Forscher relativieren Bild vom "Horror der Urzeitmeere"

2. Jänner 2011, 10:31
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Experimente zeigten, dass die Klauen der größten je existierenden Gliedertiere für die Jagd möglicherweise zu schwach waren

Mit bis zu 2,5 Metern Länge waren sie das Äquivalent zum Tyrannosaurus rex der urzeitlichen Ozeane: Eurypteriden, oder auch Seeskorpione, zählen bis heute zu den größten Gliedertieren, die je die Erde bevölkerten. Vor 460 bis 260 Millionen Jahren waren sie die gefürchtete Spitze der Nahrungskette und gingen mit ihren langen, dornigen Greifzangen auf Beutefang - zumindest war es das, was die Paläontologen bisher annahmen. US-Wissenschafter haben nun nämlich das Bild vom Horror der Meere zwischen Ordovizium und Perm mit einer Reihe von Experimenten ein wenig relativiert.

Die Wissenschafter aus New York und New Jersey weisen in der aktuellen Ausgabe der Bulletin of the Buffalo Society of Natural Sciences nach, dass zumindest Seeskorpione der Gattung Acutiramus, die zu den Monstern unter den Eurypteriden zählten, gar nicht in der Lage gewesen seien, gepanzerte Beutetiere ernstlich zu verletzen. Die Experimente hätten gezeigt, dass der mechanische Aufbau ihrer Zangen nicht dafür geeignet war, die Schale etwa eines durchschnittlich großen Pfeilschwanzkrebses zu durchdringen, ohne dabei auseinanderzubrechen.

Kraftlose Scheren

Richard Laub vom Buffalo Museum of Science und sein Forscherteam glauben daher, dass diese gewaltigen Gliedertiere nicht notwendigerweise die gefräßigen und aktiven Räuber waren, für die man sie gemeinhin hält. Die Kraft, mit der eine Acutiramus-Klaue auf eine Beute einwirken konnte, ohne zu zerbrechen, betrug kaum mehr als fünf Newton - um den harten Panzer eines Pfeilschwanzkrebses zu knacken, bedarf es allerdings mindestens acht bis 17 Newton.

Darüber hinaus stellte Laubs Team fest, dass das Fehlen eines "Ellbogengelenks" zwischen Zange und Körper die Bewegungsfreiheit dieses Werkzeugs empfindlich einschränkte. Dadurch seien die Klauen wesentlich besser geeignet gewesen Beute, die sich direkt vor ihnen am Meeresboden befand, zu ergreifen, als aktiv nach fliehenden Fischen oder Krebsen zu schnappen. Die zahlreichen Dornen weisen die Zangen eher als "Zerstückler" von Beutetieren aus, für die Jagd nach gut gepanzerten Organismen fehlte es dem Riesen möglicherweise einfach an Kraft.

"Unsere Ergebnisse demontieren das Image vom furchterregenden Raubtier, das dem größten bekannten Arthropoden bisher anhaftete - zumindest zieht es die Theorie vom Jäger nach anderen Eurypteriden oder gepanzerten Fischen in Zweifel," meint Richard Laub. Die Experimente würden viel eher darauf hinweisen, dass Seeskorpione Aasfresser oder gar Vegetarier waren. (red)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Das Bild von Eurypteriden als gefährliche Jäger könnte sich durch die Experimente der US-Wissenschafter als falsch erweisen.

  • Richard Laub vom Buffalo Museum of Science und sein Team  glauben, dass Acutiramus seine Beute eher aufsammelte, als ihr aktiv nachzustellen.
    illustrationen: william l. parsons / buffalo museum of science

    Richard Laub vom Buffalo Museum of Science und sein Team glauben, dass Acutiramus seine Beute eher aufsammelte, als ihr aktiv nachzustellen.

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