Das Böse unter der Sonne

8. Mai 2003, 23:46
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Michael Gira machte einst die brutalste Musik der Geschichte. Nun entdeckt er mit den "Angels Of Light" sanftere Töne - bei gleichen Inhalten

Mit seiner heute legendären Band Swans zählte Michael Gira Anfang der 80er-Jahre in New York neben Sonic Youth, Lydia Lunch oder Jim Thirlwell alias Foetus und den Filialleitern Nick Cave & The Birthday Party in London sowie den Einstürzenden Neubauten in Berlin zur Speerspitze einer Rock-Avantgarde, die sich vor allem mit einem Thema beschäftigte: Ästhetik und Gewalt. Mit ihren quälend langsamen, ultrabrutalen Gitarrenriffs, dumpfen und tonnenschwer in zwei Schlagzeuge gedroschenen Rhythmen und Giras abgrundtiefen, sich selbst zerfleischenden Brüllexerzitien und dem Mahlstrom von alles andere als gute Laune machenden Alben wie Filth, Cop, Greed oder Holy Money wurden die Swans damals zweifellos Klassensieger.

Wer glaubt, dass hier Nick Cave regiert: Kaum davor und selten danach kreiste jemand so besessen um dunkelste menschliche Abgründe. Depression, Deprivation, Hass und Selbsthass. Entfremdung, Einsamkeit und Sex mit dem Knüppel in der Hand. Das Frühwerk der Swans ist bis heute der härteste musikalische Stoff, dem man sich aussetzen kann. Mit Children Of God aus 1987 und vor allem dem von der Kritik verschmähten The Burning World zwei Jahre später, begann Gira mit Keyboarderin, Sängerin und Partnerin Jarboe als neuem Bandmitglied allerdings, neue Gebiete zu erschließen. Songs wie Saved beschäftigten sich mit der Reflexion einer auch in Giras Fall offensichtlich gründlich schief gegangenen religiösen Erweckung. Die Musik vertraute neben flächigen Keyboards zunehmend auf die akustische Gitarre als tragendem Fundament. Stilistisch erschloss Gira eine hybride Form von dunkler Folklore, die auch einem Leonard Cohen gut angestanden wäre. Im Gegensatz etwa zu Nick Cave wollte und konnte man Gira diese Heilssuche allerdings nicht abnehmen. Er selbst glaubte offensichtlich auch nicht daran. Späte Swans-Alben wie Great Annihilator und die Live-Dokumente Kill The Child oder Public Castration Is A Good Idea weisen darauf hin, dass Gira zwar den Folk und Melodiemotive gerade auch aus der Kirchenmusik beibehielt, aber textlich in den alten Nihilismus zurückfiel. Irgendwann machten die Swans freiwillig ihren letzten Atemzug.

Gira wandte sich vor allem literarischen Projekten (The Consumer And Other Stories) und Spoken-Word-Performances zu. Mit New Mother aus 1999, How I Loved You aus 2001 und der nun vorliegenden CD Everything Is Good Here/ Please Come Home und einem losen, aus gut zwei Hand voll Musikern bestehenden Projekt namens The Angels Of Light spielt sich Michael Gira allerdings konsequent in die Reihe eines Nick Cave zurück. Todtraurige, aufgrund fehlender Ironie oft beklemmende Schauermärchen zu herzergreifendem "Gothic"-Folk mit Kinderchören, in den noch immer brutale Rockmotive einbrechen können. Irgendetwas ist hier gewaltig faul. Nicht nur im Staate Dänemark: "There are people like us, and we walk through this place, and we look just like you, but it's you that we hate - with your struggles and joys, and your freedom to choose ..." Wem der Sommer zu heiß wird, hier ist es sehr, sehr kalt. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.5.2003)

Von
Christian Schachinger

The Angels Of Light:
Everthing Is Good Here / Please Come Home
(Trost)

  • Michael Gira
    foto: trost

    Michael Gira

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