Kreml-Kritiker Kalaschnikow vermutlich vergiftet

28. Dezember 2010, 17:38
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Wiktor Kalaschnikow war zu Sowjet-Zeiten KGB-Agent in Wien

Berlin/Moskau - Im Oktober seien sie in einem Berliner Hotelzimmer "irgendwie ausgezuckt", berichtete Marina Kalaschnikow der Londoner Times. "Wir wandelten fiebrig die ganze Nacht umher und konnten uns nicht konzentrieren." Bei Tests im Krankenhaus Charité wurden dann in Marinas Blut 56 Mikrogramm Quecksilber je Liter und in jenem ihres Mannes Wiktor 53,7 Mikrogramm festgestellt, berichtete Focus. Der Normalwert beträgt drei Mikrogramm.

Inzwischen bestätigte die Berliner Staatsanwaltschaft, dass sie Ermittlungen wegen möglicher Vergiftung der Kalaschnikows eingeleitet hat. Diese würden von einer Abteilung durchgeführt, die sich mit politisch motivierten Verbrechen befasst.

Wiktor Kalaschnikow war zu Sowjet-Zeiten als Offizier des Geheimdienstes KGB unter anderem in Wien tätig. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR Ende 1991 wechselte er in die Administration von Präsident Boris Jelzin und wurde Direktor des Russischen Zentrums für Öffentliche Politik. Der KGB habe immer wieder versucht, ihn zurückzuholen, berichtete Kalaschnikow bei früherer Gelegenheit.

Im Jahr 2000 (nach der Amtsübernahme von Präsident Wladimir Putin, Anm.) sei ein Kollege durch den Geheimdienst informiert worden, dass Kalaschnikow und dessen Frau Marina wegen ihrer kremlkritischen Schriften auf einer "schwarzen Liste" stünden. Im Jahr davor war Wiktor Kalaschnikow nach einem Besuch in der russischen Botschaft in Brüssel, wo ihm Kaffee serviert wurde, schwer erkrankt.

Der Fall erinnert an den des Ex-KGB-Agenten Alexander Litwinenko, der 2006 in London durch Verabreichung einer radioaktiven Substanz ermordet wurde. Die britischen Behörden beschuldigen Litwinenkos Ex-Kollegen Andrej Lugowoi der Tat. Russland lehnt dessen Auslieferung ab.

Chodorkowski-Prozess

In Moskau wurde am Dienstag die Urteilsverkündung im Prozess gegen den Ex-Yukos-Chef und Putin-Kritiker Michail Chodorkowski fortgesetzt. Vor dem Gerichtsgebäude kam es erneut zu Protesten von Regierungsgegnern. Mindestens zwei Personen wurden festgenommen. Richter Wiktor Danilkin hatte Chodorkowski und dessen mitangeklagten Ex-Geschäftspartner Platon Lebedew am Montag wegen Unterschlagung und Geldwäsche schuldiggesprochen. Das Strafmaß dürfte zu Silvester verkündet werden.

Russland wies unterdessen die westliche Kritik an dem Prozess scharf zurück. Mit den Erklärungen aus Washington und "gewissen Hauptstädten der EU" werde versucht, "Druck auf das Verfahren auszuüben", erklärte das Außenministerium in Moskau. Dies sei "nicht akzeptabel". Russland verwahre sich auch dagegen, dass seine Justiz selektiv arbeite.

Diesen Vorwurf hatte das Weiße Haus in Washington erhoben. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle hatte die Umstände des Prozesses "äußerst bedenklich" genannt. EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton ließ mitteilen, die Union erwarte, dass Russland seine internationalen Verpflichtungen bei Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit respektiere. (red, AFP/DER STANDARD, Printausgabe, 29.12.2009)

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