Was wird aus Moritz werden?

23. Dezember 2010, 17:31
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    foto: standard / corn

    Paulus Hochgatterer, geb. 1961 in Amstetten, ist Schriftsteller und Kinderpsychiater. Er studierte Medizin und Psychologie an der Universität Wien, er promovierte dort 1985 zum Doktor der Medizin. Seit 2007 steht Hochgatterer der neu gegründeten Kinder- und Jugendpsychiatrie als Primar in Tulln/Niederösterreich vor. Er erhielt für seine Bücher zahlreiche Preise und Auszeichnungen, unter anderem den österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur (2000), den Deutschen Krimi Preis (2007) und den Johann-Beer-Preis (2010). Von ihm erschienen zuletzt Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen (2003), Die Süße des Lebens (2006) und Das Matratzenhaus (2010, Paul Zsolnay Verlag)

Ein widerborstiger Philosoph oder ein stromlinienförmiger Mitmacher - Von Paulus Hochgatterer

 Ich frage mich, ob Sex in der U-Bahn etwas Revolutionäres haben kann und ob es möglich ist, die Salztorbrücke komplett einzustricken.

Moritz ist vier Jahre und zwei Monate alt. Er besitzt eine wunderbare Musiktherapeutinnen-Mutter, einen Vater, der viel weg ist, den dafür ein angemessen schlechtes Gewissen plagt, und ein Geschwister, das in zirka einem Vierteljahr in der Wohnung herumplärren wird. Noch ist Moritz Alleinherrscher. Seit letztem September geht er in den Kindergarten und seit diesem Zeitpunkt ist derselbe ein Quell der Beunruhigung - für die Mutter zumindest.

Ob Moritz Sorgen habe, fragte die Kindergärtnerin gleich am Anfang. "Warum?", fragte die Mutter, und die Kindergärtnerin sagte, er komme ihr so in sich gekehrt vor. "Hast du Sorgen?", fragte die Mutter, und Moritz sagte: "Nein, die Oma hat Sorgen, wegen dem Wellensittich und wegen dem Opa." Omas Wellensittich fiel nämlich unlängst tot von der Sprosse, und der Opa hat ständig ein Henkelglas mit einem roten Spritzer neben dem Fernsehsessel stehen; kein Mensch trinkt rote Spritzer außer Moritz' Opa. Ob Moritz nicht gern spiele, fragte die Kindergärtnerin etwas später, er lasse nämlich zum Beispiel das Duplo entweder auf einem Haufen liegen oder räume es gleich wieder weg, in beiden Varianten, ohne etwas damit zu tun. "Spielst du nicht gern?", fragte Moritz' Mutter. "Doch", sagte Moritz.

"Und was am liebsten?" "Baustelle", sagte Moritz, "die riesigste Duplo-Baustelle der Welt. Ich hab aber keinen großen Bagger." Nein, einen großen Bagger gebe es nicht im Fundus, sagte die Kindergärtnerin; abgesehen davon - sie traue es sich fast nicht zu sagen - sei Moritz der Einzige in der Gruppe, der keine Freunde habe. Er halte sich immer eher am Rand auf, gehe von sich aus kaum auf andere Kinder zu, und an Kreisspielen nehme er grundsätzlich nicht teil. "Wer sind denn deine Freunde?", fragte die Mutter. "Alle", sagte Moritz.

"Und wer ist dein bester Freund?"

"Der Cottbusser", sagte Moritz. Der Cottbusser stammt aus einem uralten Buch mit Auszählreimen und Zungenbrechern, aus dem die Mutter Moritz früher vorgelesen hat. Der Zungenbrecher, auf den es ankommt, beginnt mit "Der Cottbusser Postkutscher ...".

