Wien/Eriwan - Nikol Pashinyan schreibt aus der Gefängniszelle. Manche
mögen das nicht so gerne. Der Chefredakteur der oppositionellen
armenischen Zeitung Haykakan Zhamanak (Armenian Times) wurde in den
letzten Wochen viermal attackiert. Auf seinem Bett waren Spuren von
Militärstiefeln und Blut zu sehen. Die Gefängnisleitung meinte,
Pashinyan habe "alles nur geträumt".
Der 35-Jährige wurde im Juni 2009 inhaftiert. Ihm wird vorgeworfen bei
den Protesten nach den Präsidentschaftswahlen im März 2008 zum Umsturz
aufgerufen zu haben. "Bei der Gerichtsverhandlung wurden nur Zeugen aus
der Miliz zugelassen", erzählte die armenische Intellektuelle Rouzan
Margouni anlässlich ihres Wien-Besuchs dem Standard. Doch Pashinyan
verliere den Humor nicht und bekomme Unterstützung. "Wann immer
demonstriert wird, fällt sein Name", so Margouni.
Am 23. November erschienen zahlreiche armenische Zeitungen mit den
Worten "Freiheit für Nikol" auf der Titelseite. Der Fall liegt nun beim
Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg. "Das ist die letzte Chance, wenn
die Regierung dafür bestraft wird", meint die Philologin. Die Demokratie
sei in Armenien in den letzten Jahren immer mehr zugrunde gegangen. 80
Prozent der Medien seien unter Kontrolle der Regierung. (awö, STANDARD-Printausgabe, 28.12.2010)