Ein widerborstiger Philosoph oder ein stromlinienförmiger Mitmacher - Von Paulus Hochgatterer
Ich frage mich, ob Sex in der U-Bahn etwas Revolutionäres
haben kann und ob es möglich ist, die Salztorbrücke komplett
einzustricken.
Moritz ist vier Jahre und zwei Monate alt. Er besitzt eine wunderbare
Musiktherapeutinnen-Mutter, einen Vater, der viel weg ist, den dafür ein
angemessen schlechtes Gewissen plagt, und ein Geschwister, das in zirka
einem Vierteljahr in der Wohnung herumplärren wird. Noch ist Moritz
Alleinherrscher. Seit letztem September geht er in den Kindergarten und
seit diesem Zeitpunkt ist derselbe ein Quell der Beunruhigung - für die
Mutter zumindest.
Ob Moritz Sorgen habe, fragte die Kindergärtnerin gleich am Anfang.
"Warum?", fragte die Mutter, und die Kindergärtnerin sagte, er komme ihr
so in sich gekehrt vor. "Hast du Sorgen?", fragte die Mutter, und Moritz
sagte: "Nein, die Oma hat Sorgen, wegen dem Wellensittich und wegen dem
Opa." Omas Wellensittich fiel nämlich unlängst tot von der Sprosse, und
der Opa hat ständig ein Henkelglas mit einem roten Spritzer neben dem
Fernsehsessel stehen; kein Mensch trinkt rote Spritzer außer Moritz'
Opa. Ob Moritz nicht gern spiele, fragte die Kindergärtnerin etwas
später, er lasse nämlich zum Beispiel das Duplo entweder auf einem
Haufen liegen oder räume es gleich wieder weg, in beiden Varianten, ohne
etwas damit zu tun. "Spielst du nicht gern?", fragte Moritz' Mutter.
"Doch", sagte Moritz.
"Und was am liebsten?" "Baustelle", sagte Moritz, "die riesigste
Duplo-Baustelle der Welt. Ich hab aber keinen großen Bagger." Nein,
einen großen Bagger gebe es nicht im Fundus, sagte die Kindergärtnerin;
abgesehen davon - sie traue es sich fast nicht zu sagen - sei Moritz der
Einzige in der Gruppe, der keine Freunde habe. Er halte sich immer eher
am Rand auf, gehe von sich aus kaum auf andere Kinder zu, und an
Kreisspielen nehme er grundsätzlich nicht teil. "Wer sind denn deine
Freunde?", fragte die Mutter. "Alle", sagte Moritz.
"Und wer ist dein bester Freund?"
"Der Cottbusser", sagte Moritz. Der Cottbusser stammt aus einem uralten
Buch mit Auszählreimen und Zungenbrechern, aus dem die Mutter Moritz
früher vorgelesen hat. Der Zungenbrecher, auf den es ankommt, beginnt
mit "Der Cottbusser Postkutscher ...".
Der Originalgedanke
Vor wenigen Tagen nahm die Kindergärtnerin Moritz' Mutter beim Abholen
zur Seite. Es tue ihr sehr leid, aber sie müsse ihr nun wirklich raten,
mit Moritz einen Spezialisten aufzusuchen. Moritz sei definitiv ein
auffälliges Kind. Er sei den gesamten Vormittag über auf seinem roten
Plastikstuhl gesessen und habe in die Luft gestarrt. Er sei zu nichts zu
bewegen gewesen, sei vollkommen bockig da gehockt und habe auf die
Frage, was er denn die ganze Zeit mache, geantwortet: "Ich denke." Sie
wolle keine Diagnose in den Mund nehmen, dazu sei sie nicht berufen,
aber dieses Verhalten sei wirklich auffällig.
Was er denn den Vormittag über so gemacht habe, fragte die Mutter zu
Hause, und Moritz antwortete ernst, er habe gedacht. "Was hast du denn
gedacht?", fragte die Mutter. "Ich habe gedacht, dass ich unter der Erde
eine Autobahn zu Omas Haus baue", sagte Moritz, "in einem Rohr, das so
groß ist, dass man auch mit einem Bagger oder einem Betonmischauto drin
fahren kann."
Die Mutter erzählte, sie habe gefragt, ob er denn sonst gar nichts getan
habe, gespielt oder so, und Moritz habe gesagt, nein, gar nichts, nur
gedacht. "Ganz ohne Stift und Papier?", habe sie gefragt, und Moritz
habe gesagt, ganz ohne Stift und Papier, nur mit dem Kopf.
Einerseits gibt es für einen Kinderpsychiater zugegebenermaßen kaum
etwas Schöneres, als gefragt zu werden, was denn mit einem Vierjährigen
zu tun sei, der einen Vormittag mit Denken verbringt, andererseits passt
die Irritation, die die Sache hervorruft, ganz gut ins Bild.
Vierjährige, die eine Kultur pflegen, die den meisten von uns
erfolgreich abgewöhnt wurde, nämlich die des Originalgedankens,
beunruhigen ein Konzept von Gesellschaft, das auf Vergleichbarkeit und
Kontrolle basiert, mit den Worten von Niklas Luhmann: auf der Produktion
von menschlichen Trivialmaschinen.
