Kinderhospiz

Mehr als eine Begleitung in den Tod

Regina Philipp, 23. Dezember 2010, 13:15
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    foto: apa/volker wiciok

    Diese farbigen Handabdrücke der kleinen Patienten wurden in einem einem deutschen Kinderhospiz fotografiert.

Ein todkrankes Kind ist der größte Albtraum von Eltern - Das mobile Kinderhospiz „Netz" begleitet Familien auf ihrem Weg

Der Tod ist leider keine Frage des Alters. Er macht auch vor Kindern nicht halt. Hat das eigene Kind eine tödliche Erkrankung, dann wird der schlimmste Albtraum von Eltern zur Realität. Vom Moment der Diagnose an, ist nichts mehr wie es war. Die Familie erwartet ein Leben mit einem Kind, das mitunter rund um die Uhr Pflege und Betreuung braucht. Ein physischer, psychischer und finanzieller Grenzgang, der Partnerschaften und ganze Familienstrukturen zerbrechen lässt.

Ebenso jung wie diese kranken Kinder, ist eine Organisation in Wien, die betroffene Familien auf ihrem schwierigen Weg begleitet. Das mobile Kinderhospiz „Netz" wurde 2005 von der Palliativmedizinerin Brigitte Humer-Tischler und der Lebensberaterin Sabine Reisinger gegründet. Der Verein finanziert sich momentan fast ausschließlich über Spenden. Für die Familien ist die Betreuung kostenlos.

Zum Zeitpunkt der Diagnose

Ursprünglich stammt die Idee des Kinderhospizes aus Großbritannien. 1982 wurde in Oxford das Helen House gegründet, das erste Kinderhospiz weltweit, benannt nach dem schwerkranken kleinen Mädchen Helen. In England gibt es mittlerweile zahlreiche stationäre Einrichtungen dieser Art, in Österreich keine. „Manchmal muss hierzulande eine Intensivstationen palliative Begleitung für Kinder leisten, die nur noch wenige Wochen zu leben haben, weil kinderinterne Stationen die intensive Pflege nicht bewältigen und es keine Kinderpalliativstationen gibt", erzählt Humer-Tischler und sieht im stationären Bereich für unheilbar kranke Kinder noch dringenden Bedarf.

Im Unterschied zum Erwachsenenhospiz, geht es im Kinderhospiz jedoch nicht nur um die letzte Lebensphase der jungen Menschen. Sterbende Kinder und ihre Familien besitzen andere Bedürfnisse als sterbende Erwachsene. Deshalb treten Hospiz-Mitarbeiter bei Kindern im besten Fall schon zum Zeitpunkt der Diagnose auf den Plan. Das primäre Ziel: Die frühe Einbindung in die Begleitung der gesamten Familie, um den Angehörigen so viel Zeit wie möglich zu verschaffen, sich auf das bevorstehende Lebensende ihres Kindes vorzubereiten. „Leider werden wir von den Familien oft erst kontaktiert, wenn die Mutter zusammenbricht", beschreibt die Palliativmedizinerin die derzeitige Realität.

Augenmerk auf die Geschwisterkinder

Gesprächspartner, Manager und unterstützender Begleiter will das Kinderhospiz sein, unnötige Krankenhausaufenthalte vermeiden und notwendige stationäre Aufnahmen für die kleinen Patienten rechtzeitig anleiern. Psychologen, Pflegespezialisten und Ärzte widmen ihre Aufmerksamkeit jedoch nicht nur den kranken Kindern, sondern sämtlichen Familienmitgliedern. „Dazu gehört auch, dass eine Intensivschwester am Hochzeitstag der Eltern babysittet, damit Mama und Papa den Abend bei einem Candle Light Dinner verbringen können", erzählt Humer-Tischler.

Besonderes Augenmerk richtet das Hospiz-Team auf die Geschwisterkinder. „Es kann nicht sein, dass ein vierjähriges Kind das „Nein" sagen verlernt hat, nur um das Leben seiner kranken Schwester nicht zu gefährden", so Humer Tischler. Von den gesunden Geschwistern verlangt das Kranksein des Bruders oder der Schwester einiges ab. Permanentes Zurückstecken der eigenen Bedürfnisse, das Vermissen der Eltern und das Unverständnis der Umgebung für die eigene Situation drängen diese Kinder in Schulversagen, Depressionen und sozialen Rückzug. Um den Kindern zu helfen, versucht das Kinderhospiz-Team in den Schulen die Geschwistersituation zu erklären, vermittelt bei Konflikten oder hilft bei den Hausaufgaben. In eigenen Geschwistergruppen finden Gleichgesinnte außerdem die Möglichkeit beim Bowling oder im Schwimmbad einfach nur Spaß zu haben.

Mutter Pflegekraft, Vater Workaholic

Neben der enormen psychischen und physischen Belastung, kommt für die betroffenen Familien noch die finanzielle dazu. Denn ein krankes Kind zu haben, ist teuer. „Im Durchschnitt sind Familien nach drei Jahren Hospizbegleitung an der Armutsgrenze oder darunter", weiß Humer-Tischler. Die Schuldenspirale dreht sich. Berufstätige Mütter geben in aller Regel ihren Job auf und mutieren zu perfekten Pflegekräften. Die Väter werden zu Workaholics, um die anstehenden Rechnungen bezahlen zu können. Die Geschwisterkinder kommen immer zu kurz und das kranke Kind ist zum Mittelpunkt der Welt geworden. 

Während jedoch die Eltern an den bevorstehenden Tod des eigenen Kindes nicht einmal zu denken vermögen, ist das Thema Sterben für die kranken Kinder selbst kein Tabu. „Die Kinder gehen viel offener mit dem Sich-Verabschieden um, als die Eltern", so Humer-Tischler und beschreibt ihre Gespräche mit den Kindern als großen Gewinn.

