"La Traviata": Edita Gruberovás letzte Violetta im Musikverein
Wien - Die Opernwelt, die ist ein sonderbar Ding: Der Tod kann hier eine
wunderschöne, bewundernswerte Sache sein. Haucht ein bemitleidenswertes
Persönchen nach langen Qualen ihr Leben aus, wird dies in der Regel nur
Sekunden später mit wildem Beifall und Bravorufen quittiert.
Eine Karriere ist eine seltsame Angelegenheit: Sie ist selten der Fall
und noch seltener von Dauer. Manchen wird sie geschenkt und wieder
genommen, manche erarbeiten sie sich hart und lassen sie dann durch noch
härtere, klügere Arbeit nie wieder aus.
Edita Gruberová ist schon Tausende der allerschönsten Bühnentode
gestorben, das ewige Leben in den Herzen ihrer Anhängerschaft ist ihr
dafür sicher. Nun starb die Gruberová zum allerletzten Mal als Violetta,
es geschah Dienstagabend im Wiener Musikverein, und Begeisterung und
Beglückung kannten kaum Grenzen.
Gruberová hat weniger Karriere gemacht, als dass ihr Leben zu einem
scheinbar immerwährenden vokalen Gesamtkunstwerk geworden ist. Legionen,
Generationen von Musikberichterstattern haben sich hier beim Flechten
verbaler Lorbeerkränze abgemüht: genug! Na gut, vielleicht zwei Sätze
noch: Wieder spannte die Gruberová ein dramatisches Spektrum auf so weit wie das Sternenzelt, wieder
bewegte sich ihr Sopran in diesem mit einer Agilität, Intensität,
Variabilität und Souveränität, die Ihresgleichen sucht.
Und: In den schönsten, dramatischsten, zartesten, virtuosesten,
unglaublichsten Momenten ihrer Violetta schien einem der Große
Musikvereinssaal vor 140 Jahren einzig darum gebaut worden zu sein, um
Stimmen wie dieser einen adäquaten Resonanzraum zur Verfügung zu
stellen.
War noch was? Kaum. Paolo Gavanelli bildete als Giorgio Germont
stimmlich ab, was ihm auf darstellerischem Gebiet verwehrt blieb:
plattes, stumpfes, erdrückendes Bürgertum. Bühnenfilius und
Gruberová-Landsmann Pavol Breslik kompensierte die beschränkte
Durchschlagskraft seines grenzlyrischen Tenors mit Agilität und Emphase.
Und Marco Armiliato führte das Münchner Opernorchester preußisch streng,
energisch festgezurrt durch Verdis Trauerspiel um eine heiligengleiche
Hure, die Traviata.
Kommt noch was? Aber natürlich: Bellinis La Straniera 2012. Schöner
sterben für immer. (Stefan Ender / DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2010)