Xi Jinping entstammt Familie der revolutionären Elite - "Keine Ambitionen auf Konfrontation mit USA"
Madrid/Wien - Der voraussichtliche künftige Präsident Chinas, Xi Jinping (57), ist nach Einschätzung von US-Diplomaten ein Spross der "roten Eliten" und "sehr ambitioniert", den "nur die Macht korrumpieren" könne. Das geht aus Depeschen an das State Department hervor, die von der Internetplattform WikiLeaks veröffentlicht wurden und aus denen die spanische Zeitung "El Pais" am Mittwoch in ihrer Internetausgabe zitierte.
Die darin aufgezeichneten Gespräche fanden zwischen 2007 und 2009 in der US-Botschaft in Peking statt. Als anonymer chinesischer Zeuge wird ein alter Freund Xis genannt und nur als "der Professor" bezeichnet. Demnach sieht sich der derzeitige Vizepräsident Xi Jinping als Vertreter der Kinder der ersten Generation der Revolutionäre und damit als "legitimer Erbe" der von seinen Eltern erkämpften Errungenschaften.
Xi, der auch dem Politbüro angehört, wurde 1953 als "roter Prinz" in einer Familie geboren, die der revolutionären Elite angehörte. Sein Vater Xi Zhongxun hat verschiedene hohe Regierungsämter bekleidet und war unter anderem Vizepremier. Seine frühe Jugend verbrachte Xi Jinping in privilegierten Verhältnissen. Trotz aller Rhetorik von der "klassenlosen Gesellschaft" gab es eine strenge Hierarchie unter den hohen Funktionären. Mit dem Ausbruch der Kulturrevolution 1966 endete das angenehme Leben jäh. Xis Eltern wurden als "Konterrevolutionäre" eingesperrt und erst 1978 unter dem Reformer Deng Xiaoping rehabilitiert.
Studium des "angewandten Marxismus"
Der "Professor" erzählte, dass sein Freund einen anderen Weg als er selbst einschlug. Anstatt sich wie viele andere junge Leute dem Vergnügen hinzugeben, beschloss Xi, Karriere zu machen und dafür der KPCh beizutreten - obwohl sein Vater noch im Gefängnis saß. Er schloss ein Studium des "angewandten Marxismus" ab und wurde Armeeoffizier. Zugleich setzte er alles daran, um in der Parteihierarchie aufzusteigen. 1982 ließ er sich deshalb in die Provinz entsenden.
2000 wurde Xi Gouverneur der Küstenprovinz Fujian (Fukien), zwei Jahre später war er Parteisekretär der wohlhabenden östlichen Provinz Zhejiang. 2007 wurde er Parteichef in Shanghai und 2008 Vizepräsident der Volksrepublik. Laut dem "Professor" blieb Xi trotz seiner Eigenschaft als kühler Rechner weiter zugänglich, "ein guter Kerl, großzügig und loyal". Geld bedeute ihm nichts, "doch die Macht könnte ihn korrumpieren", zitierten die US-Diplomaten den Zeugen.
Distanz zu Hu
Die Tatsache, dass Xi ein Sprössling des roten Parteiadels ist, schließt nach Ansicht des "Professors" eine "wirkliche Mitgliedschaft" in der Gruppe um den derzeitigen Staats- und Parteichef Hu Jintao aus. Die Kinder der ersten Generation der Revolutionäre pflegten sich über Hu oder Ministerpräsident Wen Jiabao abfällig zu äußern und bezeichneten diese etwa als "Krämersöhne", so der Zeuge.
Xi sei das Ausmaß der Korruption im Reich der Mitte bewusst, er verabscheue zudem die Kultur der Neureichen. Sollte er tatsächlich wie vorgesehen 2012 zum Generalsekretär der Partei aufsteigen, so die Einschätzung des "Professors", könnte er vielleicht "aggressiv gegen diese Übel vorgehen, möglicherweise auf Kosten der vermögenden Klasse".
"Freund des Westens"
Xi Jinping, so heißt es in den Depeschen, kenne die westliche Welt gut. Seine Schwester lebe in Kanada, sein Bruder sei nach Hongkong ausgewandert, als es noch britische Kronkolonie war. Er habe zudem bereits die USA besucht und hegt dem "Professor" zufolge keine Ambitionen, gegenüber Washington auf Konfrontationskurs zu gehen.
Allerdings sei die Einsetzung Xis als nächster Präsident Chinas noch keine ausgemachte Sache, warnen US-Diplomaten in Peking. Die Rolle als Vizepräsident sei in dieser Hinsicht nutzlos. In der Geschichte der chinesischen Regierungspartei sei nur die Ablöse von Jiang Zemin durch Hu Jintao 2002/03 an der Spitze von Partei und Staat nach einem Plan erfolgt.
"El Pais" zitierte ferner aus US-Diplomatenpapieren, die die KPCh als ein "Unternehmen zur Wahrung persönlicher Interessen" ihrer Mitglieder beschreiben. Im Politbüro habe der das letzte Wort, der über die meisten Aktien verfüge. Hu Jintao wird demgemäß mit einem Konzernvorstand verglichen. (APA)