Mit "Immer Drama um Tamara" hat Stephen Frears eine unbeschwerte Komödie über amouröse Verirrungen gedreht - der Regisseur im Interview
Mit Dominik Kamalzadeh sprach Frears über das Landleben, Selbsthass und Kühe.
Standard: "Tamara Drewe" ("Immer Drama um Tamara") basiert auf einer populären "graphic novel" von Posy Simmonds, die sich wiederum auf Thomas Hardys Roman "Am grünen Rand der Welt" bezieht. Was hat Sie an dieser Comic-Form gereizt?
Frears: Gar nichts, ich war eigentlich nur an der Geschichte interessiert.
Standard: Es ist ja auch eine eher atypische Geschichte für eine "graphic novel".
Frears: Keine Ahnung, ich habe keine andere gelesen.
Standard: Keine einzige?
Frears: Hm, vielleicht, eine einzige. Sind sie denn interessant? Ich weiß darüber zu wenig. Sorry.
Standard: Der Film erzählt auf sehr unbeschwerte Weise von amourösen Verwicklungen. Er steht in der Tradition von Sexcomedies, wie sie etwa ein Ernst Lubitsch früher gedreht hat.
Frears: Sehr reizend von Ihnen, das zu sagen. Danke! Ich denke immer an Lubitsch, weil er so großartige Filme machte. Ich habe auch an Woody Allen gedacht, und ein bisschen an Ingmar Bergman.
Standard: Andererseits ist dies ein sehr britischer Film über das Dasein der Mittelklasse am Land. Das ist neues Terrain für Sie. Was gefiel Ihnen daran?
Frears: Die Briten machen üblicherweise keine Filme über die Mittelklasse.
Standard: Mir fallen auch kaum welche ein.
Frears: Es gibt keine. Sie machen auch keine Filme über das Landleben. Wenn man wie ich von Geburt an Ikonoklast ist, dann findet man das sehr attraktiv.
Standard: Gibt es für diesen Mangel denn Gründe?
Frears: Es ist ihnen peinlich. Wir Filmregisseure stammen alle aus der Mittelklasse. Es handelt sich um einen komplizierten Prozess von Selbstmissachtung. Die Arbeiterklasse und die obere Gesellschaft sind exotischer und dadurch interessanter für sie. Es ist neurotisch, da bin ich mir sicher.
Standard: Die Mittelklasse lässt sich auch nicht so sehr übers Soziale thematisieren.
Frears: Menschen der Mittelklasse sind lächerlicher.
Standard: Der Film spielt in der Grafschaft Dorset. Erklären Sie bitte einem Österreicher, was das Spezielle dieser Gegend ist.
Frears: Es ist unglaublich schön. Man sieht das auch im Film. Ich habe dort selbst ein Haus. Es ist wie eine Fantasie Englands, zu der die Mittelklasse zurückkehren möchte. Und genau deswegen ist es auch so lächerlich. Ich liebe es jedoch, Zeit am Land zu verbringen.
Standard: "Tamara Drewe" ist ein Ensemblestück - ich habe gehört, Sie wollten mit ganz bestimmten Schauspielern wie Roger Allam, Tamsin Greig oder Bill Camp zusammenarbeiten. Wie stellt man für diese Darsteller die richtige Atmosphäre her?
Frears: Man muss es nur tun. Das sind großartige Schauspieler. Aber es gibt kein Geheimnis. Ich kann leider nichts erfinden, obwohl Sie das hören wollen - englische Schauspieler sind sehr gut darin, sich über das Engländersein lustig zu machen. Sie können das den ganzen Tag machen - und tun es ja auch in den Theatern. Das sind sehr aufmerksame Leute. Der Film hat ja auch etwas Theaterhaftes.
Standard: Die Protagonisten sind gar nicht so ländlich - es gibt sogar einen Popstar unter ihnen.
Frears: Sie sind alle großstädtisch. Nur die Teenager sind genuin ländlich, weil sie sich so über alle Maßen langweilen. Das geht nur am Land. Tamara dagegen war als Kind unglücklich, nun hat sie sich wortwörtlich neu erschaffen.
Standard: Wie war der Dreh mit den Kühen - die haben ja den Action-Part inne?
Frears: Die Kühe waren brillant! Ich bin wirklich stolz auf sie. Ich habe ja schon einen Western gemacht, deshalb kenne ich mich da aus. Sie lachen, aber die Szene ist wirklich verdammt gut ausgearbeitet.
Standard: Sie funktioniert sehr gut.
Frears: (lacht) Dabei war es recht schwierig. Man musste die Kühe führen, durfte sie dabei aber nicht berühren. Ganz schön tricky.
Standard: Sie sind ein eher eklektischer Regisseur - fast wie ein Regisseur des klassischen Hollywoodkinos. Denken Sie so über sich selbst?
Frears: Ich fühle mich geschmeichelt. Eigentlich bin ich sehr passiv - Leute stellen mich an, um Drehbücher zu verfilmen. Dann bringe ich etwas ein, all den Müll, der sich in meinem Kopf angesammelt hat, und so kommen dabei diese Filme heraus. Und sehen so aus, wie sie aussehen.
Standard: Sie haben Ihre BBC-Jahre mit Alan Bennett einmal als Ihre Kinderstube bezeichnet. Hat Sie das Ihren Pragmatismus gelehrt?
Frears: Meine Generation hat Werte, die sich in den 1940er-Jahren herausgebildet haben. Das geht auf den Krieg zurück - eine gewisse Sparsamkeit und Intelligenz. Es ging uns nie darum, reich zu werden.
Standard: Sie haben allerdings, anders als Ihre Kollegen Mike Leigh oder Ken Loach, den Sozialrealismus hinter sich gelassen. Warum?
Frears: Weil mir langweilig wurde. Ich habe andere Interessen entwickelt. Andererseits sind wir uns recht ähnlich. Wir führen alle ein eher einfaches Leben. Ich hatte bloß mehr Spaß.
Standard: Muss man als Filmemacher heute nicht auch Unternehmer sein?
Frears: Ja. Wir wurden alle Unternehmer. Das wollten wir nie. Das ist die Ironie von "Mein wunderbarer Waschsalon" - wir sind kleine Geschäftsleute, und genau das wollte Mrs. Thatcher immer von uns.
Standard: Ist es für Sie schwieriger geworden, Filme finanziert zu bekommen?
Frears: Ja, aber das größere Problem für mich ist, Material zu finden. Solange man das bekommt, kommt man schon durch. Das hält mich bei guter Laune.
Standard: Sie sind also auch guter Laune?
Frears: Manchmal.
(DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2010)