Belastung von Arbeitnehmerinnen und -nehmern deutlich zugenommen, sagt Gerhard Klicka, IBG Geschäftsführer. "Die Arbeitsorganisation hat sich einfach verändert", holt Klicka aus. "In den letzten 15 Jahren hat der Computer in jedem Büro Einzug gehalten, Handys und PDAs mit E-Mail-Funktion wurden erfunden." Habe man sich vor 15 Jahren noch Briefe geschrieben, oder mit seinen Kollegen im Nebenzimmer gesprochen, gehe heute alles via E-Mail. "Es gab einfach kein CC und auch kein BCC. Der Informationsfluss war ein anderer, und der Umgang mit dieser Informationsflut dieser Tage ist eine große Herausforderung", so Klicka weiter.

Der Mensch verfüge über eine bestimmte Informationsverarbeitungskapazität, und wenn diese überschritten ist, reagieren viele mit Rückzug. Ein Zustand, der oft schleichend vonstatten geht, der auch gerne von Arbeitnehmern wie auch von deren Führungskräften - aus ganz unterschiedlichen Gründen - übersehen wird. "Hier Spielregeln zu finden, wie man in Organisationen mit Geschwindigkeit oder hochfrequenten Arbeitsrhythmen, einem zunehmenden Multitasking sowie etwa Stress umgehen will, wird noch eine große Herausforderung", sagt er.

Quelle für Gesundheit

Was nicht heiße, dass die Gesellschaft oder die Menschen in einer tendenziell mechanistischen Welt kränker geworden seien, betont Klicka. "Arbeit im Sinne des Produktivseins war und ist eine Quelle für gute Gesundheit. Das Spüren der eigenen Kräfte, das Eingebettetsein in einem bestimmten Kontext und die Sinnstiftung, also zu wissen, warum man in der Früh aufsteht - und sei es nur wegen des Geldes -, ist grundsätzlich gesundheitsfördernd." Um gesund zu sein, brauche es, so der Experte, einfach auch Einsatz. Studien über erhöhte Krankheitsfälle in Zeiten bei zum Beispiel längeren, unfreiwilligen Nichterwerbsphasen belegen das seit Jahren.

Der Mensch brauche ein bestimmtes Maß an Anstrengung, das auch belohnt werden muss: Beim Sport wäre es "der Wohlfühlmoment" danach, im Beruf die Anerkennung des Vorgesetzten nach getaner Arbeit - also die Endorphinausschüttung nach dem Adrenalin im Zuge der Anstrengung. Das könne auch mit körperlicher Erschöpfung einhergehen, sagt Klicka: "Das ist auch die Hauptherausforderung, vor der wir persönlich, auch als Führungskraft, stehen, beides in Balance zu halten - dieses Wechselspiel zwischen gesundem Einsatz und Belohnung danach. Und dabei beides nicht zu übertreiben. Beim Laufen wäre das eine weitere Runde, weil es so gut gelaufen ist - "das geht nur so weit, bis der Körper einbricht".

Pausen einfordern

Beim Job wäre das bei dem überdimensionalen Gefühl, "unabkömmlich sein zu wollen", der Samstag, viele Überstunden. Ein zu übertriebener Arbeitseinsatz sei absolut unökonomisch, weiß Klicka aus beratender Erfahrung. Um höchstmögliche Produktivität der Mitarbeiter zu gewährleisten, müssen Führungskräfte lernen, Voraussetzungen dafür zu schaffen, ergo Ruhephasen, Pausen von ihren Mitarbeitern auch einzufordern. "Da geht es nicht darum, ein guter Mensch zu sein, sondern das Arbeitsvermögen seiner Mitarbeiter zu managen", sagt Klicka. Dafür seien Führungskräfte einfach auch verantwortlich. Mit Kurzsichtigkeit in diesem Bereich werde man nur kurzfristige Erfolge erzielen, bevor sich die Krankenstände erhöhen.

Gesundheit sei in den vergangenen Jahren und auch dieser Tage immer wieder in die Ecke der "Streichelprogramme" hineingeschoben, weiß Klicka. "Von dort kommt das Thema aber langsam raus", ist er überzeugt. Klar sei, dass Gesundheit kein Unternehmensziel sei, aber es sei sehr wohl ein Unternehmenswert im Sinne von Produktivität und Leistung - und das werde auch immer häufiger erkannt, so Klicka sinngemäß.

Umfeld gestalten

"Da geht es nicht um den gesunden Apfel, mit diesem Thema stecken wir bereits tief in einer Organisationskultur drinnen." Wenn man nicht zum Drucker läuft, darf es nicht heißen, dass man faul sei, so Klicka sinngemäß. Es sei die Aufgabe einer Führungskraft, ein Umfeld zu schaffen, das einem gesunden Menschenbild entspreche, eines, das auf Vertrauen baut, in dem der Mitarbeiter seinen Job tun darf und will. "Diesen Paradigmenwechsel zu schaffen wird die Herausforderung der nächsten Jahre sein", sagt Klicka. (Heidi Aichinger/DER STANDARD; Printausgabe, 31.12/1.1.2010/11)

  • IBG-Geschäftsführer Gerhard Klicka: Neue Spielregeln, damit die Mitarbeiter mit den schnellen Arbeitsrhythmen mithalten können.
    foto: ibg

    IBG-Geschäftsführer Gerhard Klicka: Neue Spielregeln, damit die Mitarbeiter mit den schnellen Arbeitsrhythmen mithalten können.

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