Der Originalgedanke ist der natürliche Feind aller Bildungskonzepte, die
auf Gleichrichtung abzielen, daher ist er verdächtig und im Zweifelsfall
zu bekämpfen, möglichst früh und möglichst systematisch. (Dass die
paramilitärischen Aufmarschpläne der Bildungsstrategen ausgerechnet die
Namen jener Städte tragen, an deren Universitäten Lichtgestalten der
Unangepasstheit zugange waren - Galileo Galilei in Pisa, Nikolaus
Kopernikus in Bologna -, entbehrt übrigens nicht eines gewissen
Zynismus). Geradeso wie Kinder gehen wollen, weil sie zwei Beine
besitzen und ein dazu passendes nervliches Betriebssystem, wollen Kinder
denken; mit dem Großhirn kann man nämlich nicht viel anderes tun. Und
geradeso wie Kinder laufen lernen, wenn man sie lässt und nicht in
Käfige sperrt, lernen sie denken, wenn man ihnen den Raum dazu gibt.
Zur Erinnerung: Kinder brauchen zum Laufen nur ganz am Anfang hie und da
die Hand eines Erwachsenen; ab dann laufen sie am liebsten frei und
nicht in Zweierreihen. Genauso brauchen Kinder zum Denken nur hie und da
das Hirn eines Erwachsenen; sie denken am liebsten das Eigene und nicht
dasselbe wie der Rest der Zweierreihe oder all die anderen, die brav im
Kreis spielen.
Das Denken ist übrigens Grundlage fürs Lesen, und nur ein Kind, dem die
libidinöse Besetzung des eigenen Denkens ermöglicht wird, das also die
Lust am Originalgedanken uneingeschränkt erfahren darf, wird später gern
lesen. Aber das wissen sowieso alle.
Da Moritz so viel Zeit mit seinen Originalgedanken verbringt, ist die
Wahrscheinlichkeit gering, dass er daneben auch noch das Zweite tut, was
Eltern und Kindergärtnerinnen nach wie vor gelegentlich aus der Fassung
bringt. Ich rede von jener pädagogischen Notlage, die wir Erwachsene
"Doktorspielen" nennen, weil wir die Vorstellung, dass es nicht
ausschließlich um die naturwissenschaftliche Erforschung der
Geschlechtsorgane geht, sondern genauso um das spielerische Ausprobieren
ihrer widmungsgerechten Anwendung, schlecht aushalten. Moritz geht eher
niemandem an die Wäsche, hat also keinen Sex, zumindest nicht explizit;
was da auf metaphorischer Ebene passiert - mit Röhren, Baggern und
Betonmischwägen -, ist eine andere Sache. Moritz denkt lieber, und das
ist gut so.
Röhren und Bagger
Explizit Sex hatten unlängst - geschuldet dem neuen Nachtfahrplan der
Wiener U-Bahnen, also uns allen, die wir dafür gestimmt haben - zwei
Jugendliche in der U1. Interessant ist daran weniger die Empörung, die
nach der Publikation des Ereignisses auf Youtube in erwartbarer Form
hochschwappte, auch nicht die Frage, ob die beiden betrunken waren oder
nicht, schon gar nicht die strafrechtliche Relevanz der Aktion (lasst
sie diesbezüglich bitte in Ruhe!). Interessant ist vielmehr die
Dramaturgie der Geschlechtsverkehrsszene, die in Wahrheit mit den aus
der Pornografie bekannten "Public Fuck"-Inszenierungen gar nichts zu tun
hat. Da hebt und senkt sich zwar ein entblößter schmaler Burschenhintern
zwischen dünnen weißen Mädchenschenkeln, doch mehr ist nicht zu
erkennen, und je näher sich die Umstehenden an das koitierende Paar
heranwagen - ein Minimalabstand bleibt übrigens bis zum Schluss gewahrt
-, umso deutlicher zeigen die beiden, dass es mitnichten ums Exhibieren
geht, sondern, im Gegenteil, um eine paradoxe Demonstration von
Intimität in der Öffentlichkeit.
Anfeuerungen aus dem Publikum bleiben unbeantwortet; die wenigen
pornografischen Bemerkungen, die man vernimmt, klingen nach "paste and
copy", infolgedessen auf der Stelle peinlich. Ihre Kulmination findet
die Szene schließlich nicht in einer Entladung - welcher Form auch immer
-, sondern in einer kurzen Handbewegung des Burschen, mit der er sich
von hinten die Kapuze seines Sweaters über den Kopf streift und
klarstellt: Ich zeige mich nicht; ich bin bei uns und nicht bei euch.
Moritz denkt. Zwei Jugendliche machen Liebe. Zur weihnachtlichen
Abmilderung von so viel Widerborstigkeit am Ende etwas Kuscheliges. Seit
Mitte November versucht jemand, die Salztorbrücke, auf der ich täglich
den Donaukanal überquere, einzustricken; das heißt, Holme und Stäbe des
Brückengeländers werden immer wieder durch buntes Wollzeug umkleidet.
Das sieht selbst für mich, der Gestricktes von Gehäkeltem nicht
unterscheiden kann, zugleich nett, gruselig und ein wenig subversiv aus:
Architektur im Ringelschal, Aug in Aug mit dem neuen Prachtbau von Jean
Nouvel. Ich weiß nicht, ob es einfach destruktive Deppen sind, die
meinen, die Textilien nachts wieder runterschneiden zu müssen, oder ob
das Zwischendurch-Entfernen zum Konzept der geheimnisvollen Kreativen
gehört wie zum Beispiel das Übermalen eines Graffito. So oder so: In
Summe nimmt die Fläche der wärmenden Hüllen nicht zu. Wünschen würde ich
mir, ich gestehe es, ein komplett eingestricktes Salztorbrückengeländer,
zumindest für die Dauer eines Tages. Weil Weihnachten ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2010)