Der Originalgedanke

Vor wenigen Tagen nahm die Kindergärtnerin Moritz' Mutter beim Abholen zur Seite. Es tue ihr sehr leid, aber sie müsse ihr nun wirklich raten, mit Moritz einen Spezialisten aufzusuchen. Moritz sei definitiv ein auffälliges Kind. Er sei den gesamten Vormittag über auf seinem roten Plastikstuhl gesessen und habe in die Luft gestarrt. Er sei zu nichts zu bewegen gewesen, sei vollkommen bockig da gehockt und habe auf die Frage, was er denn die ganze Zeit mache, geantwortet: "Ich denke." Sie wolle keine Diagnose in den Mund nehmen, dazu sei sie nicht berufen, aber dieses Verhalten sei wirklich auffällig.

Was er denn den Vormittag über so gemacht habe, fragte die Mutter zu Hause, und Moritz antwortete ernst, er habe gedacht. "Was hast du denn gedacht?", fragte die Mutter. "Ich habe gedacht, dass ich unter der Erde eine Autobahn zu Omas Haus baue", sagte Moritz, "in einem Rohr, das so groß ist, dass man auch mit einem Bagger oder einem Betonmischauto drin fahren kann."

Die Mutter erzählte, sie habe gefragt, ob er denn sonst gar nichts getan habe, gespielt oder so, und Moritz habe gesagt, nein, gar nichts, nur gedacht. "Ganz ohne Stift und Papier?", habe sie gefragt, und Moritz habe gesagt, ganz ohne Stift und Papier, nur mit dem Kopf.

Einerseits gibt es für einen Kinderpsychiater zugegebenermaßen kaum etwas Schöneres, als gefragt zu werden, was denn mit einem Vierjährigen zu tun sei, der einen Vormittag mit Denken verbringt, andererseits passt die Irritation, die die Sache hervorruft, ganz gut ins Bild. Vierjährige, die eine Kultur pflegen, die den meisten von uns erfolgreich abgewöhnt wurde, nämlich die des Originalgedankens, beunruhigen ein Konzept von Gesellschaft, das auf Vergleichbarkeit und Kontrolle basiert, mit den Worten von Niklas Luhmann: auf der Produktion von menschlichen Trivialmaschinen.

Der Originalgedanke ist der natürliche Feind aller Bildungskonzepte, die auf Gleichrichtung abzielen, daher ist er verdächtig und im Zweifelsfall zu bekämpfen, möglichst früh und möglichst systematisch. (Dass die paramilitärischen Aufmarschpläne der Bildungsstrategen ausgerechnet die Namen jener Städte tragen, an deren Universitäten Lichtgestalten der Unangepasstheit zugange waren - Galileo Galilei in Pisa, Nikolaus Kopernikus in Bologna -, entbehrt übrigens nicht eines gewissen Zynismus). Geradeso wie Kinder gehen wollen, weil sie zwei Beine besitzen und ein dazu passendes nervliches Betriebssystem, wollen Kinder denken; mit dem Großhirn kann man nämlich nicht viel anderes tun. Und geradeso wie Kinder laufen lernen, wenn man sie lässt und nicht in Käfige sperrt, lernen sie denken, wenn man ihnen den Raum dazu gibt.

Zur Erinnerung: Kinder brauchen zum Laufen nur ganz am Anfang hie und da die Hand eines Erwachsenen; ab dann laufen sie am liebsten frei und nicht in Zweierreihen. Genauso brauchen Kinder zum Denken nur hie und da das Hirn eines Erwachsenen; sie denken am liebsten das Eigene und nicht dasselbe wie der Rest der Zweierreihe oder all die anderen, die brav im Kreis spielen.

Das Denken ist übrigens Grundlage fürs Lesen, und nur ein Kind, dem die libidinöse Besetzung des eigenen Denkens ermöglicht wird, das also die Lust am Originalgedanken uneingeschränkt erfahren darf, wird später gern lesen. Aber das wissen sowieso alle.

