Zum Tod des kontroversefreudigen Gründers der Plattform "Arts & Letters Daily"
Wien - Die Aufhebung des Raumes und der Zeit ist eines der großen
Versprechen der digitalen Gegenwart. Tatsächlich wäre es vor zwei
Jahrzehnten kaum möglich gewesen, dass ein Philosophieprofessor in
Neuseeland eine der angesehensten Institutionen des englischsprachigen
intellektuellen Lebens gründete.
Ebendies gelang Denis Dutton, der an der University of Canterbury in
Christchurch unterrichtete, mit Arts & Letters Daily (www.aldaily.com).
Es ist ein Linkportal, das aber durch die enorme Reichweite des
Erschlossenen schnell nach seiner Etablierung im Jahr 1998 an Bedeutung
gewann.
Hier konnte man erfahren, wenn Christopher Hitchens im Vanity Fair eine
neue Polemik entfacht hatte, oder wenn im American Scholar ein profunder
Text über Emily Dickinson erschienen war. Dutton schrieb häufig die
Anreißertexte vor den Links, die ihm die Charakterisierung als "Twitter
vor der Erfindung der Tweets" eingebracht haben.
Das Prinzip des schnellen Reagierens wurde auf "Arts & Letters Daily"
mit einem Zitat aus Senecas Ödipus zum Ausdruck gebracht: Veritas odit
moras, die Wahrheit hat es eilig.
Dabei entsprach die Aufmachung der Seite nicht dem Ideal der
Allgegenwärtigkeit: Der am 9. Februar 1944 in Los Angeles geborene
Dutton bezog sich auf die Aufmacherseiten von Zeitungen aus dem 18. und
19. Jahrhundert, als es noch keine Titelfotos gab, stattdessen Kolumnen,
Nachrichten und Kommentare aus allen Ressorts.
Die drei Säulen von Arts & Letters Daily waren erwähnenswerte Artikel,
Besprechungen neuer Bücher sowie Essays und Meinungen. Dabei kam ein
weiter Begriff des Intellektuellen zur Anwendung, der immer als offen
gegenüber Naturwissenschaften und Realpolitik gelebt wurde.
Dutton, der als Philosoph zuletzt mit einem Buch über The Art Instinct.
Beauty, Pleasure and the Human Evolution hervortrat, galt als
widerspruchsfreudig - im Englischen gibt es dafür den Begriff
"contrarian".
Dies äußerte sich auch darin, dass er für die Diskussion über das Ausmaß
menschlichen Einwirkens auf den Klimawandel mit einem Kollegen eine
eigene Seite ins Lebens rief (www.climatedebatedaily.com), auf der
Skeptiker ein Forum fanden.
Gerade wegen seiner Neigung zur Kontroverse
hat die Nachricht vom Tod Denis Duttons im Alter von 66 Jahren - er litt
an Prostatakrebs - in Neuseeland und in der internationalen geistigen
Welt große Bestürzung hervorgerufen. (reb / DER STANDARD, Printausgabe, 30.12.2010)