"Unfreiwillig komisch!"

23. Juli 2004, 11:08
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Wolfgang Becker, Regisseur des deutschen Kinohits "Good Bye, Lenin!", über die DDR - und deren komisches Potenzial

"Good Bye, Lenin!" entwickelte sich in Deutschland zum Kassenschlager. Dominik Kamalzadeh sprach mit Regisseur Wolfgang Becker über die DDR - und deren komisches Potenzial.


STANDARD: Herr Becker, Sie kommen aus Westdeutschland. Wie haben Sie sich Ihr Bild der DDR gemacht?

Wolfgang Becker: Am Beginn stand die Recherche, das gehört zum Handwerk. Es gibt Archivmaterial, Millionen Zeitzeugen und natürlich Mitarbeiter, die einem zur Seite stehen, etwa einen Kostümbildner aus dem Osten. Was ich natürlich nicht wissen kann, ist, wie es war, in diesem Land zu leben. Das kann man sich nur erzählen lassen. Da findet man schnell heraus, dass es dazu keine einheitliche Meinung gibt. Es sind vielmehr sehr verschiedene Leben in der DDR geführt worden.

STANDARD: Die DDR ist in Good Bye, Lenin! Mutterland: Die Geschichte wird eigens für die Mutter weitergedichtet. Dabei wird das Land zu einem heimeligen Ort.

Becker: Was der Alex anfänglich für seine Mutter tut, verändert aber auch ihn und damit seine Motivation. Er schafft, vielleicht unbewusst, eine DDR, die ihm lieber gewesen wäre. Da steckt ja auch ein ganz naiver Traum von der sozialistischen Idee drin. Zum Beispiel habe ich von kadergeschulten DDR-Leuten gehört, dass sie berührt waren, weil sie der Film eines Westlers daran erinnert, dass der Sozialismus schon eine tolle Idee war. Dass sie sich das gar nicht mehr getraut hätten zu sagen. Ich bin ja der Meinung, dass diesen Film ein Ostler gar nicht hätte machen können. Weil er sich viel zu sehr in Widersprüche verstrickt hätte.

STANDARD: Eben weil er von einer imaginären DDR handelt?

Becker: Weil die DDR in ihren Erfahrungen verankert ist, im Bauch und Kopf. Überall ist sie da. Für einen Film braucht man eine Geschichte, die nicht lügenhaft wird, wenn sie Widersprüche negiert. Jede Art von zu großer Komplexität würde den Blick auf das Wesentliche verstellen. Dazu ist man nur in der Lage, wenn man nicht selbst in das Thema verstrickt ist.

STANDARD: Das Motiv der Fälschung einer Wirklichkeit kennt man ja eigentlich aus der Sciencefiction. Was hat Sie speziell daran interessiert?

Becker: Das ist, glaube ich, etwas, dass jeder Filmemacher schätzt. Man sagt ja immer wieder, Film sei Fälschung, Lüge, 24-mal in der Sekunde. Hier ist es aber eine Fälschung, die auch etwas mit Wahrheit zu tun hat. Wir haben ja keine historischen Bilder nachgedreht, sondern Archivmaterial genommen und in einen anderen Kontext gestellt, einen leicht anderen Kommentar darübergelegt. Und schon ist etwas ganz anderes entstanden.

STANDARD: Der Westen tritt vor allem negativ in Erscheinung, er bringt Plakate und McJobs. Von Demokratie ist keine Rede.

Becker: Um das ist es ja im Osten nicht gegangen. Lange vor der Wiedervereinigung haben ja die großen Firmen den Osten schon überschwemmt. In jeder westdeutschen Brauerei hat man erkannt, dass hier ein riesiger Markt entsteht und nur der Erste das Rennen macht. Die Ostler waren halt noch naiver und nicht geschult im Konsum. Denen wurde alles verkauft. Da hat sich der Kapitalismus von seiner übelsten Seite gezeigt.

STANDARD: DDR-Produkte haben im Film hingegen eher einen existenziellen Wert.

Becker: Sie zeigen, dass man sich in einem anderen Land befindet. Der Film würde ohne sie unglaubwürdig wirken - dann würde die Mutter ja merken, dass etwas nicht stimmt. Das ist keine "Ostalgie".

STANDARD: Was ist eigentlich das Komische an der DDR?

Becker: Was ist das Komische am irakischen Informationsminister?

STANDARD: Soll ich antworten?

Becker: Die Frage ist ja schon die Antwort. Es wackeln die Wände, während er die Pressekonferenz gibt und erzählt, dass es sich um einen Geräuschcontainer der Amerikaner handelt. Das gab es ja auch in der DDR: Ganz viel musste erklärt und gerechtfertigt werden. Wenn man sich die Nachrichtensendung Aktuelle Kamera anguckt: Das hat null Information, täuscht sie aber vor. Man sagt nicht jeden Tag "Erich Honecker", sondern "der erste Vorsitzende des Staatsrats der DDR und Generalsekretär des ZK der SED, Genosse Erich Honecker". Das ist unfreiwillig komisch, vor allem aus der Distanz heraus.

STANDARD: Es gibt aber auch eine Tendenz, die DDR in Spielfilmen vor allem als Komödie abzuhandeln.

Becker: Sie wollen von mir eine Bestätigung, die ich Ihnen nicht geben werde. Sonnenallee ist für mich eine Klamotte. Ein Komödie basiert jedoch auf einer ernsten Grundlage. Den Figuren ist nie zum Lachen zumute, während wir über sie lachen. Das ist bei Sonnenallee ganz etwas anderes. Das kann man mit Good Bye, Lenin! nicht in einen Topf werfen. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.5.2003)

  • Regisseur Wolfgang Becker
    foto: filmladen

    Regisseur Wolfgang Becker

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