Da Moritz so viel Zeit mit seinen Originalgedanken verbringt, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass er daneben auch noch das Zweite tut, was Eltern und Kindergärtnerinnen nach wie vor gelegentlich aus der Fassung bringt. Ich rede von jener pädagogischen Notlage, die wir Erwachsene "Doktorspielen" nennen, weil wir die Vorstellung, dass es nicht ausschließlich um die naturwissenschaftliche Erforschung der Geschlechtsorgane geht, sondern genauso um das spielerische Ausprobieren ihrer widmungsgerechten Anwendung, schlecht aushalten. Moritz geht eher niemandem an die Wäsche, hat also keinen Sex, zumindest nicht explizit; was da auf metaphorischer Ebene passiert - mit Röhren, Baggern und Betonmischwägen -, ist eine andere Sache. Moritz denkt lieber, und das ist gut so.

Röhren und Bagger

Explizit Sex hatten unlängst - geschuldet dem neuen Nachtfahrplan der Wiener U-Bahnen, also uns allen, die wir dafür gestimmt haben - zwei Jugendliche in der U1. Interessant ist daran weniger die Empörung, die nach der Publikation des Ereignisses auf Youtube in erwartbarer Form hochschwappte, auch nicht die Frage, ob die beiden betrunken waren oder nicht, schon gar nicht die strafrechtliche Relevanz der Aktion (lasst sie diesbezüglich bitte in Ruhe!). Interessant ist vielmehr die Dramaturgie der Geschlechtsverkehrsszene, die in Wahrheit mit den aus der Pornografie bekannten "Public Fuck"-Inszenierungen gar nichts zu tun hat. Da hebt und senkt sich zwar ein entblößter schmaler Burschenhintern zwischen dünnen weißen Mädchenschenkeln, doch mehr ist nicht zu erkennen, und je näher sich die Umstehenden an das koitierende Paar heranwagen - ein Minimalabstand bleibt übrigens bis zum Schluss gewahrt -, umso deutlicher zeigen die beiden, dass es mitnichten ums Exhibieren geht, sondern, im Gegenteil, um eine paradoxe Demonstration von Intimität in der Öffentlichkeit.

Anfeuerungen aus dem Publikum bleiben unbeantwortet; die wenigen pornografischen Bemerkungen, die man vernimmt, klingen nach "paste and copy", infolgedessen auf der Stelle peinlich. Ihre Kulmination findet die Szene schließlich nicht in einer Entladung - welcher Form auch immer -, sondern in einer kurzen Handbewegung des Burschen, mit der er sich von hinten die Kapuze seines Sweaters über den Kopf streift und klarstellt: Ich zeige mich nicht; ich bin bei uns und nicht bei euch.

Moritz denkt. Zwei Jugendliche machen Liebe. Zur weihnachtlichen Abmilderung von so viel Widerborstigkeit am Ende etwas Kuscheliges. Seit Mitte November versucht jemand, die Salztorbrücke, auf der ich täglich den Donaukanal überquere, einzustricken; das heißt, Holme und Stäbe des Brückengeländers werden immer wieder durch buntes Wollzeug umkleidet. Das sieht selbst für mich, der Gestricktes von Gehäkeltem nicht unterscheiden kann, zugleich nett, gruselig und ein wenig subversiv aus: Architektur im Ringelschal, Aug in Aug mit dem neuen Prachtbau von Jean Nouvel. Ich weiß nicht, ob es einfach destruktive Deppen sind, die meinen, die Textilien nachts wieder runterschneiden zu müssen, oder ob das Zwischendurch-Entfernen zum Konzept der geheimnisvollen Kreativen gehört wie zum Beispiel das Übermalen eines Graffito. So oder so: In Summe nimmt die Fläche der wärmenden Hüllen nicht zu. Wünschen würde ich mir, ich gestehe es, ein komplett eingestricktes Salztorbrückengeländer, zumindest für die Dauer eines Tages. Weil Weihnachten ist.   (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2010)

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Kommentar posten
14 Postings
Heinz Anderle
 
00
22.1.2011, 20:34
Ab in die "Sonderschule für Schwerstbegabte" ((c) Bernd Schilcher,...

