Der deutsche Schriftsteller Wolfgang Herrndorf ist mit seinem Berlin-Roman "In Plüschgewittern" bekannt geworden. Jetzt hat er mit "Tschick" einen ausgezeichneten Jugendroman geschrieben
Wien - Wahrscheinlich tauchen in der Literatur deshalb so viele
pubertierende Protagonisten auf, weil in diesem Alter alles noch so neu
ist. Jener Lebensabschnitt, in dem die Hormone wüten und sich der
dringende Wunsch manifestiert, in die große weite Welt aufzubrechen,
gilt als ideale Spielwiese für Schriftsteller. Darauf können sie sich an
ihrer Weltsicht reiben und daraus große, abenteuerliche Stoffe ziehen.
Zu den kleinen und großen Tragödien, die sich ereignen, wenn sich
Verhaltensmuster noch nicht eingeschliffen haben, gewinnen Autoren
selbst den Katastrophen noch heitere Seiten ab. Versuch und Scheitern
liegen nahe beieinander. Was schiefgehen kann, geht schief. Es geht
nicht darum, nicht durch eine Wand laufen zu können. Das ahnt man schon
in frühen Jahren. Es geht darum, es trotzdem zu versuchen.
Der 2002 mit seinem in der Szene von Berlin-Mitte spielenden Roman In
Plüschgewittern bekannt gewordene deutsche Autor Wolfgang Herrndorf hat
sich nun dieses Themas angenommen. Mit Tschick veröffentlicht der
45-jährige einen äußerst unterhaltsamen wie gleichzeitig auch
berührenden Jugendroman. Ähnlich wie die großen historischen Vorbilder
Mark Twain in seinen Geschichten von Tom Sawyer und Huckleberry Finn
oder J. D. Salinger in Der Fänger im Roggen verwendet Herrndorf dabei
das Reisemotiv, um vor dem Leser eine Entwicklungsgeschichte
auszubreiten. Am Ende dieser sollen die Helden des Buches nicht nur
prägende Erfahrungen gesammelt haben. Sie haben auch den Schritt ins
Erwachsenenalter gemacht.
Der Titelheld Tschick ist ein russlanddeutsches Einwandererkind, das neu
an eine Ostberliner Schule kommt. Er stammt aus klischeeverdächtig armen
Verhältnissen, ist hochbegabt wie sozial wegen seiner Aggressivität
schwer vermittelbar. Er trifft auf Maik, einen, wie man so sagt, eher
verhaltensunauffälligen Buben aus dem Speckgürtel. Sein Vater ist ein
Hasardeur, die Mutter Alkoholikerin. Tschick und Maik gelten in der
Schule als Außenseiter. Zusammen machen sie sich mit einem gestohlenen
Auto auf, um einen ominösen Onkel in der Walachei aufzuspüren.
Auch für Erwachsene
Was die beiden 14-Jährigen auf dieser als Roadmovie getarnten Flucht im
wilden Osten erleben, rührt nicht nur zu Tränen. Mit einfacher wie
klarer, dem heutigen Neusprech der Jugend nachempfundener Sprache wird
der Leser Zeuge bizarrer Begegnungen mit sogenannten Originalen (auch
hier eindeutige Parallelen zu Mark Twain). Es wird auf sie geschossen.
Sie begegnen einem starken wie klugen Mädchen, das auf einer Müllhalde
lebt - und auch die Exekutive beginnt sich für sie zu interessieren. Das
alles findet in Landschaften statt, die man am besten als dunkel und
wildromantisch bezeichnet.
Wolfgang Herrndorf, der einen ebenso empfehlenswerten Blog namens
"Arbeit und Struktur" (unter anderem über seine Krebserkrankung)
betreibt, ist mit Tschick ein herausragender Jugendroman gerade auch für
Erwachsene gelungen. Wo sich Berliner Autoren seiner Generation meist an
anekdotischen Romanen über das Leben in Berlin-Mitte abmühen, holt
Herrndorf weit aus. Er zielt auf das Pathos, das im Scheitern begründet
liegt. Das ist nichts weniger als ein Ereignis. (Christian Schachinger/ DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2010)
Wolfgang Herrndorf, "Tschick". 256 Seiten, € 16,95. Rowohlt, Berlin, 2010