"Leben retten"

„Kinderhospiz bedeutet Familienleben retten", betont die engagierte Allgemeinmedizinerin abschließend und beschreibt ihre Arbeit durchwegs als positiv und erfreulich. So präsent der Tod auch sein mag, auch im Kinderhospiz zählt vordringlich das Leben. Und das gilt es für die betroffenen Familien schöner, erträglicher und lebenswerter zu gestalten. (derStandard.at, 23.12.2010)

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15 Postings
rough_rider
01
mein dad

is seinerzeit im hospiz rennweg gestorben. kann nur sagen, dass die sterbehelfer dort wirklich eine sehr tolle arbeit leisten. wollte das dann auch ehrenamtlich machen, aber die ausbildungstermine konnte ich nicht nicht halten: jeden montag, zwischen 18-21 h, ein halbes jahr lang (zumindest seinerzeit war das so) - einfach unmöglich für mich.

gut so! denn so werden leute wie ich, die das vielleicht nur halbherzig betrieben hätten, schon im vorfeld aussortiert.

Chiara S.
00
29.12.2010, 14:50
[...] am Hochzeitstag der Eltern babysittet, damit sie den Abend bei einem Candle Light Dinner verbringen können" [Humer-Tischler]

Kann mir bei Gott nicht vorstellen, dass Eltern eines sterbenden Kindes Lust haben, ihren Hochzeitstag zu "begehen", statt jede noch verbleibende Zeit beim Liebsten zu bleiben, das sie haben!

Angelika70
00

Gemeinsame Zeit alleine nur mit dem geliebten Partner ist eine Überlebenshilfe in solch wahnwitzig schweren Zeiten.

Aber ich denke nicht, dass man als Unbetroffener sich diese Situation vorstellen kann.

Nicholas van Orton
01
29.12.2010, 15:02
was können wir glückliche

uns von so einer situation schon vorstellen?

all who believe in telekinetics, raise my hand
02
26.12.2010, 16:59
Ich schau grad meinen 2 Zwergen beim spielen zu, und denke mir dass es am Wichtigsten ist dass die Kids gesund sind. Alles Andere à la mein Haus mein Auto mein whatever ist fürn O*sch.

astemp79
014
23.12.2010, 20:43

Aus eigener Erfahrung darf ich sagen, dass mobile Hospize ein Segen für die Menschen sind.
Ich würde mir wünschen, dass diese Beispiele Schule machen.
Dem Mobilen Kinderhospiz wünsche ich von Herzen eine erfolgreiche Arbeit, geprägt von Liebe und Kraft in allen Belangen.
Danke!!!

ichsageuchwas
01
23.12.2010, 20:03
Bewundernswert

Meine Hochachtung! Ich denke , dass hier noch sehr viel zu tun ist, denn es geht in diesen Fällen dann auch noch oft um die Geschwister, die mit der Situation fertig werden müssen und um ihre Trauer, wenn es soweit ist.

http://erfolg.org/trauer-bei-kindern/

Sie sind doch der Rührer!
09
23.12.2010, 15:55
Hut ab!

Großer Respekt an alle, die sich hier engagieren und mitarbeiten. Als Vater ist alleine nur die Vorstellung, dass dem Kind so etwas passieren kann der pure Horror.

Deshalb werde ich beim nächsten Mal Spenden diesen Verein berücksichtigen *Notiz an mich selbst*

Rosa Stahl
03
23.12.2010, 15:17

Dank auszusprechen ist hier zu wenig!

Bewundernswert (und vielleicht für manchen auch nachahmenswert)!

chrispy_Chicken
01
23.12.2010, 14:50
auch ich ziehe den Hut....

vor den Leuten, die dort arbeiten - und noch viel mehr vor den Eltern, die diese Torturen meistern können.
Einen kleinen Kritikpunkt hätte ich: Mütter "mutieren zu perfekten Pflegekräften" - so sehr sie auch auf ihr Kind eingehen und mit ihm mit leiden, perfekte Pflegekräfte gibt es nicht, auch nicht unter denen mit Ausbildung!

HookMind
013
23.12.2010, 14:05
man kann nur den Hut ziehen

vor all diesen Leuten....

leo lander
03
23.12.2010, 13:59
in einer Gesellschaft in der mit dem Tod nicht gerechnet wird, kommt er doppelt so fett daher

eine sehr gefühlvolle und auch ehrliche Auseinandersetzung mit dem Tod eines Kindes bietet das Buch und auch der Film "Brüder Löwenherz". Der stammt auch aus einer Zeit in der der Tod noch gegenwärtiger war.

Mimo La Torre
022
23.12.2010, 13:39
Respekt!

Mein tiefer Respekt vor allen die sich hier engagieren. Als Vater verdrängt man stets die Möglichkeit, dass die Horrorvorstellung ein Kind zu verlieren jederzeit real werden kann. Ich werde heute meine Buben besonders bewusst umarmen ...

Dazu folgendes:
02
23.12.2010, 14:07

Ziehe vor diesen Leuten auch ausdrücklich meinen Hut.

Kann mich erinnern, als ich das erste mal auf Spenden für eine solche Einrichtung angesprochen wurde. Ich war auch ehrlich gesagt verstört, weil dies ein Bereich ist, mit dem man sich als Vater von Kindern eigentlich nicht einmal theoretisch gerne beschäftigt. Wer dies bewusst tut verdient meine ehrliche tief empfundene Hochachtung.

Cerberus303
06
23.12.2010, 13:33
mehr davon...

... großartige Sache!

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