... der sich mit dieser Beschreibung des Sir Karl Popper-Gymnasiums übrigens selbt keinen Vorzug im Zeugnis ausstellte.)

Dieses Land des Pisa-Prokrustesbettes braucht Hochbegabte wie einen Bissen Brot.

Nein zur "Integration" Schwerstbegabter - ja zur vollen Entfaltung ihres Potentials vom Kindergarten bis zur Universität. Mittelmäßigkeit gibt es hierzulande im Übermaß, solange das Mindestmaß zum Maß aller Dinge erhoben wird.

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

Sonja Schnoegl
01
20.1.2011, 10:35
Einstricken

http://knitherstory.wordpress.com/
Hier gibt es den Hintergrund zur Strickaktion. Original- "HANDlungen" sind nämlich auch super, genauso wie Originalgedanken.

Herbert Zahorik
00
30.12.2010, 09:45
Salztorbrücke

Sehr netter Artikel, aber, darf ich bitte eine kleine Korrektur anbringen ? von der Salztorbrücke aus ist der neue Nouvel Bau NICHT sichtbar, also "Aug in Aug" nicht möglich. Dies ist nur von der Schwedenbrücke aus der Fall.

Joachim Samstag
00
25.12.2010, 18:53
Danke!

Hochgatterer als Hörbuch unter dem Weihnachtsbaum und Hochgatterer hier aktuell - beides finde ich sehr erfreulich und den Artikel auch erfrischend. Danke sehr Herr H. und liebes Christkind!

Saskia Fabian
 
00
25.12.2010, 11:02
der mensch als "triviale maschine" ist übrigens von heinz von förster

bobby_peru
00
24.12.2010, 22:43

sehr schön und sehr weise...

bobby_peru
20
24.12.2010, 22:56

nachtrag: der kleine sollte echt mal anfangen networking zu betreiben, sonst seh ich echt schwarz für seine business-zukunft. so wie sich das anhört, dürfte das kleine gfrast nicht mal einen gesichtsbuch-account haben. so kann das nix werden....

Total rein und Super sauber
 
21
24.12.2010, 14:02
Relativ einfach ...

... mit einer Wahrscheinlichkeit von

10 % wird er Sandler
44 % Tiefbauingenieur
18 % Prozent Philosoph
13 % landet er in der Klappse
und
zu 15 % wird er systemischer Mediator und Gruppentherapeut (also eine Mischung aus den 4 erstgenannten Possibilitäten) ;-)

P.S.: Mir kommen auch immer diese permanent kommunizieren und interagieren müssenden Hyper-Sozial-Psychos verhaltensauffällig vor. (Man denke nur an die kranke Medienlandschaft ...) - Aber das ist - so scheint´s - der Lauf der Zeit ...

Saskia Fabian
 
00
25.12.2010, 11:02
na dann schießen sie mal los, was sie unter "systemisch" verstehen, mehr details bitte

badat
03
24.12.2010, 13:24
Es ist einfach nur traurig

mittlerweile versetzen Kindergärtnerinnen also schon Mütter in Panik, wenn ihr Kind ruhig ist und grübelt, anstatt flexibel, dynamisch und zielorientiert zu spielen (und dabei sein Netzwerk aufzubauen). Gibt es in den Bildungseinrichtungen mittlerweile schon den Freidenkeralarmknopf aus den Simpsons?
Gut, dass die Psychiater und Psychologen noch über den Menschenverstand verfügen, hier nicht mitzuspielen...

Benu
00
24.12.2010, 10:35
Gefällt mir

Semiramisa
00
24.12.2010, 00:09
Danke!

marillensuppe
01
23.12.2010, 19:55

den mag ich echt gern,
den hochgatterer

dahofawors
00
23.12.2010, 17:40
eh nett

und richtig

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